Die neue Managerin im Chorbüro

WINDSBACH (5. April 2019). Die Windsbacher hört man, Martin Lehmann sieht man. Doch unzählige Köpfe und Hände wirken im Hintergrund. Dazu gehört auch die Person, die die Konzerte „an Land zieht“, die dann den Terminkalender des Knabenchors füllen. Seit Oktober ist dies Claudia Brinker. Wir haben uns mit der neuen Managerin unterhalten und dabei Spannendes zu ihrem Werdegang erfahren.

Politiker befragt man eigentlich in der Regel nach ihren ersten hundert Tagen im Amt, wie sie sich in die Materie hineingearbeitet und was sie hoffentlich schon erreicht haben. Bei Claudia Brinker wäre dies Anfang Januar gewesen, unser Treffen findet ein paar Tage später statt. Wir setzen jedoch lieber ein bisschen früher an, um zu erfahren, wie sie überhaupt zur Musik gefunden hat.
 
Mit 16 hat Brinker erste Opern besucht, hört die Musik auf Schallplatte und merkt, wie sehr sie die Welt der Klänge fasziniert. Am Theater in Bielefeld unterhält sie sich im Rahmen einer Berufsberatung mit dem damaligen GMD dort und überlegt, ob der Beruf der Regisseurin das Richtige für sie sein könnte. Doch auch Kulturmanagment ist interessant. In Marburg wird jedoch erstmal Musikwissenschaft studiert. Das Problem des Geisteswissenschaftlers sind allerdings die Chancen auf dem Arbeitsmarkt: Entweder man bleibt an der Universität, macht das berühmte „Irgendwas mit Medien“ oder den Taxischein.
 
Jura im Nebenfach
Mit einer Sondergenehmigung fängt Brinker an, im nebenfach Jura auf Magister zu studieren. Und Kunstgeschichte. Auch zwei Auslandssemester in Italien finden sich in ihrer Vita: In Bologna lernt sie die Opernlandschaft kennen, entdeckt den Komponisten Umberto Giordano, einen Zeitgenossen Giacomo Puccinis. Nach ihrem Abschluss studiert sie an den Musikhoschschulen in Weimar und Hamburg zusätzlich Kulturmanagment.
 
2001 tritt sie ihre erste Stelle in Wuppertal an – just dem Ort, an dem Martin Lehmann Chorleiter war, bevor er in Windsbach anfing. Allerdings verpassen sie sich um ein paar Monate, denn in dem Jahr, in dem er hier Fuß fasste, verließ sie die für ihre Schwebebahn berühmte Stadt. In den vier Jahren zuvor ist sie erst beim städtischen Sinfonieorechester und dann im Betriebsbüro der Wuppertaler Bühnen zuständig für Dramaturgie und Öffentlichkeitsarbeit. 2005 wechselt sie dann zum Konzertveranstalter Hörtnagel nach Berlin, wo sie zuständig für die Organisation und Konzertakquise ist.
 
Von Berlin über Halle nach Stuttgart
Das Gastspiel in der Hauptstadt, in der sie heute auch wohnt, wenn sie nicht in Windsbach die Geschicke leitet, ist jedoch nicht von Dauer, denn 2006 zieht es Claudia Brinker weiter nach Halle an der Saale, der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels. Auch hier gibt es Orchester: ein philharmonisches der Stadt und eins an der Oper, die zu Beginn von Brinkers Arbeitsverhältnis fusionieren. Auch andernorts kommt es finanzbedingt zu solchen Zwangsvereinigungen – die Stimmung vor Ort ist nie die beste. Brinkers  Aufgabengebiete sind die Öffentlichkeitsarbeit und das Managment. Sie erstellt auch die Programmhefte für die aktuelle Spielzeit. Oder organisiert für alle Musiker (als allererste Aufgabe) 170 T-Shirts für einen Open-air-Auftritt.
 
Bis 2007 bleibt sie in Sachsen-Anhalt, dann gilt ihre Aufmerksamkeit einem Kollegen Händels: Johann Sebastian Bach. An der Bachakdemie Stuttgart leitet sie von 2008 bis 2012 die Bereiche Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Auch hier stehen Veränderungen an: Der Gründer und langjährige künstlerische Leiter der Akademie Helmuth Rilling tritt mit 79 Jahren zurück, Nachfolger wird 2013 Hans-Christoph Rademann – übrigens ein früherer Chordirigent Martin Lehmanns.
 
