Gesang, der die Seele berührt

WINDSBACH (10. Oktober 2016). Wenn der Windsbacher Knabenchor Kantaten oder Oratorien von Johann Sebastian Bach singt, wirken hier auch stets Gesangssolisten mit. Dadurch lernt ein Chorist in seiner aktiven Zeit zahlreiche Künstlerinnen und Künstler kennen. Für die Aufführung von Bachs h-moll-Messe in Münsterschwarzach und Frankfurt konnte man mit Dorothee Mields eine der führenden Interpretinnen für Musik des 17. und 18. Jahrhunderts gewinnen. Zu Bach hat sie dabei ein besonderes Verhältnis.

„Unter den Sängerinnen, die als Spezialisten für historisch informierte Aufführungspraxis gelten, ist die Sopranistin Dorothee Mields etwas Besonderes“, schrieb die Neuss-Grevenbroicher Zeitung 2014. Im gleichen Jahr lobte die Frankfurter Neue Presse: „An Innigkeit und schöner Klarheit, an Behutsamkeit in der Intonation, an Makellosigkeit in Höhen und Tiefen ist diese Stimme kaum zu übertreffen.“ In der Rhein-Neckar-Zeitung schwärmte der Rezensent von einer glockenklaren und sehr beweglichen Stimme und ihrem koloraturenreichen Charme, von betörenden Schwelltönen, sublimen Verzierungen und silbrig feinen Koloraturen.
 
Erst jüngst bescheinigte ihr der Wiesbadener Kurier nach ihrem Auftritt im Rahmen des Rheingau Musik Festivals: „Letztlich ist dieser Gesang von so reiner Schönheit wie eine Seelenmassage, die tief im Inneren Verspannungen löst. Als Dorothee Mields zum Ende hin Purcells ‚Dido’s Lament‘ anstimmt, scheint die Zeit still zu stehen. […] Hätte man währenddessen bemerkt, dass draußen jemand das eigene Auto knackt – es wäre einem egal gewesen.“
 
Erster Musikunterricht mit fünf Jahren
Dorothee Mields hat die Gabe des absoluten Gehörs, ist perfekte Blattsängerin, erhielt seit ihrem fünften Lebensjahr eine umfassende musikalische Ausbildung, begann mit sechs Jahren Geige zu spielen und nahm ihren ersten Gesangsunterricht bei Therese Maxsein in Essen. Außerdem wirkte sie in verschiedenen Vokalensembles mit. Ihr Studium führte sie an die Hochschule für Künste in Bremen, wo sie von Elke Holzmann unterrichtet wurde. Vor Ort waren Harry van der Kamp und Gabriele Schreckenbach weitere Lehrer. In Stuttgart vertiefte sie ihr Studium schließlich bei Júlia Hamari, von der sie selbst sagt: „Von ihr habe ich wirklich gelernt, wie man singt. Und dass man keinen Ton ohne Ausdruck singen darf. Nur dann ist es wirklich glaubhaft.“
 
Da Mields schon immer von der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts fasziniert war, bildet diese Epoche heute einen wesentlichen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Nach dem Abschluss ihres Studiums arbeitete sie insbesondere mit den Dirigenten Ludger Rémy und Thomas Hengelbrock zusammen. Neben zahlreichen Auftritten im In- und Ausland mit dem Telemann-Kammerorchester Michaelstein sowie dem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble brachte diese Kooperation auch eine ansehnliche Diskografie hervor, die beständig zunimmt. „Ich bin irgendwie gesegnet“, hat Mields diesen Aspekt ihrer künstlerischen Arbeit mal in einem Interview kommentiert.
 
„Meine Heimat ist die Barockmusik.“
Mittlerweile umfasst Mields Diskografie mehr als 40 teils preisgekrönte Einspielungen. Geheimtipps sind dabei eher unbekanntere Werke der barocken Musik wie das Weihnachtsoratorium von Johann Heinrich Rolle (1716-1785), die Johannes-Passion von Georg Gebel (1709-1753) und Kantaten von Wilhelm Friedemann Bach (1710-1784) oder Philipp Heinrich Erlebach (1657-1714). „Meine Heimat ist die Barockmusik“, sagte Mields in einem Interview mit dem Schweizer Magazin Musik und Theater. Alles, was sie sonst tue, mache sie von dieser Perspektive aus: „Manchmal lebe ich geradezu in dieser Welt, fast mehr als in unserer heutigen.“ Ebenfalls äußerst hörenswert sind die Tonträger, die aus der Zusammenarbeit mit dem Blockflötisten Stefan Temmingh oder Hille Perl (Gambe) und Lee Santana (Laute) hervorgegangen sind.
 
