Mitten in der Szene drin

MARKTOBERDORF (29. Mai 2013). Windsbacher werden nicht automatische Musiker – aber sie bleiben der Musik und dem Chorgesang in der Regel ihr Leben lang eng verbunden. Viele werden in Chören weitersingen, egal ob im heimischen Kirchenchor oder im hochqualifizierten Ensemble auf semiprofessioneller Basis. Einer, der anfangs einen anderen Weg eingeschlagen hat und dennoch heute hautnah an der deutschen Chormusik „dran“ ist, ist Simon Pickel, der von 1990 bis 2001 im Windsbacher Knabenchor sang. Seit 2011 ist Simon Generalsekretär der Bundesvereinigung Deutscher Chorverbände (BDC) und erzählt im Interview von (s)einer spannenden Arbeit.
 
Frage: Was ist die Aufgabe der Bundesvereinigung Deutscher Chorverbände?
 
Simon Pickel: Die BDC der Dachverband der vokalen Amateurmusik in Deutschland. Bei uns haben sich sechs nationale Chorverbände zusammengeschlossen, um ein gemeinsames Netzwerk zu bilden und die Kräfte zu bündeln. Eine der Hauptaufgaben der BDC besteht also in der Vernetzung der einzelnen Verbände untereinander. Aber die BDC wirkt auch nach außen: So sind wir die gemeinsame Schnittstelle zur (Kultur-)Politik, zu den Medien und der allgemeinen Öffentlichkeit. Wir versuchen dabei aber nicht, die Arbeit unserer Verbände zu ersetzen, sondern diese sinnvoll zu ergänzen und zu unterstützen. Vor allem gegenüber Politikern braucht es ein zentrales Sprachrohr und dieses wollen wir sein. Eine traditionelle Aufgabe der BDC ist die Bearbeitung der Anträge auf Verleihung der Zelter-Plakette, eine Auszeichnung des Bundespräsidenten für Chöre mit mindestens 100-jähriger Tradition. Für die Verleihung der Plaketten veranstalten wir jedes Jahr die „Tage der Chor- und Orchestermusik“. Über die Quantität hinaus will die BDC aber auch zeigen, was qualitativ in der Chormusik möglich ist und hier neue Impulse geben. Mit dem Titel „Chordirektor BDC“ zeichnen wir Dirigenten von Amateurchören aus, die konzeptionell wie fachlich eine beispielhafte Arbeit leisten – erst im Februar dieses Jahres konnte ich mit Uwe Ungerer einem ehemaligen Windsbacher die entsprechende Urkunde überreichen.  Und mit dem Internationalen Kammerchor-Wettbewerb Marktoberdorf, der gerade an Pfingsten zum 13. Mal stattgefunden hat und dem ebenso im Allgäu beheimateten Festival Musica Sacra International, bei dem geistliche Musik aus allen Weltreligionen zusammengeführt wird, sind zwei bedeutende Festivals unter der Trägerschaft der BDC.
 
Frage: Und wie wird man deren Generalsekretär? Hat die Ausbildung in Windsbach da auch einen Einfluss gehabt?
 
Simon Pickel: Ganz klassisch über eine Bewerbung. Ich denke aber schon, dass es mir geholfen hat, dass ich aus der Chorwelt komme und die Szene verstehe. Auch wenn die Welt der Amateurchöre natürlich sehr breit aufgestellt ist und immer differenzierter wird. Für fast jede gesellschaftliche Strömung gibt es inzwischen einen speziellen Chor: Kinder-, Senioren-, Migranten- Pop-/Rock-Chöre und vieles mehr. Da gibt es immer wieder spannende neue Sachen zu entdecken. Manchmal ist es zwar gut gemeint, führt aber dann doch etwas am eigentlichen Ziel vorbei – insbesondere, wenn ich an Chöre wie den „Ich-kann-nicht-singen-Chor“ aus Berlin denke. Grundsätzlich ist es aber für meine Arbeit sicher wichtig, dass man sich selbst mit dem Chorsingen identifizieren kann und auch die nötige Portion Idealismus mitbringt. Viele momentane Entwicklungen in der Chorverbandsszene lassen daran zweifeln, ob hier immer die Musik im Mittelpunkt steht. Da sehe ich mich, auch gerade Dank meiner Zeit bei den Windsbachern, etwas im Vorteil.
 
Frage: Seit wann bist Du denn hier in Amt und Würden? Und was hast Du vorher gemacht – beruflich und sängerisch?
 
Simon Pickel: Zunächst habe ich Internationales Kulturmanagement in Freiburg studiert und mich dann nach einigen Praktika bei Festivals und an Theatern für ein Musikwissenschafts- und Germanistik-Studium entschieden. Neben dem persönlichen Interesse daran war und bin ich der Meinung, dass man etwas nur dann gut und überzeugend verkaufen oder sich für eine Sache politisch einsetzen kann, wenn man weiß, wovon man redet. Auch im direkten Kontakt mit Sängern oder Dirigenten hilft das sehr. Meine beruflichen Anfänge hatte ich dann aber im Orchesterbereich: Ich war vier Jahre lang im Management des „Chamber Orchestra of Europa“ und habe dort als Personal- und Probendisponent gearbeitet. Seit September 2011 bin ich nun in Marktoberdorf, was natürlich ein kleiner Kontrast zum vorherigen Leben in London und Berlin ist. (lacht) Aber nicht jeder kann von sich behaupten dort arbeiten zu dürfen, wo andere Menschen Urlaub machen.
 