Doch das nur nebenbei, denn ein viel größeres Kuriosum ist eine Begegnung mit Gernot Rehrl, der ebenfalls 2013 als Intendant der Bachakademie in Stuttgart anfängt. Claudia Brinker geht zurück nach Halle und sucht einen Nachmieter für ihre Wohnung – es wird ausgerechnet ihr Vor-vor-vorgänger in Windsbach, denn Rehrl war in den 1990er Jahren Manager des Windsbacher Knabenchors!
 
Von diesem hat Brinker bislang noch nicht groß Notiz genommen. An ihrer neuen Wirkungsstätte in Halle, jetzt als Orchesterdirektorin, lernt sie aber andere Knabenchöre kennen: die Kruzianer aus Dresden, die Thomaner aus Leipzig und natürlich den Stadtsingechor Halle – das Ensemble vor Ort kann auf eine mehr als 900-jährige Tradition zurückblicken und gehört mit dem Aachener Domchor und den Regensburger Domspatzen zu den drei ältesten deutschen Knabenchören. Brinkers Hauptaugenmerk gilt jedoch dem instrumentalen Klangkörper, dem sie in Verwaltungssachen als Chefin vorsteht. Als „Mädchen für alles“ beschreibt sie ihre organisatorischen Aufgaben, die vom Aufstellen der Dienstpläne und Disposition bis zu vertragsrechtlichen Fragen reichen. Nicht erst hier zahlt sich der Jura-Magister aus. Fünf Jahre lang ist Halle ihr Dienstsitz; auch in dieser Zeit werden viele Kontakte geknüpft, Netzwerke in Betrieb genommen.
 
„Das klingt interessant. Das mach‘ ich mal.“
Und dann entdeckt Claudia Brinker diese Stellenanzeige im Internet: Der Windsbacher Knabenchor sucht einen neuen Manager. Oder eben eine neue Managerin. Mittlerweile hat sie das Spitzenensemble aus Mittelfranken auch kennengelernt. Sie sagt sich: „Das klingt interessant. Das mach‘ ich mal.“ Die Bewerbung geht raus. Und sie wird genommen. Anders als ihr Vorgänger Delf Lammers ist Brinker in Windsbach fest angestellt.
 
Die aktuellen Konzerte im Terminkalender des Knabenchors waren bereits organisiert. Doch Brinker arbeitet sich schnell ein, begleitet den Chor, hört in der Weihnachtszeit vier Mal in Folge Händels „Messiah“ und neuen A-cappella-Konzerte, erlebt bereits in ihrer zweiten Woche die 500. Motette und die Feierlichkeiten um diesen besonderen Tag.
 
Dieser Tage wurde verkündet, dass der Chor erneut in die USA reisen wird. Die Tournee wird bereits von Brinker organisiert. Ihr Fokus liegt jedoch vor allem auf dem Jahr 2021, wenn der Windsbacher Knabenchor sein 75-jähriges Bestehen feiern wird. Diese Tradition will Brinker bewahren, Bewährtes fortführen, Modifikationen behutsam vornehmen. Neben der Konzerakquise gehört auch die Öffentlichkeitsarbeit zum Aufgabengebiet der neuen Managerin; hier arbeitet sie eng mit der Medienbeauftragten Jelena Torbica und der Online-Redaktion zusammen. Nürnberg als wichtiger Auftrittsort auch über die Motetten in St. Lorenz hinaus, die Außenwahrnehmung innerhalb und außerhalb der mittelfränkischen Metropolregion, Fuß fassen in Westfalen – all das sind Aufgaben und Ziele, denen sich  Claudia Brinker momentan und zukünftig widmet.
 
Routine sieht anders aus
Ihren Arbeitsplatz in Windsdbach erlebt sie dabei als äußerst inspirierend: Vor der Chorprobe tauchen immer wieder Sänger in ihrem Büro auf und fragen, ob sie was helfen können – äußerst beliebte Tätigkeit ist hier das Schreddern von erledigten Kopien. Windsbach, sagt Brinker, ist gänzlich anders als das, was sie in ihrem bisherigen Berufsleben gemacht hat – Routine sieht anders aus: „Wahnsinnig erfrischend“, beschreibt sie. Und bewundert, wie professionell der Chor arbeitet: „Auf der einen Seite ist da eine unheimlich große Freude am Musizieren zu spüren, auf der anderen sind die Jungs auch extrem selbstkritisch.“
 
Die „ersten hundert Tage“ im Amt waren für Claudia Brinker also spannend. Genau so spannend bleibt es hoffentlich auch. Ihre Vita dokumentiert auf jeden Fall einen großen Erfahrungsschatz. Mal sehen, wo der Chor in der kommenden Saison auftritt und inwieweit die eigene Handschrift, eigene Akzente der Managerin dann bereits erkennbar sind. Bei Martin Lehmann hat das ja auch sehr gut und schnell geklappt …