Beringers Rückblick: Was kann Musik?

WINDSBACH (18. Januar 2012) In Windsbach lernen die Knaben singen und auch das Instrumentalspiel kommt nicht zu kurz. Aber selbst wenn natürlich nicht alle die künstlerische Laufbahn einschlagen, erhalten sie doch vor allem durch die musikalische Ausbildung ein Rüstzeug für den späteren Lebensweg.
 
Frage: Herr Beringer, Sie haben immer leicht allergisch auf den Begriff Pädagogik reagiert. Warum?
 
Karl-Friedrich Beringer: Gegenfrage: Was ist Pädagogik? Wenn es das Ziel ist, dass das, was Kinder machen sollen, immer und überall nur Spaß machen muss, wenn ich keinerlei Grenzen aufzeigen kann – dann läuft etwas schief. Ich habe als Pädagoge doch eine Aufgabe, ein Kind oder Jugendlichen auszubilden, zu fördern, ihm dabei auch zu sagen, was nicht gut ist. Wie soll ein Kind als Erwachsener im Berufsleben klar kommen, wenn es nicht gelernt hat, dass es Leistungsunterschiede gibt? Ein Pädagoge sollte die Kinder nehmen, wie sie sind – jeden einzelnen. Er sollte von ihnen was verlangen, weil er weiß: Da ist was drin und das will ich rausholen, ich will das Kind fördern. Wäre ich Mathematiklehrer und ich habe eine Klasse, in der die Hälfte schlecht ist, weil sie das Fach sowieso hassen, wäre mein Ehrgeiz, sie so zu begeistern, dass ihnen Mathematik gefällt. Das ist für mich Pädagogik: Motivation. Mir hat man ja vorgeworfen, ich würde manche Knaben demotivieren. Aber wenn man wie wir solche Erfolge hat, kann man eigentlich nicht sagen, dass ich Kinder demotiviere.
 
Frage: Ihre Chorarbeit war immer auch Erziehung. Mit welchem Ansatz und Ziel?
 
Karl-Friedrich Beringer: Grundlage meiner Arbeit war das Erreichen des gemeinsamen Zieles, Musik zu machen – und zwar so gut wie irgend möglich. Hierfür ist unerbittliches Training nötig, wie im Sport: Man muss stundenlang üben, bis das geht. Mein Ziel war immer das Ergebnis, wofür ich jedes Individuum brauche, das vor mir sitzt. Voraussetzung hierfür war und ist immer, dass jeder einzelne das gleiche Ziel hat. Und das war immer der Fall – übrigens nicht nur im Chor: 2002 oder 2003 drehten wir gemeinsam einen Film – der hieß „Intrigen“. Und das wollten wir in Pfingstferien machen – zehn Tage lang haben alle begeistert mitgemacht…
 
Frage: Was kann ein Jugendlicher in Windsbach außer Singen lernen?
 
Karl-Friedrich Beringer: Er bekommt ein Gespür dafür, was es heißt, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Er lernt im positivsten Sinne Disziplin, die man immer braucht, wenn man was erreichen will. Er erfährt was es heißt, in einer Gemeinschaft zu leben und zu arbeiten. Er kann lernen, wie man mit Menschen umgeht.
 
Frage: Und welchen Anteil hat hieran die Musik?
 
Karl-Friedrich Beringer: Die Musik, die wir hier gemeinsam singen, wird einen sein Leben lang begleiten. Musik hat ja auch immer therapeutische Wirkung und ich glaube, dass diese Musik auch die Seele heilen kann – gerade wenn man sie gemeinsam macht und merkt, wie wertvoll es ist, etwas gemeinsam zu erreichen. So etwas funktioniert oft nur in der Gruppe, denn auch wenn der einzelne Sänger vielleicht nicht so große Qualitäten hat, kann er in der Gemeinschaft des Windsbacher Knabenchores doch Spitzenleistungen erbringen, zu denen er alleine nicht in der Lage ist.
 
Frage: Wie kann die Musik einen Menschen erziehen oder besser: formen?
 
Karl-Friedrich Beringer: Wo man singt, da lass Dich nieder, denn böse Menschen haben keine Lieder, sondern nur ein Radio oder einen Fernsehapparat. Aber im Ernst: Die Musik ist Balsam für die Seele – nicht nur die geistliche: Es kann Hip Hop oder Jazz sein, jede Art der Musik. Die Gefahr besteht darin, dass es hier immer auch seichte, schlechte Musik gibt. In Windsbach lernt man, das eine vom anderen zu unterscheiden.
 
Frage: Funktioniert das im Chor besser als an einem Instrument – und wenn ja, warum?
 
Karl-Friedrich Beringer: Ich glaube, es kommt hier immer darauf an, wer vorne steht und wie die Person es fertig bringt, die Kräfte so zu bündeln, dass es begeistert. Wobei man das nicht mit Spaß gleich setzen darf. Denn es macht keinen Spaß, wenn ich bei einem Choral 50 Mal abbreche, weil es nicht so ist wie es sein könnte. Und plötzlich geht das dann eben doch. Wenn hier der Funke überspringt, entsteht Großes.
 
Für solche großen Momente, die es in der 34-jährigen Dauer der Ära Beringer sicherlich zuhauf gab, sind nicht nur die Zuhörer, sondern auch Orchestermusiker und natürlich die Sänger dankbar. Und auch der Chorleiter selbst verspürt Dankbarkeit – wofür und wem gegenüber erzählt Karl-Friedrich Beringer im letzten Gespräch dieser Reihe. In Kürze hier.