„Bitte noch mal“

WINDSBACH (2. April 2019). Klar nimmt sich eine CD nicht von selbst auf – eine mit Chormusik schon mal gar nicht. Doch man genießt natürlich viel lieber die hoffentlich perfekte Aufnahme als sich Gedanken um ihre Genesis zu machen. Wer daran mitgewirkt hat – egal ob vor oder hinter dem Mikrofon – kann buchstäblich ein Lied davon singen, welch harte Arbeit eine solche Produktion ist. Und was für eine Leistung – vor allem, wenn die Interpreten vormittags noch Mathe, Latein und Englisch gebüffelt haben.

Was steht vorne auf einer Klassik-CD? Das gespielte Werk und der Interpret. Im Falle des nächsten Silberlings aus Windsbach wird dort also neben dem Knabenchor und Martin Lehmann auch der Name des Perkussionisten Simone Rubino zu lesen sein. Im Booklet oder hintendrauf sind dann noch die Namen der Tonmeister René Möller und Tobias Lehmann vom Berliner Teldex Studio aufgelistet. Zu hören sind sie auf der CD nicht – wobei ja eigentlich doch: Ohne sie wäre nämlich gar nichts zu hören.
 
Die beiden leisten einen tollen Job. In Windsbach übrigens nicht erst seit heute: „Einige kennen uns sicher noch von der letzten Aufnahme“, begrüßen die beiden die Sänger im Windsbacher Chorsaal, kurz bevor es los geht. Den ganzen Vormittag wurde bereits aufgebaut: Mikrofone waren ein- und auszurichten, das Schlagwerk von Simone Rubino zu positionieren. Kurz nach halb drei trudeln die ersten der 63 Soprane, Altisten, Tenöre und Bässe ein. Bis Sonntag wird die neue CD produziert, heute ist der erste Tag.
 
Morgen Schule, nachmittags und abends Aufnahme
Dienstag und Freitag haben die Jungs keine Schule, dann wird den ganzen Tag über aufgenommen, an allen anderen nachmittags und abends – neben dem Unterricht. Allein das ist schon eine große Herausforderung an die Konstitution der jungen Sänger. Bei einer CD-Produktion ist natürlich größte Konzentration gefragt. Und Ausdauer, wenn Martin Lehmann denkt (und weiß), dass es noch besser geht – oder René Möller aus der in den Regieraum verwandelten Medienbibliothek via Lautsprecher fragt: „Bekommen wir noch eine Fassung?“ Er wird das oft fragen in den kommenden Tagen.
 
Die CD behandelt das Thema „Geist“ in all seinen musikalischen Facetten: Komplett a-cappella singen die Windsbacher die Motetten „Jesus und Nikodemus“ von Ernst Pepping, „Tenebrae factae sunt“ von Francis Poulenc, „Veni creator spiritus“ von Josef Renner, „Schaffe in mir Gott, ein reines Herz“ von Johannes Brahms und Max Regers „Nachtlied“. Simone Rubino spielt Werke für Perkussion von Tan Dun, einem chinesischen Komponisten. Und gemeinsam werden sie mit Javier Bustos „Pater noster“, Heinrich Schütz‘ „Selig sind die Toten“, Emmanuel Vogts Männerpsalm „In Deine Hände befehle ich meinen Geist“ sowie den Motetten „Komm, heiliger Geist“ von Albert Becker, „Veni creator spiritus“ von Rabanus Maurus und „Nun bitten wir den heiligen Geist“ von Johann Walter zu hören sein. Besonders gespannt darf man sicher auch auf Johann Sebastian Bachs „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“ sein, denn hier wird Rubino den Continuo-Satz auf dem Marimbaphon spielen.
 
Es ist also viel zu tun in den kommenden Tagen, die buchstäblich streng durchgetaktet sind. Am Eingang zum Chorzentrum bittet ein großes Plakat um Ruhe („Zutritt hat nur die CD-Besetzung!“). An der Tür des großen Chorsaals, der nach seiner Renovierung erstmals für eine Aufnahme genutzt wird, hängt innen der Terminplan: Wer singt wann was? Eigentlich will man in fünf Tagen durch sein – Samstag ist optional, der Sonntag noch Puffer. „Sehr wahrscheinlich nicht notwendig“ steht hier zuversichtlich in Klammern – Martin Lehmann kennt seine Jungs und ihre Leistungsfähigkeit.
 
Bewundernswerte Disziplin
Was man am ersten Tag aber mindestens ebenso bewundert wie den Chorklang ist die Disziplin: Hat Lehmann die Töne angegeben, ist es mucksmäuschenstill – und der Reporter hat Angst, dass die Regie das Kratzen seiner Kugelschreibermine auf dem Block als störend empfinden könnte. Glücklicherweise stehen die 22 Mikrofone (elf für den Chor, neun für die Perkussion und zwei für das gesamte Ensemble) offenbar weit genug entfernt. Lehmann lässt die Motetten auch innerhalb der einzelnen Stücke teils von alternierenden Besetzungen anstimmen und wer dann nicht singt, verhält sich absolut lautlos – für einen Chor aus Kindern und Jugendlichen eine beachtliche Leistung. Das gleiche Verhalten legen die Jungs übrigens an den Tag, als Martin Lehmann und Simone Rubino kurz in den Regieraum wechseln, um das gerade Aufgenommene anzuhören.
 
