Mozart war begeistert!

WINDSBACH (25. Juni 2018). BWV 226 oder „Der Geist“, wie Bachs Motette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ unter Chorsängern kurz und knapp genannt wird, ist Teil des Bach-Programms, das die Windsbacher in diesem Sommer aufführen.

Wie begeistert Wolfgang Amadeus Mozart wohl gewesen wäre, würde er die Windsbacher eine Bach-Motette singen hören? 1789, also 157 Jahre, bevor Hans Thamm den Knabenchor gründete, war es der Thomanerchor, der in Leipzig „Singet dem Herrn“ anstimmte. Das hörte Mozart und war von der Musik äußerst angetan: „Das ist doch einmal etwas, woraus sich etwas lernen lässt“, zitiert ihn ein Chorknabe in späteren Erinnerungen: „Man erzählte ihm, dass diese Schule, an der Sebastian Bach Kantor gewesen sei, eine vollständige Sammlung seiner Motetten besitze und als eine Art Reliquien aufbewahre. Das ist recht, das ist brav – rief er: zeigen Sie her! Man hatte aber keine Partitur dieser Gesänge; er ließ sich also die ausgeschriebenen Stimmen geben – und nun war es für den stillen Beobachter eine Freude zu sehen, wie eifrig Mozart sich setzte, die Stimmen um sich herum, in beide Hände, auf die Knie, auf die nächsten Stühle verteilte, und, alles andere vergessend, nicht eher aufstand, bis er alles, was von Sebastian Bach da war, durchgesehen hatte.“
 
Bachs Motetten sind sieben zwei- bis elfsätzige Werke, die überwiegend in den 1720er Jahren in Leipzig entstanden. Der Nummerierung des Bach-Werke-Verzeichnisses folgend sind es (ab BWV 225) „Singet dem Herrn ein neues Lied“, „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“, „Jesu, meine Freude“, „Fürchte Dich nicht, ich bin bei Dir“, „Komm, Jesu, komm“ und „Lobet den Herrn, alle Heiden“ sowie „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn“ als BWV-Anh. 159. Die Motetten zählen zu den wenigen Kirchenmusiken, die Bach nicht für den regulären liturgischen Gebrauch komponierte, auch wenn das Singen von Motetten als Eröffnung des Hauptgottesdienstes und auch zu den Vespern in St. Thomas und St. Nikolai zum festen liturgischen Ablauf gehörte; allerdings erklangen hier eher die meist leichteren, lateinisch-sprachigen Motetten des „Florilegium Portense“, einer Sammlung von 150 Motetten des 16. und frühen 17. Jahrhunderts.
 
Gesicherte Quellenlage
Bachs eigene Motetten dienten Kasualien, waren also vermutlich überwiegend anlässlich von Begräbnisfeiern ihm nahestehender, angesehener Bürger Leipzigs entstanden. Gewissheit gibt es hier allerdings nur bei einem dieser Werke: BWV 226 – „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“. Hier vermerkt der Autograph einen solchen Kompositionsanlass: Im Oktober 1729 starb Johann  Heinrich Ernesti, seines Zeichens Professor für Dichtung an der Leipziger Universität und von 1684 bis zu seinem Tod Rektor der Thomasschule.
 
Auf dessen Wunsch hin vertonte Bach die Stellen aus dem Römerbrief sowie die dritte Strophe des Luther-Chorals „Komm, Heiliger Geist“, denn Ernesti hatte die Bibelverse selbst als Predigttext für seine Begräbnisfeier vorgesehen. Der Text ist jedoch nicht von Trauer, sondern von Zuversicht bestimmt, was Bach durch einen tänzerischen Duktus aufgreift. Hier wird seine musikalische Hermeneutik besonders deutlich: Nach oben verlaufende Koloraturen stehen für den Geist, während der irdische Mensch mit seinem sich wiederholenden „Wir wissen nicht“ seine Verlorenheit ausdrückt. In Sekundschritten wird das „unaussprechliche Seufzen“ versinnbildlicht.
 
Der Tradition dieser Gattung folgend bilden Bibelworte und Kirchenliedstrophen auch bei Bachs Motetten die textliche Grundlage. Das Repertoire der kompositorischen Satztechniken aus strenger Kontrapunktik, verschiedenen Formen der Choralbearbeitung und eine oft doppelchörige Anlage mit Reduktion auf die gängige Vierstimmigkeit in den Schlussätzen dokumentiert die Übernahme tradierter Gestaltungsmomente; die tektonischen Zusammenhänge sind bei Bach indes weitaus größer.
 
Mit oder ohne Instrumente?
Ebenfalls gattungsgeschichtlich erklärt sich der Verzicht auf selbstständig geführte Instrumente. Die im 19. Jahrhundert gebräuchliche rein vokale Aufführung sowie die in der Barock-Zeit colla parte spielenden Instrumente sind weitere Varianten, worauf unter anderem das vorhandene Aufführungsmaterial von BWV 226 und von Bach selbst vorgenommene Instrumentaleinrichtungen von Motetten seines Onkels Johann Christoph hinweisen. Da für die Aufführung doppelchöriger Motetten unterschiedliche Klangfarben benötigt wurden, wurde bei BWV 226 der erste Chor von Streichern und der zweite von Holzbläsern verdoppelt. Orgel und Violone spielten die gemeinsame Basslinie gemeinsam, wodurch beide Chöre verbunden wurden. Beide Chöre vereinen sich denn auch bei den Worten „Der aber die Herzen forschet“ zu einem vierstimmigen Satz; in gleicher Weise wird auch in den abschließenden Choral eingeführt.
 
Das Foto von Susanne Auhl zeigt das Bach-Denkmal vor der Leipziger Thomaskirche.