„Süchtig nach diesem Chorgesang“

WIESBADEN. Dezember 2008, kurz vor der Stellprobe für das Weihnachtsoratorium im Thiersch-Saal des Kurhauses: Als er gebeten wird, für das Online-Magazin ein paar Fragen für einen Artikel in der Rubrik „Partner des Windsbacher Knabenchores“ zu beantworten, lächelt der Sänger Klaus Mertens: „Partner? Wir sind doch Freunde!“
 
Und nach den ausführlichen Antworten fügt er fast schon entschuldigend hinzu: „Ich hoffe, das ist jetzt nicht zu lang geworden, aber aufgrund meiner weiterhin anhaltenden großen Begeisterung für Chor und Chorleiter fiel es mir schwer, mich kurz zu fassen…“
 
Gefragt hatten wir Klaus Mertens, der schon oft mit den Windsbachern musizierte, über sein jüngstes Engagement: das Weihnachtsoratorium in Wiesbaden, Nürnberg Ansbach und Zürich. „Ich empfand jedes der Konzerte – wie ganz offensichtlich auch das jeweilige Publikum – als äußerst glaubwürdig, wohltuend, erbauend, stimmig, schlicht als etwas sehr Besonderes“, sagt der Sänger und fügt hinzu: „Wie ein Geschenk schon vor dem Fest. Ich vergaß dabei selber ganz, dass ich ja zugleich am Ende eines prall gefüllten Konzertjahres stand – ich hätte endlos weitersingen können…“
 
Auch das Publikum hätte Klaus Mertens, den anderen Solisten, Chor und Orchester wohl noch länger zuhören können, glaubt man den Zeitungskritiken, in denen es unter anderem über den Sänger hieß: Seinem „Bass ist ein schlankes Strahlen eigen, dessen baritonale Fülle den Zuhörer schon mit dem ersten Ton in seinen Bann schlägt. Arien und Rezitative gehen bei ihm stilistisch Hand in Hand, sein Gesang ist gesungenes Wort, ist fesselnde Lesung und Predigt zugleich.“
 
Was aber war für Klaus Mertens das Besondere am gemeinsamen Musizieren mit seinen Windsbacher Freunden? „Mir gefällt es grundsätzlich sehr, [diese] Musik von einem guten Knabenchor gesungen zu erleben. Das ist ein ganz besonderes Erlebnis“, nennt Mertens die Zusammenarbeit, die er als „etwas Authentisches“ empfindet, da sie die „originäre Situation zur Zeit Bachs“ widerspiegele. „Hinzu kommt das nahezu perfekte gemeinsame Musizieren aller Beteiligten; das Werk scheint aus einem Guss zu sein – eine Frucht auch der ebenso langen wie erfolgreichen Zusammenarbeit der Windsbacher mit dem DSO Berlin. Hier trifft ein exzellenter Chor auf ein ebensolches Orchester.“
 
Chor und Orchester sind laut Mertens eine Einheit. Und wie sieht er die Zusammenarbeit von Chor und Dirigent? Was schätzt er an diesen Partnern? „Die Knaben und genauso die junge Männer sind hochgradig motiviert, interessiert an dem, was sie tun“, schwärmt der Künstler. Der gesamte Chor zeichne sich sowohl tagsüber, im „normalen Leben“, auf den Reisen und natürlich auch während der Proben durch große Frische, Lebendigkeit und reges Interesse aus. „Es herrscht eine gute, gesunde Atmosphäre, man kennt einander gut.“
 
Kann also nichts passieren? Klaus Mertens ist zu sehr Profi, als dass er den Windsbacher Knabenchor für einen Selbstläufer hält. Im Gegenteil: Er spürt, dass „es auf den Abend, das Konzert, den ‚Ernstfall‘ hin immer noch Reserven, Steigerungsmöglichkeiten gibt.“ Dann beweise sich die gute Ausbildung: „Beispielsweise in den Koloraturen, selbst bei den Sopranen – mit virtuoser Technik!“
 
In allergrößter Konzentration auf den Chorleiter und ebensolcher Motivation an der Sache brächten es die Windsbacher jedesmal von Neuem zu atemberaubenden Spitzenleistungen, schwärmt Mertens. Die Schlüsselstellung komme dabei natürlich dem Dirigenten zu, Karl-Friedrich Beringer: „Er hatte offenbar schon früh die nötigen Visionen und Vorstellungen vom Chorklang der Windsbacher und formte schließlich mit all seinem pädagogischen, seinem künstlerischen Vermögen, ja mit größtmöglichem persönlichen Einsatz diesen Chor.“
 
Nur so kann es sich Mertens erklären, was „bei uns Solisten wie dem Publikum Stürme der Begeisterung hervorruft, wenn der Chor nach langem Reise- und Probentag dann ein perfektes Weihnachtsoratorium singt und Karl-Friedrich Beringer als Zugaben schließlich noch A cappella-Stücke von einer solchen Qualität und Schönheit singen lässt, dass einem förmlich der Atem stockt oder dass man süchtig werden könnte nach dem Chorgesang der Windsbacher.“