Den Anfang macht Walters fünfstimmige Motette „Nun bitten wir den heiligen Geist“ auf die Sequenz „Veni sancte spiritus“ in Martin Luthers Übersetzung. Vor Aufnahmebeginn knabbert Simone Rubino noch an einem Fenchel – selbst darauf und den beiden Mandarinen da könnte er sicherlich Musik machen. Bei Walter entlockt er seinem Vibraphon zauberhafte Klänge und ergänzt mit zwei großen Wasserschüsseln, Schneebesen, der flachen Hand und einem Fläschchen, aus dem das Nass heruntertröpfelt, eine faszinierende Geräuschkulisse zu den Cluster intonierenden sowie murmelnden und flüsternden Choristen. Eine wahrhaft „geisterhafte“ Stimmung zu Beginn der Anrufung.
 
Sie ertönt im Tutti sowie in einem Satz für Männerstimmen von Friedrich Zipp und für die Knaben von Helmut Bornefeld. Rubino ergänzt den Vokalgesang, seine Partien werden zum Teil jedoch ohne Chor aufgenommen, was sich im Nachhinein besser schneiden lässt. Wer einer solchen Tonaufnahme zuhört oder sogar daran mitwirkt, für den verringert die Arbeit sicherlich ein wenig den Zauber des späteren Endprodukts, denn eine CD ist und bleibt ein Kunstprodukt. Wie sich das Programm live anhört, wird man am 8. Juli erleben können, wenn die Windsbacher und Rubino am 8. Juli die ION in der Nürnberger Lorenzkirche eröffnen oder 2020 in der Hamburger Elbphilharmonie gastieren.
 
Doch für eine CD gilt eben, was der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl 1984 sagte: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ Und dass man darauf mehr als gespannt sein darf, liegt natürlich an der Leistung aller: der Künstler wie der Tonmeister. Die hören genauestens hin, wenn das „Band“ läuft – heute geschieht natürlich alles digital. Und dann geht es sozusagen um Millimeter: einzelne Absprachen, Bindungen, Buchstaben. Man muss schon extrem große Ohren machen, um all diese Feinheiten mitzubekommen – auf der CD soll später ja alles makellos sein.
 
Der Heilige Geist wird heute oft erbeten
Und so singen die Windsbacher den Luther-Choral ein ums andere Mal, bis Möller zufrieden ist. „Wenn wir noch eine Version machen könnten, würde ich mich wohler fühlen“, wendet Lehmann ein. Also noch mal von vorn. Und wegen des einen Taktes ganz am Schluss fordert auch der Tonmeister eine weitere Variante ein. Der Heilige Geist wird heute sehr oft „um den „rechten Glauben allermeist“ gebeten, zumal hier eben nicht einfach drei Choralverse gesungen werden, sondern spannend angereicherte Renaissance-Musik gekoppelt mit nicht minder hörenswerten Sätzen von Komponisten des ausgehenden 20. Jahrhunderts.
 
Bei den langen, sich ineinanderschiebenden Modulationen ist chorisches Atmen wichtig – die Sänger heben kurz die Hand, wenn sie sich auskoppeln um Luft zu holen. Wichtig ist, dass der Chorklang sich nicht merklich verändert. An einer Stelle stimmen die Knaben ein Glissando an, das fern an das Heulen von Wölfen (also von jungen Wölfen) erinnert – wie das wohl später in der fertigen Aufnahme klingt? Hier wird quasi aus und mit der Komposition ein weiteres Kunstwerk komponiert: eben eine CD. „Sehr gut, die erste Seite des Stücks haben wir“, tönt es aus der Regie.
 
Die nächste haben nur die Tenöre und Bässe zu singen („Das h zu Beginn ist zu gehaucht“ oder „Es heißt leer uns und nicht leeruns.“), die dritte dann die Knabenstimmen – auch hier hat sich René Möller während des Singens die eine oder andere Notiz gemacht, die er im Anschluss in den Chorsaal sendet („Ich bin jetzt mal besonders kleinkrämerisch…“). Spannend ist auch, wie kritisch die Kleinen im Regieraum den Großen zuhören (und natürlich auch umgekehrt): „Ich habe hier eine strenge Jury aus zehn Knaben, denen das Jesus noch nicht gefällt – also ich hätt’s durchgehen lassen“, teilt der Tonmeister den Herren Sängern via Lautsprecher mit. Also bitte noch einmal…