Beringers Rückblick: Windsbach im Wandel

WINDSBACH (11. Januar 2012). Wer als ehemaliger Windsbacher heute vielleicht nach vielen Jahren mal wieder den „Kasten“ besucht, registriert unweigerlich die baulichen Veränderungen der letzten Jahre. Doch nicht nur architektonisch hat sich viel getan. Wie haben sich der Knabenchor und das Internat in den Jahren der Ära Beringer verändert?
 
Frage: Das heutige Windsbach lässt sich kaum mit dem zu Thamms Zeiten oder den ersten Jahren Ihres Wirkens vergleichen. Was hat sich in Ihren Augen grundlegend gewandelt?
 
Karl-Friedrich Beringer: In allererster Linie habe ich mich natürlich auch selber geändert. Der künstlerische Anspruch ist viel filigraner und geht heute viel mehr auf den Punkt. In diesen Jahren hat sich aber auch der Klang des Chores geändert, wurde immer reifer und homogener. Ich glaube, auch dass sich die Probenintensivität in den letzten 15 Jahren enorm gesteigert hat. Die Kinder sind gleich geblieben, da hat sich nichts verändert.
 
Frage: Tatsächlich?
                
Karl-Friedrich Beringer: Ja, das glaube ich schon. Was sich natürlich verändert hat, ist die Gesellschaft. Das Computerzeitalter macht sehr viel aus, die Konzentration ist im Verhältnis schlechter als früher. Gleichzeitig ist das Leben im Internat erheblich freier geworden – mit seinen Licht- und Schattenseiten. Als Chorleiter musste ich daher in der Vergangenheit mehr Energie als früher aufbringen, um die Leute dahin zu bringen, wo ich sie haben wollte. Aber der Wille, etwas gut zu machen und Höchstleistung zu bringen, ist genau wie die Begabung einzelner völlig konstant geblieben.
 
Frage: Welche Rolle spielt der Chor heute? Gibt es hier eine Gewichtszunahme?
                
Karl-Friedrich Beringer: Das sehe ich so nicht. Wenn ich an die Männerstimmen meiner ersten Jahre in Windsbach denke, gab es hier bereits ein sehr freundschaftliches Verhältnis und eine spürbare Begeisterung für die gemeinsame Sache. Die Männerstimmen heute haben genau die gleiche Intensität. Nur ich habe natürlich weitaus mehr Erfahrung als früher. Was sich geändert hat für den Chor und damit auch für die persönliche Wahrnehmung jedes einzelnen: Er ist bekannter, war in aller Welt, ist auf großen Labels zu hören.
 
Frage: Auch das Internat hat sich natürlich verändert. Gab es hier parallele Strömungen?
 
Karl-Friedrich Beringer: Mit dem Ende der Ära Thamm hat sich auch der Erziehungsstil verändert. Er ist freier geworden, viel freier. Wobei die vormals herrschenden Verhältnisse nicht an Thamm lagen: Es war einfach eine festgefahrene Struktur. Womit mein Nachfolger mit Sicherheit ebenfalls konfrontiert werden wird: Auch bei mir haben sich feste Strukturen entwickelt, die sich jetzt wider ändern werden, ja müssen! Windsbach lebt durch den Chor – das machen weder der Internatsleiter noch die Erzieher. Unheimlich viel hängt von der Persönlichkeit des jeweiligen Chorleiters ab und der muss eine klare Linie vorgeben und im Privaten wie im Dienstlichen klar und eindeutig abschätzbar sein.
 
Frage: Heute besteht zwischen Chor und Internat eine besondere Symbiose – nicht zuletzt durch die enge partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Internatsleitung. Worauf kann sich Ihr Nachfolger hier freuen?
 
Karl-Friedrich Beringer: Mein Nachfolger hat wirklich einen hervorragenden Internatsleiter, der – und das ist ganz wichtig! – diese Art der musikalischen Arbeit und Aussage aus eigener Erfahrung versteht. Alle Mitarbeiter wollen, dass es weitergeht, dass das Niveau gehalten wird und dass der Chor so da steht wie in der Vergangenheit. Dabei glaube ich wirklich nicht, dass der Knabenchor zerfallen wird zu einem Chor, der einfach so läuft als Chor einer Landeskirche – das kann an einem Ort wie Windsbach nicht gehen. Wir können uns nicht auf die Tradition der Chöre in Mitteldeutschland stützen – bei uns zählt nur Qualität. Und das weiß hier jeder.
 
Frage: Allen voran die Choristen?
 
Karl-Friedrich Beringer: Ja! Der Chor ist willig. Mein Nachfolger Martin Lehmann kriegt an Potenzial einen Porsche hingestellt. Und wenn er die Jungs packen kann, indem er von dem, was er macht, überzeugt ist und das auch erklären kann, dann wird er Erfolg haben.
 
In Windsbach spielt die Musik ganz klar die erste Geige, auch wenn hier mehr gesungen als gefiedelt wird. Von den Möglichkeiten der Musik erzählt Karl-Friedrich Beringer im nächsten Interview – bald an dieser Stelle.