Frage: Wie sieht der Arbeitsalltag des BDC-Generalsekretärs aus? Hörst Du da denn viel Musik?
 
Simon Pickel: Musik höre ich alleine schon deshalb viel, da wir im selben Büro wie unsere beiden Marktoberdorfer Festivals untergebracht sind. Hier läuft fast immer eine CD von irgendeinem Chor. Aber meine Arbeit selbst hat nur bedingt etwas mit der Musik zu tun. Ich bin zunächst für die wirtschaftliche Geschäftsführung zuständig; aber auch die Kommunikation mit unseren Mitgliedsverbänden, mit anderen Organisationen und mit der Politik steht alltäglich im Mittelpunkt; da bin ich viel mit Mails schreiben und telefonieren beschäftigt. Eine wichtige Rolle spielen auch bei uns inzwischen die modernen Medien, neben unserer neuen Homepage (www.chorverbaende.de), auf der wir alle relevanten Informationen rund ums Chorsingen bündeln wollen, haben wir eine eigene Facebook-Seite, die ich versuche so aktuell wie möglich zu halten; und wir versenden regelmäßig einen Newsletter. Da wir eine bundesweite Organisation sind bin ich zudem viel unterwegs: bei Sitzungen, auf Kongressen aber auch bei den eigenen Veranstaltungen unserer Mitgliedsverbände. Und da bekomme ich sehr viel gute Musik zu hören!
 
Frage: „Bundesvereinigung deutscher Chorverbände“ – das klingt nach vielen Mitglieds-Teilen und noch mehr Mitgliedern. Wer ist denn alles in der BDC?
 
Simon Pickel: Die einzelnen Chöre sind gar nicht Mitglied in der BDC. Bei uns haben sich die beiden kirchlichen Chorverbände – der Allgemeine Cäcilien-Verband für Deutschland (ACV) und der Chorverband in der evangelischen Kirche Deutscheland (CEK) –, der Kinder- und Jugendchorverband Arbeitskreis Musik in der Jugend e.V. (AMJ), der Internationale Arbeitskreis für Musik e.V. (IAM), ein Verband, der auf Kursangeboten mit chorischem Schwerpunkt spezialisiert ist, der Verband Deutscher KonzertChöre (VDKC) und unser neuestes Mitglied, der deutsche Verband der Pueri Cantores zusammengeschlossen. Insgesamt vertreten unsere Verbände 34.000 Chöre und rund 800.000 Sängerinnen und Sänger.
 
Frage: Und was bringt den einzelnen Verbänden und Ensembles eine Mitgliedschaft?
 
Nicht alle Chöre in Deutschland sind in einem Verband organisiert, aber eine Mitgliedschaft bringt zahlreiche Vorteile: So haben Chorverbände in der Regel ein besonderes Abkommen mit der GEMA, was insbesondere für Amateurchöre eine große Erleichterung darstellt. Wichtig ist natürlich die fachliche Beratung, die unsere Verbände leisten, natürlich auch in juristischen Fragen, und die nationale und internationale Vernetzung, von der die Chöre profitieren. Die Verbände organisieren ein umfangreiches Kursangebot zur Aus- und Fortbildung für Sänger und Dirigenten, veranstalten eigene Chortreffen und andere Festivals und leisten so einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung und Weiterentwicklung der schillernden Chorlandschaft, die wir in der Bundesrepublik haben. Nicht umsonst gilt Deutschland als das Mutterland der Chormusik.
 
Frage: Wo ist der Windsbacher Knabenchor eigentlich Mitglied und gibt es Beziehungen zur BDC?
 
Simon Pickel: Die Windsbacher sind in mehreren Verbänden Mitglied, unter anderem im VDCK. Wir sind natürlich stolz darauf, dass unsere Verbände auch so hochkarätige Aushängeschilder haben. Auch die Tölzer oder der Knabenchor Hannover sind beispielsweise Mitglied im VDKC und im AMJ. Für meine Arbeit ist es natürlich hilfreich, auch auf meine Verbindungen zu den Windsbachern zurückgreifen zu können. Zuletzt habe ich dies für die „Tage der Chor- und Orchestermusik“ in Ulm und Neu-Ulm getan, bei denen mit dem Ensemble miXtur auch ehemalige Windsbacher aufgetreten sind. Im Übrigen habe ich Martin Lehmann an Pfingsten als Gast beim Internationalen Kammerchor-Wettbewerb hier in Marktoberdorf gesehen – die Verbindung funktioniert also auch andersherum.
 
Frage:  „Grau ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldner Baum“, dichtete Johann Wolfgang von Goethe. Was ist denn für einen ehemaligen Windsbacher an der Verbandsarbeit für Chöre spannender als selbst zu singen?
 
