„Wir wollen Flagge zeigen“

WINDSBACH (31. Januar 2020). Nach dem Spiel ist bekanntlich vor dem Spiel. Und natürlich geht es in Windsbach auch nach einer konzertreichen Adventszeit im neuen Jahr weiter im Programm. Da der Januar erfahrungsgemäß etwas ruhiger ist, fand Chorleiter Martin Lehmann Zeit für einen Rück- und Ausblick.

 
Herr Lehmann, die Vorweihnachtszeit als heißeste Phase des Chorjahres ist gemeistert – wie fällt Ihr Resümee der ersten Monate der Saison aus?
 
(lacht) Wir haben unglaublich viel gesungen! Das ging ja schon vor der Amerika-Tournee mit zahlreichen A-cappella-Konzerten und der Einweihung des neuen Chorzentrums los. Dann bekam das Patronat mit Thomas Gottschalk einen neuen und sehr prominenten Schirmherrn, wir absolvierten eine wirklich tolle Reise in die Vereinigten Staaten und nach der Rückkehr ging es eigentlich sofort in die Zeit der Weihnachtskonzerte von Kaufungen bis runter nach Südtirol. Da haben wir einiges an Strecke zurückgelegt. Und dann kam das Weihnachtsoratorium mit Konzerten in Nürnberg, Ansbach und Braunschweig. Das alles lief wie am Schnürchen, wenn man mal von den tagesbedingten Dellen absieht.
 
Wie ist derzeit die „Moral in der Truppe“?
 
Das klingt zwar etwas militärisch, aber man kann sagen: Die ist großartig! Es war wirklich toll zu erleben, wie sich der Chor schon zu Beginn des Schuljahres sortiert hat. Die Moral der Chorsänger und ihr unbedingter Wille, zusammen etwas Großartiges zu schaffen, empfinde ich als Chorleiter als großes Geschenk. Trotz der Reisestrapazen wird immer wieder Vollgas gegeben und Höchstleistung abgeliefert. Wir sind Gott sei Dank auch von großen Krankheitswellen verschont geblieben – das ist ja für einen Chor in diesen Monaten immer eine Gefahr.
 
Abseits vom Konzertleben war neben der neuen Personalie im Patronat auch die Einweihung des endlich fertig sanierten Chorzentrums ein großes Thema.
 
Ja, das wird uns perspektivisch lange tragen. Die Arbeitsbedingungen haben sich hier absolut zum Positiven verbessert. Mit Thomas Gottschalk als neuem Patronatsschirmherr können wir sicherlich deutschlandweit noch mal an Ausstrahlung zulegen. Das waren zwei wichtige strategische Punkte. Doch am meisten hat uns natürlich die Musik in den Konzerten beschäftigt.
 
Wo besonders?
 
Auf jeden Fall gab es auf der Amerika-Tournee ganz großartige Auftritte. Die Begegnung im Wartburg College mit dem dortigen College Choir war so ein Erlebnis. Und das Abschlusskonzert in Chicago, wo wir, glaube ich sagen zu können, unsere aktuellen Programmstücke von Bach und Poulenc so gut wie selten live gesungen haben; hier haben die Jungs echte Gradmesser der Chormusik herausragend gemeistert – und das am Ende einer ja doch anstrengenden Reise. Das dokumentiert eben auch wieder die gute Stimmung, die hier im Chor und untereinander herrscht: Wenn die Jungs nach einem tollen Konzert im Bus auf der Rückfahrt ins Hotel echt ausgelassen sind – so etwas gemeinsam erleben zu dürfen, war und ist wunderbar.
 
Der Blick zurück fällt also schon mal gut aus. Worauf freuen Sie sich in den nächsten Monaten?
 
Natürlich auf unser erstes Konzert im neuen Jahr, wenn wir am 2. Februar in der Hamburger Elbphilharmonie auftreten. In diesem Raum haben wir ja noch nie gesungen und er wird uns sicherlich einiges abverlangen. Aber es ist eine Herausforderung, auf die wir echt gespannt sind. Das Konzert ist schließlich restlos ausverkauft; der Chor war ja lange nicht mehr in Hamburg. Und dann steht Anfang April Bachs Matthäuspassion an. Das war für mich schon immer ein Traum, mit den Windsbachern nach der Johannespassion auch dieses Werk musizieren zu dürfen. Darauf leben wir jetzt erst mal hin.
 
Gibt es weitere Höhepunkte im Konzertprogramm?
 
(grinst) Na ja, eigentlich wollen wir ja jedes der zahlreichen Konzert zu einem machen. Und gute Möglichkeiten sind dafür sicherlich die gemeinsamen Auftritte mit Simone Rubino, mit dem wir im vergangenen Jahr unsere neuste CD „Water & Spirit“ aufgenommen haben. Mit ihm treten wir in der Elbphilharmonie und dann im Sommer bei den Brandenburgischen Sommerkonzerten auf. Im Juni sind wir unter anderem beim Knabenchor Hannover zu Gast, der in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen feiert. Hier wollen wir bewusst Flagge zeigen. Und zum Schuljahresende werden wir uns wieder auf Händels Messiah vorbereiten, den wir dann im November wieder aufführen und dann auch für CD aufnehmen wollen. Wir haben also viel vor – und viel zu tun.
 
Große Projekte bedeuten auch immer große Herausforderungen. Wie sehen diese aus Sicht der Choristen aus? Was erwartet sie?
 
Zum einen stellt der stete Wandel eines Knabenchors eine Herausforderung dar – auch an jeden einzelnen, sich hier immer wieder neu zu integrieren. Jüngere wachsen nach und müssen in das Ensemble und seinen Klang eingebunden werden. Das gilt für jedes auch noch so einfache Repertoirestück. Und bei einem so großen Werk wie der Matthäuspassion kommt natürlich auch noch der Anspruch an die Kondition der Sänger dazu. Es gibt lange Phasen, wo der Chor nicht singt und trotzdem die Spannung und Konzentration aufrecht erhalten sein muss.
 
Wie ist der Chor aktuell klanglich aufgestellt?
 
Wir hatten im vergangenen Sommer das Glück, einen großen Einstiegsjahrgang begrüßen zu dürfen. Das Ziel ist es, diese Jungs jetzt so zu trainieren, dass sie möglichst bald in den Proben- und Konzertchor kommen. Daher beschäftigen sich auch diese Jüngeren bereits heute mit den Chorpartien der Matthäuspassion, denn auch im kommenden Jahr 2021 führen wir das Werk auf und verfügen dann über junge Chorsänger, die die Musik bereits kennen und können. Der Chor an sich ist derzeit gut aufgestellt, die Zahlen sind okay: 28 Neue sind dazugekommen, 128 sind somit aktuell „im Chor“; der Probenchor ist mit rund 95 Sängern in einer guten Stärke. Und wie gesagt: Die „Moral in der Truppe“ ist hervorragend.
 
Herr Lehmann, danke für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen und den Jungs wie ihrem Publikum wunderbare Konzertmomente und natürlich allzeit gute Fahrt.