Emotionaler Abschied aus Windsbach

WINDSBACH (29. Juli 2011). Auch wenn sich in diesem Jahr für den Anfang 2012 aus dem Dienst scheidenden Chorleiter Karl-Friedrich Beringer die „letzten Male“ häufen, gibt es für ihn heuer – nolens volens – auch ein „erstes Mal“: die Verabschiedung gleich zweier Abiturientenjahrgänge – dank G8.
 
Traditionell hatte die Fördergesellschaft zum Choressen am Ende des Schuljahres eingeladen. In der Windsbacher Stadthalle fanden sich neben den aktiven Sängern viele Eltern, Ehemalige, Fördermitglieder – sprich: Freunde der Windsbacher – ein, um sich von 18 jungen Männern zu verabschieden: vier „G9lern“, 13 „G8lern“ und einem Absolventen der Fachoberschule. Alle, die angetreten waren, die Hochschulreife zu erlangen, waren erfolgreich.
 
Nachdem die Schlacht am kalten Buffet, dessen „Frontlinien“ in diesem Jahr erstmals von Elisabeth Wiesinger, Küchenchefin im Wiesinger Hof in Bertholdsdorf, festgelegt wurden, geschlagen war, ergriff der Chorleiter das Wort: „Für mich ist das heute eine seltsame Situation. Alle Jahrgänge seit 1979 sind mir ans Herz gewachsen – aber dieses Jahr ist schon allein deshalb unvergesslich, weil es heuer der letzte ist, den ich verabschiede.“
 
Karl-Friedrich Beringer erinnert sich gerne an „das, was wir zusammen erlebt haben“, auch wenn er hier die turbulente Zeit in den Jahren 2004 bis 2006 nicht ausklammern kann, es aber auch gar nicht will: Als man ihn, den Chor und das Internat angriff, konnte man auch erleben, wie sehr der Chor gerade dadurch zusammenwuchs. Die heutigen Abiturienten waren damals Knabenstimmen: „Ihr habt mitgeholfen, dass wir zusammengehalten haben“, bedankte sich der „Chef“: „Und ab 2006 konnten wir uns noch mal raketenartig steigern!“
 
Doch der Dank Beringers wurzelt auch im zwischenmenschlichen Bereich: „Danke, dass Ihr immer offen und ehrlich zu mir und untereinander gewesen seid – gesagt habt, wenn etwas nicht passt.“ Dies sei eine prägende „typisch Windsbacher“ Eigenschaft aller Choristen. Denn mache es nicht gerade einen Freund aus, dass er einem auch mal die Meinung sagen dürfe: „Ihr habt Euch zu tollen Menschen entwickelt – und ich wünsche mir und Euch, dass Ihr diesen Weg weiter geht.“ Der Chorleiter ließ auch nicht unerwähnt, dass sich gerade bei den scheidenden Männerstimmen auch solche gefunden hätten, die sich um Schwächere in ihren Reihen gekümmert und ihnen somit durch ihre Zeit in Windsbach geholfen hätten. Das mache für ihn Gemeinschaft aus: „Wenn ich mir Euch so anschaue, mache ich mir keine Sorgen um die Zukunft.“
 
Aufrichtige Worte also für einen systembedingt großen Abiturientenjahrgang: Moritz von Bernus, Lukas von Brockdorff, Aaron Ferenczy, Jörg Geißelsöder, Michael Gernert, Max Grytz, Ernst Hauser, Julian Henkelmann, Martin Hofmann, Philipp Köhner, Maximilian Lorenz, Felix Mögel, Benedikt Mößner, Julis Reil, Sven Scholkowski, Jakob Schweißhelm, Andreas Urban und Pascal Warzecha. Jeder erhielt neben der Chor-Uhr auch die obligatorische Mappe mit einer Urkunde, einem Abiturientenfoto, früheren Bildern, dem „Zeugnis“ der musikalischen Eignungsprüfung mit den damals gesungenen Stücken, der ersten Probe- und Reisechorbesetzung, in der der eigene Name auftauchte, einem Ausdruck der Besetzung seines letzten Konzerts am 31. Juli im Rahmen der Ansbacher Bachwoche und natürlich einer Auflistung aller gesungenen Werke und Konzerte. Spitzenreiter war hier übrigens Michael Gernert mit 675 Auftritten und 16 Auslandsreisen, wobei dieser „Rang“ nicht zuletzt daran lag, dass der Sänger keinen Stimmbruch durchlebte und bis zuletzt als „ewiger Sopran“, wie ihn Beringer augenzwinkernd nannte, im Chor wirkte.
 
