Beringers Rückblick: Auf Reisen

WINDSBACH (3. Januar 2012). Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen, wusste schon früh der Dichter Matthias Claudius. Karl-Friedrich Beringer und seinen Windsbachern geht es nicht anders, weswegen sich die Fragen an den Dirigenten diesmal um etwas recht großes drehen: schlicht und einfach um die ganze Welt…
 
Frage: Wie viele Reisen haben Sie mit dem Windsbacher Knabenchor unternommen?
 
Karl-Friedrich Beringer: Ich habe sie nie wirklich gezählt. (denkt nach) Müsste ich mal machen! Aber es sind unheimlich viele. Übrigens habe ich das auch Hans Thamm zu verdanken, denn ich als sein Nachfolger hatte die Chance, viele Einladungen, die er hatte – nach Fernost, USA und Europa – wahrzunehmen, denn er ist mit dem Chor nur ein Mal nach Amsterdam gereist. Ich hingegen konnte 1983 mit unserer ersten Tournee nach Südamerika mit Weltreisen zu beginnen und den Chor damit etwas völlig Neues zu bieten. Dabei ist es nicht mein Verdienst, den Chor „zu Weltruhm“ geführt zu haben; schon Thamm hätte es gekonnt, aber er wollte es nicht. Warum, weiß ich nicht…
 
Frage: Wo waren Sie denn überall mit Ihren Jungs?
 
Karl-Friedrich Beringer: 1983 fing das, wie gesagt, an und wir waren in Südamerika, in Australien, in Russland, in Finnland, in Norwegen, in fast allen Ländern Europas, Japan, Taiwan, China – wo will man denn noch hin? Wir haben dabei in den tollsten Konzertsälen gesungen, die es überhaupt gibt. Und weltweit mit Spitzenorchestern zu musizieren – was will und kann man denn überhaupt noch mehr erreichen?
 
Frage: Die erste Reise ging 1983 nach Brasilien. Weiter ging’s ja kaum…
 
Karl-Friedrich Beringer: 1983 feierte man das Luther-Jahr und hierfür suchte die Brasilianische Kirche einen kulturellen Botschafter aus Deutschland. Der Vater eines Windsbachers, der durch seine Missionsarbeit dorthin Verbindungen hatte, schaffte es, dies dementsprechend zu nutzen und so kamen wir in diesem Jahr nach Brasilien. Die Konzertsäle fassen dort bis zu 2.500 Zuhörer und wir hatten Motetten von Bach und Schütz im Programm – aber sangen immer vor ausverkauften Häusern. Die Leute waren begeistert und 1985, im Bach-Jahr, lud man uns auf Wunsch des Deutschen Musikrates wieder ein und wir bereiste Brasilien, Paraguay und Argentinien.
 
Frage: Gibt es eine Reise, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
 
Karl-Friedrich Beringer: Natürlich die erste. Aber am ergreifendsten war die Matthäus-Passion 1993 in Israel – Karfreitag am See Genezareth. Das war schon unglaublich. Eine andere, ebenfalls sehr intensive Erfahrung war eine Reise, die aber ebenfalls mit Israel zu tun hatte: Der Chef des Kibbuz Chamber Orchestra und gleichzeitig des Jerusalem Baroque Orchestra, Aaron Kidron, der 2010 leider verstorben ist, hatte nach drei gemeinsamen Israel-Tourneen den Wunsch, dass wir mit einem israelischen Orchester nach Polen reisen, dort Konzerte machen und mit den Männerstimmen das frühere Konzentrationslager Auschwitz, wo er seine ganze Familie verloren hatte, besuchen. Das hat er noch erleben können und für uns war dieser Besuch eine ganz erschütternde Erfahrung – das gemeinsame Musizieren aber wiederum ein beglückendes Erlebnis.
 
Frage: Gibt es auch eine Reise, die sie so nicht noch mal machen wollten?
 
Karl-Friedrich Beringer: Nein, das kann ich so eigentlich nicht sagen. Da gibt es höchstens einige Anekdoten, die im Rückblick eher kurios sind. Wir hatten zum 50jährigen Jubiläum des Chores Mendelssohns „Lobgesang“ im Programm und sind mit der Österreich-Ungarischen Haydn-Philharmonie nach Ungarn, also nach Budapest geflogen und sollten dort drei Konzerte machen. Und als wir dort waren erfuhren wir, dass sich die beiden ersten Konzerte so schlecht verkaufen ließen, dass sie gar nicht erst stattfanden und so haben wir das Werk nur ein einziges Mal gesungen; im Konzert waren dann mehr Leute im Chor und im Orchester als im Publikum – aber bei der Generalprobe war die Kirche gerammelt voll…
 
Frage: Der Reisechor hat ja auch immer eine repräsentative Aufgabe. Wie haben Sie das wahrgenommen? Sie begleiteten ja immerhin mehrere Bundespräsidenten auf Staatsbesuchen…
 
Karl-Friedrich Beringer: Also da muss ich erst mal sagen: Hut ab vor meinen Chorsängern aller Generationen! Ob die in Taiwan beim Staatspräsidenten wie eine Eins da standen oder ob sie Richard von Weizsäcker nach Oslo und Malta oder Roman Herzog nach London und Edinburgh begleitet haben – der Chor hat immer eine ganz fantastische Figur abgeben, war immer top präsent und immer gut. Immer konnte ich mich auf meinen Chor verlassen – auch bei der Audienz bei der spanischen Königin Sophia. Der Chor hat durch seine natürlich Art die Herzen von diesen Leuten gewinnen können – immer!
 
Frage: Wo sitzt denn das dankbarste Konzertpublikum der Windsbacher?
 
Karl-Friedrich Beringer: Da gibt es mehrere. Zum einen ist es das ganz normale Publikum in St. Gumbertus in Ansbach – nicht nur während der Bachwoche. Das ist so eine Heimat des Chores in einer der Top-Konzertkirchen weltweit. Dann in St. Lorenz in Nürnberg. Und auch das Publikum in der Alten Oper in Frankfurt. International ist es vielleicht das spanische Publikum. Aber wichtig ist, dass man etwas gut und überzeugend rüberbringt – dann kann man jedes Publikum gewinnen…
 
Das Publikum hat Karl-Friedrich Beringer mit seinen Windsbachern ohne Zweifel gewonnen. Doch wo Licht ist, findet sich eben auch Schatten. Über Höhepunkte und Tiefschläge in seiner 34-jährigen Karriere berichtet der Chorleiter im nächsten Interview, das in den nächsten Tagen in diesem Journal erscheint.