Beringers Rückblick: Hochs und Tiefs

WINDSBACH (9. Januar 2012). In der Geschichte des Windsbacher Knabenchores gibt es strukturbedingt immer Auf- und Abwärtsbedingungen, die Karl-Friedrich Beringer jedoch stets so meistern konnte, dass das Publikum davon möglichst wenig mitbekam. Kritik an seinem Chor und auch an der eigenen Arbeit versuchte er stets konstruktiv aufzunehmen – wenn man ihm denn offen entgegentrat. Das aber tat leider nicht jeder…
 
Frage: In den über 30 Jahren Ihrer Tätigkeit gab es Höhepunkte und Tiefschläge. Womit wollen Sie anfangen?
 
Karl-Friedrich Beringer: Mit den Höhepunkten, denn da gab es eindeutig mehr! Das fängt ja schon damit an, dass ich den Knabenchor nach der Übernahme der Chorleitung in relativ kurzer Zeit in die Richtung führen konnte, die ich im Blick hatte. Und Höhepunkte gab es sehr, sehr viele!
 
Frage: Haben Sie da besondere Momente im Sinn?
 
Karl-Friedrich Beringer: Nicht in dem Sinn, dass ich jetzt einzelne Erlebnisse oder Konzerte nennen könnte. Wir hatten erst mal ein gemeinsames Ziel – mit allen Generationen von Sängern bis zum heutigen Tag. Und es ist immer bergauf gegangen – das muss man wirklich so sagen: künstlerisch und von der Anerkennung des Chores durch die nationale und internationale Musikwelt. Also kann man tatsächlich sagen, dass ein Höhepunkt nach dem anderen gekommen ist. Als zweites war natürlich sehr wichtig für uns, dass wir zu internationalen Festivals eingeladen wurden, dass wir Plattenaufnahmen machen konnten mit bedeutenden Firmen wie Sony – in den letzten fünf Jahren haben wir hier sieben CDs aufgenommen, was ja für die Qualität des Chores spricht.
 
Frage: Und was waren die Tiefschläge?
 
Karl-Friedrich Beringer: Wenn der Knabenchor unter meiner Leitung eine Krise hätte durchmachen müssen, das wäre für mich ein Tiefschlag gewesen. Doch er hat keine Krise durch gemacht, auch wenn es immer mal wieder ein Auf und Ab gab, Phasen, wo es nicht so gut läuft. Worauf die Frage aber wohl hinausläuft, sind die Erlebnisse der Jahre 2004 und 2005…
 
Frage: …was sicherlich ein Tiefschlag war, oder?
 
Karl-Friedrich Beringer: Es war vor allem eines: ein Angriff auf meine Person, ein brutaler und lange vorbereiteter Angriff, gegen den man in der Regel nie gefeit ist. Aber diesen Angriff haben wir dann gemeinsam – und damit meine ich in erster Linie den Chor und meine Familie, aber auch die Eltern der damals aktuellen Chorbesetzung und eine Vielzahl von Ehemaligen und ihren Eltern und Mitarbeitern – überstehen können. Und wenn man das so nimmt, kann man sagen, dass aus dieser Zeit der Chor mit mir zusammen sogar eher gestärkt herausgegangen ist. Die, die mir damals massiv schaden wollten, haben das so sicherlich nicht erwartet.
 
Frage: Was man aus Hoch-Zeiten mitnehmen kann, ist schnell erklärt – aber was haben Sie aus dem Gegenteil lernen, vielleicht ja auch gewinnen können?
 
Karl-Friedrich Beringer: Ich glaube, dass die Erlebnisse dieser Zeit bei denjenigen, die mit Windsbach zu tun hatten und jetzt noch zu tun haben, dazu geführt haben, dass sie die Wertigkeit und die Wichtigkeit dieses Chores erst mal richtig wahrgenommen haben. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass es diese Institution gibt.
 
Frage: Was einen damals aus der Ferne faszinieren konnte, war die plötzliche Geschlossenheit des Chores, als Sie sich eine Auszeit bis zur Klärung der Vorwürfe erbeten hatten. Der Chor nahm sich diese Auszeit ja ebenfalls und stellte sich wie ein Mann vor Sie…
 
Karl-Friedrich Beringer: In der Tat sagten die damaligen Männerstimmen unisono, wenn ich nicht mehr zurück käme, dann würden sie auch nicht mehr singen. Das haben die von sich aus gemacht, ich hatte damit überhaupt nichts zu tun. Und das ist eine Haltung, die die durchgesetzt hätten – das weiß ich.
 
Frage: Wie hat das damals auf Sie gewirkt?
 
