Chorzentrum offiziell eingeweiht

WINDSBACH (29. September 2019). Nach zweieinhalb Jahren Bauzeit ist das Chorzentrum des Windsbacher Knabenchores nun endlich komplett saniert. In einer feierlichen Andacht mit prominenten Gästen im großen Chorsaal wurde das Gebäude nun offiziell seiner Bestimmung übergeben.

Den verteilten Programmflyer ziert auf der Vorderseite eines der offiziellen Pressebilder, das jubelnde Sänger des Chores zeigt. Und dazu haben sie auch allen Grund: Endlich sind alle Räumlichkeiten fertig. Hatte man schon seit einigen Monaten wieder im großen Chorsaal proben können, sind nun auch alle Räumlichkeiten im Untergeschoss fertig. 2,7 Millionen Euro haben die Baumaßnahmen gekostet, den Löwenanteil teilten sich die Evangelische Landeskirche Bayern und die öffentliche Hand, über eine halbe Million davon wurde von teils privaten Spenden aufgebracht.
 
Als Kuratoriumsvorsitzender begrüßte Thomas Schöck die Gäste und wandte sich an den Chor: „Heute wird Euer Arbeitsplatz eingeweiht.“ Hier bereite man sich täglich darauf vor, seinem Ruf als internationaler Spitzenchor und Botschafter Bayerns gerecht zu werden. Schöck nannte die Finanziers im Einzelnen: auf öffentlicher Seite die Landeskirche, den Kulturfonds des Freistaates, die Regierung von Mittelfranken sowie den Landkreis Ansbach, viele private Mäzene, die Fördergesellschaft sowie das Patronat, die jeweils teils ganze Raumpatenschaften in fünfstelliger Höhe übernommen hatten.
 
Thomas Miederer, Pfarrer und Direktor des Sängerinternats, nahm in seiner Ansprache Bezug auf die künstlerische Gestaltung des großen Chorsaals, den nun ein Triptychon des Künstlers Reinhard Zimmermann schmückt: In der Mitte fällt ein geschlängelter Gegenstand auf – es ist ein Serpent, ein historisches Blechblasinstrument aus der Zinkenfamilie, das seit dem Ende des 16. Jahrhunderts zur Begleitung der Chormusik eingesetzt wurde, da sein Klang dem der menschlichen Stimme besonders nahekommt.
 
„Singen ist ein Selbstzweck“
Flankiert wird die farbintensive, hochformatige Abbildung von zwei Sprüchen: Links davon steht „Ich stehe hier und singe“ aus der Motette „Jesu meine Freude“, rechts davon der vierte Vers aus Psalm 98 „Jauchzet dem Herrn, singt, rühmt und lobet.“ „Singen ist kein Selbstzweck“, rief Miederer ins Gedächtnis und warnte davor, die Aspekte der Singtechnik und werkgerechten Interpretation in den Vordergrund zu schieben. In Windsbach wolle man keine Kunst um der Kunst willen betreiben: „Wenn es nur dann ging, dann würde das Singen zur Ersatzreligion werden und verkommen.“
 
Aber da sei eben auch dieser andere Satz: „Ich steh hier und singe“. Das höre sich erst mal „nach Trallala und hopsasa“ an, stehe jedoch in einem ganz bestimmten Kontext. In Bachs Motette laute dieser: „Tobe, Welt, und springe / ich steh hier und singe / in gar sichrer Ruh! / Gottes Macht hält mich in acht; / Erd und Abgrund muss verstummen, / ob sie noch so brummen.“ Der abgebildete Satz habe für ihn daher eher etwas von einem Fels in der Brandung und zeuge von Glaubensgewissheit und -trotz, so Miederer. Augenzwinkernd zitierte er Luther und wandelte den berühmten Satz ab: „Aus einer verzagten Kehle kommt keine Fröhlichkeit und eine ängstliche Seele kann keine mutmachende Musik singen.“
 
Männerpsalm, Motetten und Volkslieder
Dass die Windsbacher keine verzagten Kehlen haben, bewiesen sie mit ihrem Dirigenten Martin Lehmann: Helmut Duffes Psalm 84 für Männerchor („Herr, ich habe lieb die Stätte Deines Hauses“), Max Regers „Morgengesang“, Felix Mendelssohns „Jauchzet dem Herrn“ standen ebenso auf dem Programm wie Johannes Brahms‘ Motette „Schaffe in mir Gott“, Alessandro Scarlattis „Exsultate Deo“ und das „Alleluja“ des 1986 geborenen Komponisten Jake Runestad. Aus dem weltlichen Bereich erklangen zwei Volkslieder („Erstes Wanderlied“ und „Das Wandern ist des Müllers Lust“) als Hinweis auf die Reiselust – im Oktober geht es auf Tour in die USA – sowie den Folksong „Shenandoah“.
 
Als Vertreter der Landeskirche war Regionalbischof i. R. Christian Schmidt vor Ort – seine Kollegin, die amtierende Regionalbischöfin Gisela Bornowski, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Oberkirchenrat Michael Martin waren aufgrund von mitunter zwei Jahre zuvor ausgemachten terminlichen Verpflichtungen leider verhindert. Doch hatte Schmidt, der mit Fürbittengebet und einem gemeinsamen „Vater unser“ die Einweihungshandlung vornahm, einen ganz persönlichen Bezug zu Windsbach, was er in einem sympathischen Grußwort erläuterte: Sein Vater leitete von 1938 bis 1941 das damalige Pfarrwaisenhaus in Windsbach, aus dem später das heutige Sängerinternat hervorging.
 
