Einblick in eine klingende Wunderkammer

WINDSBACH (12. Mai 2017). Als „Wunderkammer“ bezeichnete man früher ein Museum, wo allerlei Kurioses, Altes und Unbekanntes aufbewahrt und präsentiert wurde, um es einerseits vor dem Vergessen zu bewahren, und es andererseits vielen Menschen zugänglich zu machen.
 
Nicht umsonst wählten die Musiker Sarah Perl, Mira Lange, Martin Seemann und Peter Uhlig für sich diesen Namen: Ensemble Wunderkammer. Auch sie entdecken für sich und ihr Publikum allerlei Kurioses, Altes und Unbekanntes, was durch Konzerte und CD-Einspielungen bewahrt und präsentiert wird. Für das große Reformationsprogramm ist das Ensemble Wunderkammer Partner des Windsbacher Knabenchores.
 
Laut eines Reiseberichts von Jean de la Brune, einem Autor der Barockzeit, gab es auch damals schon in den Wunderkammern viel zu entdecken; anschaulich beschreibt er „antike Statuen, Steine mit Inschriften, jede Art von mathematischem Instrument, gedrechselte Stücke, die schönsten Muschelschalen, zahllose Alabasterarbeiten, mehrere dieser Pfeffervögel, deren Schnabel gleich groß ist wie der Körper, einige dieser irischen Trauerenten, die aus einer ins Meer gefallenen Frucht wachsen, wenn man den Erzählungen glaubt“. Damit schildert er das erstaunliche Sammelsurium, das damals zusammengetragen und gezeigt wurde – als Weltbild aus de, Geist der Anschauung und fern der wohlgeordneten Systematik heutiger Museen.
 
Das Ensemble Wunderkammer wurde von seinen Stammmusikern Sarah Perl (Viola da Gamba und Violone), Mira Lange (Cembalo) und Martin Seemann (Violoncello) unter der Leitung des Organisten Peter Uhlig in Berlin gegründet. Allen diese Künstlern haben neben der Profession auf dem jeweils eigenen Instrument eines gemeinsam: die große Neugier auf die Geheimnisse der Barockmusik, denen sie mit Inspiration, Wissen und Zuneigung nachspüren.
 
Die Instrumentierung bildet dabei eine sichere Basis für die stilistisch gesicherte Wiedergabe von Kammermusik des 17. und 18. Jahrhunderts, wobei sich das Ensemble Wunderkammer für Konzerte auch gerne mit Gästen zum Orchester weitet. So musiziert man beim großen Festkonzert in St. Lorenz am 3. Juni gemeinsam mit den Gesangssolisten Isabel Jantschek (Sopran), Yosemeh Adjei (Altus), Tobias Mäthger (Tenor) und Felix Schwandtke (Bass), wobei Adjei in seiner Jugend selbst Mitglied des Windsbacher Knabenchores war. Als erste CD präsentierte das Ensemble Wunderkammer man 2015 eine Einspielung der rekonstruierten Markus-Passion von Johann Sebastian Bach.
 
Die einzelnen Mitglieder des Ensembles verfügen jeweils über langjährige musikalische Erfahrung und einen professionellen Hintergrund, der sie zur Zusammenarbeit mit renommierten Kollegen qualifiziert: So spielt die Gambistin Sarah Perl, die auch mit ihrer Familie (Mutter Hille, Schwester Marthe und Vater Lee Santana) musiziert, mit der Lauttencompagney Berlin, den Sirius Viols, dem Dresdner Kammerchor und dem Freiburger Barockorchester, mit dem die Windsbacher im Sommer Bachs h-moll-Messe gestalten werden. Mira Lange arbeitet als freischaffende Cembalistin in Berlin und veröffentlichte 2013 mit Sarah Perl und dem Gambisten Niklas Trüstedt ihr Debüt-Album „Reflexions Serieuses“ mit Werken von François Couperin, Marain Marais, Sainte Colombe und anderen.
 
Der Cellist Martin Seemann ist Mitglied des Hoffmeister-Quartetts, des Trio Margaux sowie der Barockorchester l’arco und Concerto Brandenburg. Er tritt auch solistisch auf und komplettiert mit dem studierten Kirchenmusiker, Musikwissenschaftler und Germanisten Peter Uhlig, der als Dirigent, Organist, Komponist und Autor wirkt, das Ensemble Wunderkammer.
 
Sind die Musiker hauptsächlich in Berlin zu erleben, kann man sie mit den Windsbachern an folgenden Orten hören: am 27. Mai in der Basilika St. Ulrich und Afra in Augsburg, am 28. Mai in St. Johannis in Würzburg, am 3. Juni in St. Lorenz in Nürnberg (worüber das Journal berichten wird), am 4. Juni im Münchner Dom sowie am 29. Juli zur Ansbacher Bachwoche in St. Gumbertus (Informationen zu den einzelnen Auftritten und Möglichkeiten des Kartenverkaufs gibt es hier.)
 
Ob die Presse dann genauso begeistert darüber berichten wird wie der Kritiker der Schöneberger Stadtteilzeitung über ein Konzert des Ensemble Wunderkammer in Berlin? Der schrieb: „Die ganze Qualität dieser Formation zeigte sich bereits im Eingangsstück von Buxtehude ‚Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser‘. So nämlich sang der Tenor [Jan Kobow] von seinem Wunsch, aus seinem irdischen Jammer zur freudigen Glückseligkeit emporgehoben zu werden. Und in diese Höhen flogen frohlockend die beiden Violinen voran in ihrem Abstand zur Erde gestützt von einer einzigen Klang-Figur der Bass-Gruppe. Doch antwortete die Relais-Station auf der Erde niemals aus einem Bunker, sondern trat heraus ins Freie, um jede Flugbewegung der Violinen im Sichtkontakt entweder zu bestätigen, zu ermahnen oder gar mitzuwünschen. Und die beständige Korrespondenz erwuchs erstaunlicherweise aus dieser von Anfang bis Ende unverändert wiederkehrenden Bass-Tonfolge, einem Ostinato, das die Beständigkeit der erforderlichen Anstrengungen sinnfällig machte, ohne doch zu beschweren. Im Gegenteil: Die Violinen ihrerseits meldeten dankbar neu erreichte Ausblicke zur Erde zurück, so dass der Tenor seine begehrte Zuversicht auch gewinnen konnte. Das war meisterlich!“