Für jeden fand der Chorleiter freundliche und lobende Worte: So erfuhr man, dass Julius Reil nach nervenraubenden Chorproben und resignierten Abbrüchen ohne den „Chef“ weitermachte, um kurze Zeit später bei ihm im Büro vorbeizuschauen: „Ich glaube, jetzt geht’s…“; oder Beringer erzählte von der Reise nach Polen, in deren Verlauf die Männerstimmen das ehemalige Konzentrationslager in Auschwitz besuchten und der damals 15-jährige Ernst Hauser dem Chor auf eigene Faust nachreiste, um den Austausch mit den israelischen Musikern miterleben zu können – Ernst stand nämlich nicht auf der Reisechor-Liste… „Ihr seid jetzt bald weg aus Windsbach“, schloss Karl-Friedrich Beringer seine Ansprache: „Und damit fehlt Euch vielleicht auch der ,Schutzwall?, den es hier gibt. Aber im Kopf werdet ihr ihn behalten und somit könnt Ihr allen Widerständen in der Welt trotzen. Solche wie Euch braucht unsere Gesellschaft.“
 
Bevor zum Nachtisch die Schokoladenbrunnen zu sprudeln begannen – Elisabeth Wieseinger weiß, wie man Kinder dazu bringt, frisches Obst zu essen –, verabschiedete sich der Chorleiter noch von Ute Büttner, die nach 20-jähriger Tätigkeit als Stimmbilderin in Windsbach den Wechsel am Dirigentenpult für einen beruflichen Wandel nutzt und nun im heimischen Künzell eine private Gesangsschule betreibt. Sie habe mit den Sängern unzählige Werke einstudiert, die dann im Laufe ihrer Tätigkeit vom 1. September 1991 bis zum 31. Juli 2011 in 2.108 Konzerten zur Aufführung gekommen seien. Für Beringer „ein Glücksgriff“ verabschiedete sich Büttner tief bewegt: „Es war eine bereichernde Arbeit – danke, dass ich hier sein durfte.“
 
Seitens der Abiturienten gab es natürlich ebenfalls Geschenke: Internatsdirektor Thomas Miederer bekam ein überdimensionales Weizenbierglas mit persönlicher Abi-Gravur, Ulrike Sauerbier eine juvenile Fotocollage ihrer „Kinder“, die sich bei der „besten Chormutter der Welt“ bedankten, Heidi Beringer konnte sich als Gattin des Chorleiters über einen Blumenstrauß freuen und der „Chef“ selber bekam eine Pfeife seines Lieblings-Pfeifenmachers Poul Winsløw aus Dänemark. Sauerbier hatte aber auch gleich noch einen Auftrag an die Abiturienten, für dessen Erfüllung sie jedem demonstrativ eine DVD mit dem Imagefilm des Chores in die Hand drückte: „Schickt mir jeder einen neuen Windsbacher…“
 
Und dann erlebte das Choressen für viele eine Premiere: Nachdem sich die verbleibenden Männerstimmen 2008 von „ihren“ Abiturienten eher humorvoll verabschiedeten, hatten die Aktiven in diesem Jahr eine emotionale Hommage vorbereitet, die nicht nur die scheidenden Choristen, sondern auch viele in den Reihen der Gäste zu Tränen rührte – unvermittelt stimmte der Tenor Max Rüb, derzeit noch Absolvent seines „Freiwilligen sozialen Jahres“ im Studienheim und bis 2010 ebenfalls Windsbacher, ein Abschiedslied an, für das sich die jüngeren Männerstimmen dann im Chor positionierten: „Aus und vorbei“ hieß das erste Arrangement aus der Feder von Rüb, dem ein gesungener Segenswunsch folgte. Dann aber intonierten die Tenöre und Bässe mit „Lebt wohl Abis“ ein zu Herzen gehendes Lied, in dem jeder einzelne Abiturient mit einer persönlichen und solistisch von einem der jungen Kollegen vorgetragenen Strophe verabschiedet wurde. Bleibt zu wünschen, dass die derart angestimmten Wünsche in Erfüllung gehen – und hier besonders einer: „Auf Wiedersehen!“