Simon Pickel: Dass es spannender ist, kann ich nicht sagen, dafür bin ich zu sehr Musiker. Aber meine Arbeit hat ganz andere Facetten, die sehr spannend sein können. Als ich 2011 zur BDC kam, befand sich der Dachverband gerade in einer Phase der Neuausrichtung, Hier konnte ich durchaus konzeptionell mitarbeiten, eigene Vorstellungen und vielleicht auch eine unverkrampfte Sichtweise von außen mit einbringen und so den Prozess aktiv mitgestalten. Die Voraussetzungen im Großen für die Chorarbeit im Kleinen zu schaffen, ist eine Herausforderung, die niemals langweilig wird, auch wenn die Chöre selbst davon nur sehr wenig mitbekommen. Aber welchen Kreisligaverein interessiert denn schon der DFB? Wenn wir dann allerdings unsere großen bundesweiten Projekte veranstalten, dann sind viele Chöre erstaunt, welche Vielfalt es in der deutschen Amateurmusik gibt, von der sie bislang noch gar nichts mitbekommen haben. Hier wollen wir auch neue Horizonte eröffnen. Das aktive Singen ist bei mir in den letzten Jahren leider viel zu kurz gekommen; aber auch das versuche ich so oft wie es beruflich geht beim Heinrich-Schütz-Ensemble in Passau unterzubekommen.
 
Frage:  Du sprichst von einer Neuausrichtung. Vor welchen Herausforderungen steht die BDC?
 
Simon Pickel: Leider haben wir im deutschen Chorverbandswesen eine sehr unglückliche Zweiteilung. Der mitgliederstärkste Verband, der Deutsche Chorverband, ist Ende 2011 aus der BDC ausgetreten, da er die Vorteile einer Vernetzung der Chorverbände untereinander und einer gemeinsamen Interessensvertretung nicht mehr gesehen hat und den gemeinsamen Weg nicht mehr mitgehen wollte. Dies führt nun dazu, dass die Chorverbände nicht mehr mit einer Stimme sprechen können, was von der Politik nicht mit Wohlwollen aufgenommen und in der allgemeinen Öffentlichkeit nicht mehr verstanden wird. Sätze wie „Konkurrenz belebt das Geschäft“ haben meiner Meinung nach in der Amateurmusik nichts verloren und nichts ist der eigentlichen Sache, dem Chorsingen, abträglicher, als wenn Organisationen gegeneinander arbeiten und dabei Geld, Macht und das Geltungsbedürfnis eines Verbandes die Vorgehensweisen bestimmen. Wie diese Spaltung die Weiterentwicklung der Chorlandschaft behindert sieht man an den Diskussionen um die Einrichtung eines Bundesjugendchores als dringend benötigtes nationales Spitzenensemble, was sich nunmehr seit zwei Jahren hinzieht und bei allen, denen die Musik am Herzen liegt, nur noch Kopfschütteln hervorruft. Musikalische Kriterien und qualitative Ansprüche spielen hierbei schon längst keine Rolle mehr. Wir bei der BDC stehen also vor großen Herausforderungen und ich kann nur hoffen, dass am Ende die Vernunft und die Musik siegen.
 
Frage:  Der BDC hat es ja hauptsächlich mit Laienchören zu tun. Für einen ehemaligen Windsbacher ist es aber oft schwierig, gerade hier Fuß zu fassen, da er durch die frühere intensive Chorarbeit doch eher höhere Ansprüche gewohnt ist. Warum sollte er trotzdem weiter singen. Und wo?
 
Simon Pickel: Der Begriff Amateur- oder auch Laienchor und -musik im Allgemeinen hat leider eine etwas negative Konnotation. Es ist sehr schwierig für Musikensembles, für die das Musizieren nicht die Haupterwerbsquelle ist, einen passenden Begriff zu finden, der nicht zu sperrig ist. Auch wenn die üblichen örtlichen Männergesangsvereine und kleine Kirchenchöre natürlich zur Welt der Amateurmusik gehören – und übrigens ein wichtiger Teil unserer Chortradition in Deutschland sind! –, so muss man doch sagen, dass die Qualität vieler Chöre überaus hoch ist. Es wird an vielen Orten herausragende Chorarbeit geleistet! Das Angebot ist also überall da, man muss es nur nutzen. Und es gibt die vielfältigsten Möglichkeiten, sich in einem Chor zu betätigen: vom ambitionierten Kammerchor bis hin zu exzellenten Jazz-/Rock-/Pop-Chören, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Und dass gemeinsames Musizieren unschätzbare pädagogische und soziale Effekte hat, ist mittlerweile allgemein bekannt. Man kann nicht früh genug damit anfangen und man kann nicht spät genug damit aufhören. Das gemeinsame Miteinander und die Begegnung stehen überall im Mittelpunkt und wir, die wir bei den Windsbachern diese wertvollen sozialen Kompetenzen erworben haben, haben vielleicht auch eine Verpflichtung, diese ein Stück weit nach außen zu tragen.