„Chor liegt der Kirche am Herzen“
Er sang unter Hans Thamm im damals noch jungen Knabenchor, kam 1976 als Erzieher und Studieninspektor zurück („Da stand das Chorzentrum gerade mal zwei Jahre.“) und lernte hier auch seine Frau kennen. Später wirkte er als Dekan an der Nürnberger Lorenzkirche und begleitete den Chor auch als Regionalbischof und Mitglied des Kuratoriums. „Hans Thamm, Karl-Friedrich Beringer und Martin Lehmann – jeder war und ist auf seine Weise genial und hat den Chor zu einem der besten in der Welt gemacht“, betonte Schmidt. Die finanzielle Investition, die die Landeskirche bei der Sanierung des Chorzentrums aufgebracht hätte, sei ein deutliches Zeichen, dass ihr der Chor am Herzen liege. „Die beste Botschaft der Welt ist die von einem menschenliebenden Gott. Und in gesungener Form bekommt sie die größte Überzeugungsarbeit“, verwies der Geistliche auf den griechischen Begriff angelos: „Das heißt Bote und daraus leitet sich der Begriff Engel ab.“ Zum Chor gewandt sagte er: „Ihr seid diese Boten.“
 
Für den Freistaat Bayern war dessen Innenminister Joachim Herrmann mit Verspätung eingetroffen und nannte in seinem Grußwort auch gleich den Grund: „Heute Vormittag haben wir in Oberammergau das 150-jährige Bestehen der dortigen Freiwilligen Feuerwehr gefeiert und danach war in Schwangau ein neues Feuerwehrhaus einzuweihen. Der Höhepunkt für mich ist aber, nach Windsbach gekommen zu sein.“ Dem Landtag sowie der Staatsregierung und ihm ganz persönlich sei es ein Anliegen, dafür Sorge zu tragen, dass es diesem Chor gut geht. Er selbst betonte, er sei ein großer Fan der Windsbacher.
 
„Ich verspreche, wir bleiben am Ball“
Mehr als 1.500 jungen Männern habe das Sängerinternat mit seinem Chorzentrum in seiner über 70-jährigen Geschichte Heimat auf Zeit geboten und sie in einem wichtigen Lebensabschnitt geprägt: „Vom Provinzchörlein zum Markenzeichen des evangelischen Bayerns und Frankens“, umriss der Innenminister und lobte auch das Engagement der Kirche als Kulturträger um „dieses Aushängeschild“. „Es ist wichtig, dass wir das alle weiterhin unterstützen“, verwies Herrmann auf das finanzielle Engagement des Freistaates, das sich zusammen mit der Unterstützung bei der anstehenden energetischen Sanierung der Internatsgebäude auf 1,1 Millionen Euro belaufe. „Ich verspreche, wir bleiben am Ball und tun dies mit Begeisterung und Freude, dass es diesen Chor hier gibt.“ Man wisse, was man an dieser Einrichtung habe und wolle, dass ihre Erfolgsgeschichte auch in Zukunft fortgeschrieben werde.“
 
Als weiterer Redner skizzierte Bauingenieur Markus Högner von der mit der Sanierung beauftragten Högner Baugesellschaft mbH mit Sitz in Neuendettelsau die Arbeiten. Dass sich diese derart in die Länge gezogen hätten, begründete er mit der Größe des Projekts, dem enge Grenzen setzenden Budget und der Tatsache, dass man mit aufgrund der Vergabe öffentlicher Aufträge zugelosten Firmen habe arbeiten müssen. Zu 80 Prozent seien die einzelnen Gewerke dabei von regionalen Unternehmen ausgeführt worden. In drei Bauabschnitten habe man Prioritäten setzen müssen und erst durch das überraschende Spendenaufkommen auch die Maßnahmen im Untergeschoss erfolgreich abschließen können. Als einzelne Maßnahmen nannte Högner neue Fenster, einen nötig gewordenen Notausgang, Dach- und Fassadendämmung, eine neue Beleuchtung und eine Belüftungsanlage. Als Geschenk überreichte der Ingenieur Martin Lehmann und dem Chor symbolisch einen Stab zum Stockbrotgrillen: Der Grillplatz musste nämlich den Baufahrzeugen weichen und wird nun von der Firma Högner wiederhergestellt.
 
Lehmann dankt auch allen Mitarbeitern
Das Schlusswort hatte Martin Lehmann, der sich nach den Strapazen des Umbaus sichtlich erleichtert zeigte. Während Stimmbildung, Instrumentalunterricht und Probenbetrieb zeitweise in andere Häuser auf dem Internatscampus, Räume des benachbarten Johann-Sebastian-Bach-Gymnasiums sowie die Stadthalle ausgelagert waren, arbeiteten er und die Besetzungen von Chorbüro, Management und Öffentlichkeitsarbeit weiterhin „auf der Baustelle“, was allen viel abverlangt hätte. Zur Bachwoche Ansbach habe man 2016 bei 38 Grad Celsius Innentemperatur mit 80 Sängern und 40 Musikern Bachs Weihnachtsoratorium geprobt – heute könne man das dank der Belüftung im Hochsommer bei angenehmen 26 Grad tun: „Uns bleiben künftig viele Mühen erspart, die vorherige Sängergenerationen hier erleiden mussten“, unterstrich Lehmann seinen Dank an alle Geldgeber und Mitarbeiter, die hier dienten und dem Chor helfen würden, seinen Verkündigungsauftrag wahrzunehmen: „Jeder einzelne ist wichtig – wie bei einem Zahnradgetriebe einer Schweizer Uhr.“ Und damit schloss er natürlich auch das Küchenpersonal ein, das für den Imbiss beim anschließenden Empfang im Speisesaal des Sängerinternats gesorgt hatte.