Karl-Friedrich Beringer: Heilsam, sehr heilsam. Es gibt einen Spruch, der heißt: „Freunde in der Not gehen tausend auf ein Lot.“ Das meint, dass man sich in der Not auf seine Freunde nicht verlassen könnte. Ich kann diesen Spruch nicht bestätigen. Es gab Freunde und Helfer ohne Ende – aber nicht Leute, die oberflächlich ihre Hilfe angeboten haben, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass an den Vorwürfen etwas dran sein könnte, sondern Menschen, die wussten, dass da nichts dran war. Und auch viele Konzertveranstalter sind uns aus diesem Grund treu geblieben.
 
Frage: Was hat Sie am Verhalten derer, die sie angegriffen hatten, am meisten gestört?
 
Karl-Friedrich Beringer: Dass kein einziger das direkte Gespräch mit mir gesucht hat, bevor er mit Vorwürfen, die sich dann als haltlos herausstellten, an die Öffentlichkeit gegangen ist. Vieles lief hier ja auch anonym. Mancher hat zwar mittlerweile eingesehen, dass es ein Fehler war, hier mitzumachen – persönlich bei mir entschuldigt hat sich aber keiner. Ich weiß von Leuten, die das gerne ungeschehen machen würden. Die aber sollten sich öffentlich – das ist sehr wichtig: öffentlich! – hinstellen und sagen, weshalb sie das überhaupt gemacht haben. Das kann ich heute noch nicht verstehen.
 
Frage: Eine unrühmliche Rolle spielten damals auch einige Medien…
 
Karl-Friedrich Beringer: Die Medien, die sich damals eingeschalteten und sich nicht nur in meinen Augen haben instrumentalisieren lassen, haben zu keinem Zeitpunkt nachgefragt – auch nicht bei meinen Chorsängern. Auch schon damals hatte ja jeder ein Handy und hätte sofort zuhause anrufen können. Genau das ist aber nicht geschehen! Wir haben nie jemanden in Windsbach eingesperrt. Und meine Türen waren immer offen…
 
Frage: Ihnen wurde damals übel mitgespielt, wenn man das mal so umschreiben darf. Haben Sie damit abgeschlossen? Ist das überhaupt möglich?
 
Karl-Friedrich Beringer: Wir sind ja vor kurzem von Windsbach nach Merkendorf gezogen und mussten entscheiden, was wir mitnehmen und von was man sich trennt. Und dabei haben wir alle Akten, die mit den Vorwürfen, die man damals gegen mich erhoben hatte, in ein paar Stunden verbrannt. Für mich ist die Sache erledigt.
 
Frage: Sie haben vorhin die Ehemaligen erwähnt, die Ihnen zur Seite gesprungen sind. In Ihrer Amtszeit fanden mehrere Treffen von ehemaligen Windsbachern statt. Was hat das gemeinsame Singen mit diesen einstigen Sängern für Sie bedeutet?
 
Karl-Friedrich Beringer: Sehr, sehr viel! Schon beim ersten Ehemaligentreffen in den 90er Jahren kamen unheimlich viele nach Windsbach. Einladen konnten wir ja nur, von wem wir auch die Adressen hatten. Und wir richteten uns erst mal nur an Ehemalige aus meiner Zeit. Dann hatten sich welche aus der Ära Thamm beschwert, dass sie nicht eingeladen wurden. Und schon beim ersten Mal war klar: Das ist hier kein Klassentreffen, wo man abends viel trinkt und in alten Zeiten schwelgt. Und da wir immer einen Gottesdienst mit gestaltet oder später dann eigene Konzerte gesungen haben, war von vornherein klar, dass ich von allen Teilnehmern dieselbe Disziplin wie früher verlange. Beim ersten Mal war es ja „nur“ ein Gottesdienst, beim zweiten Mal dann eine Andacht im voll besetzten Heilsbronner Münster. Nachdem wir eben über Tiefschläge gesprochen haben, kann man hier sagen: Die Konzerte mit den Ehemaligen waren eindeutig Höhepunkte, denn die hohe Qualität zeigte, dass alle Sänger hier etwas gelernt haben und wie wichtig ihnen diese Windsbacher „Familie“ ist. Das waren tolle und ganz besondere Erfahrungen.
 
Nicht nur durch die im Interview erwähnte Kampagne gegen den Chorleiter hat sich in Windsbach viel verändert: In den 34 Jähren der Ära Beringer durchlief die gesamte Institution des Knabenchors einen gewissen Wandel, was Thema des nächsten Gesprächs sein wird – in Kürze hier im Journal.