Das Repertoire von Dorothee Mields umfasst Werke von Monteverdi, Bach und Mozart bis hin zu zeitgenössischen Komponisten wie Pierre Boulez oder Beat Furrer. Damit ist die Künstlerin gern gehörter Gast unter anderem beim Bachfest Leipzig, dem Festival van Vlaanderen, den Händel-Festspielen Halle und Göttingen, beim Tanglewood Festival, in Schwetzingen, Schleswig-Holstein und im Rheingau sowie bei der Ansbacher Bachwoche. Regelmäßig arbeitet sie mit dem Collegium Vocale Gent, dem Bachcollegium Japan, der Nederlandse Bachvereniging, dem Flanders Recorder Quartett, den Sirius Viols oder dem L’Orfeo-Barockorchester und mit Dirigenten wie Philippe Herreweghe, Hans-Christoph Rademann, Masaaki Suzuki und Jos van Veldhoven zusammen. Die h-moll-Messe in Münsterschwarzach war das erste Konzert, das Mields gemeinsam mit den Windsbachern und Martin Lehmann gestaltete.
 
Bach immer wieder neu entdecken
In Bachs Werken, die sie, wie die Passionen oder die h-moll-Messe, schon weit über hundert Mal gesungen hat und immer wieder gerne musiziert, findet die Künstlerin nach eigenen Angaben immer wieder neue Aspekte, die es auszuloten gelte. Im Gespräch mit Oliver Cech in der Sendung „TonArt“ im dritten Hörfunkprogramm des WDR berichtet sie von der spannenden Aufgabe, sich mit den jeweiligen Musikern immer wieder neu zu verbinden. Auch spiele das Publikum und seine Reaktion eine nicht zu unterschätzende Rolle für die eigene Interpretation. Forcierungen denkt sich die Künstlerin übrigens selten im Voraus aus, sondern lässt diese ganz spontan entstehen, wodurch ihre Kunst etwas Leichtes und vor allem Unmaniriertes hat.
 
Bach bediene ihre melancholische Seite, sagt Mields. Was sie an seiner Musik „so wahnsinnig“ anrührend finde, sei, dass „in aller Todeszugewandheit und in diesem ganzen Buß-und-Reu-Kram“ auch „unheimlich viel Lust“ stecke: Hundert Jahre früher hätten die Komponisten noch die Ausläufer des Dreißigjährigen Krieges vor Augen gehabt und den Tod aufgrund seiner Allgegenwärtigkeit zu so etwas wie einem ständigen Begleiter, fast schon Freund gemacht. Besonders bei Bach spürt Mields etwas Tröstliches, diese „protestantische Idee der Gnade“, wie sie sich als Heilsversprechen beispielsweise durch die ganze Matthäuspassion ziehe: Man müsse gar kein Christ sein, um sich davon angesprochen zu fühlen.
 
Wie die Sängerin zur Barockmusik kam, erzählt sie in der Zeitschrift Concerti: Sang sie während ihrer Schulzeit im heimischen Wohnzimmer eher italienische Opernarien, gab ihr Mitte der 1980er Jahre ein musikliebender Mathematik-Referendar eine CD, auf der die Sopranistin Barbara Schlick und der Bariton Peter Harvey unter der Leitung von Philippe Herreweghe die Bach-Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ sangen: „Ich war wie vom Donner gerührt“, erinnert sich Mields. Und an das, was just dieser Dirigent erst jüngst zu ihr sagte: „Ach Dorothee, ich kann in jedem Konzert immer wieder so viel von Dir lernen.“ Da sei sie ganz rot geworden…
 
Während des Studiums widmete sich Mields dem gemeinsamen Musizieren, denn für sie ist gerade hier das Engagement jedes einzelnen Spielers bedeutend: „Jede Stimme ist gleich wichtig. Wenn man sich da nur beim Dirigenten abgibt, funktioniert es nicht.“ Mit Kommilitonen sang sie Dowland, gründete ein Ensemble und bewies schon damals einen feinen Humor, wie er auch bei ihrer Interpretation von Purcell-Liedern durchscheint: „Ich wollte ja immer, dass wir uns Gelsenkirchener Barockensemble nennen, aber das war den anderen zu wenig seriös", sagt sie in Concerti.
 
Deutliche Parallelen zu Emma Kirkby
Zusammen war man dann auch mal zu den Tagen für Alte Musik nach Stuttgart gereist, wo Mields zum ersten Mal Emma Kirkby hörte: „Und das klang dann so, wie ich von mir dachte, [so] könnte ich auch klingen.“ Wie Recht sie damit hatte, bescheinigte ihr die bereits zitierte Kritik im Wiesbadener Kurier: „Mields‘ Sopran ist von so einer schwebenden Leichtigkeit, von so einem transparenten Leuchten, das doch einen Kern, eine Kraft hat: Sie ist die neue Emma Kirkby.“
 
[Foto: Annelies van der Vegt]
 
Das Interview mit Dorothee Mields vom 26. März 2016 ist aktuell in der Mediathek des WDR nachzuhören.
 
CD-Tipp:
Henry Purcell – Love’s Madness; Dorothee Mields, Lautten Compagney Berlin, Wolfgang Katschner (Leitung); Carus 83.371 (2012)