Erziehung im Internat (1)

WINDSBACH (21. Oktober 2016). In Windsbach wird gesungen. Das ist die Hauptsache. In den Zeiten außerhalb der Chorproben und Auftritte kümmert sich ein engagiertes Team aus Erzieherinnen und Erziehern um die jungen Sänger. In einer Serie beleuchtet das Journal die Aufgaben des pädagogischen Personals: Wie wird hier gearbeitet? Welche Ziele werden verfolgt? Gibt es eine „Windsbacher Erziehung“?

„Internate bieten Schülerinnen und Schülern anderes und mehr, als eine Erziehung in der Familie und an normalen Halbtages- oder Tagesschulen leisten kann“, heißt es in einem Aufsatz von Pfarrer Dr. Steffen Schramm im „Pfälzischen Pfarrerblatt“. Überschrieben sind die Ausführungen mit „Persönlichkeit entwickeln – Verantwortung übernehmen – Lernen lernen“, behandelt werden dort pädagogische Angebote in evangelischen Internaten. Das Windsbacher Studienheim ist Mitglied im Verband Evangelischer Internate in Deutschland.
 
Dessen früherer Vorsitzender Gert Hilscher umriss in einem Interview das zentrale pädagogische Anliegen in den Einrichtungen: „Kinder und Jugendliche erhalten [hier] nicht nur eine gute schulische Ausbildung, sondern lernen auch das, was von ihnen im späteren Berufsleben in besonderem Maße gefordert wird, nämlich Verantwortung zu übernehmen und soziale Kompetenz.“ Gerade in einer Zeit der Ein-Eltern-ein-Kind- bzw. Zwei-berufstätige-Eltern-ein-Kind-Familie könnten Jugendliche in einem Internat wertvolle persönliche Erfahrungen im Umgang mit anderen Jugendlichen und Erwachsenen machen, die im späteren Leben vorteilhaft seien, hat Dr. Steffen Schramm beobachtet. Internate könnten durchaus einen „Kontrapunkt zu gesellschaftlichen Entwicklungen der Vereinzelung“ setzen und Jugendliche in einer schwierigen Lebensphase der Identitätsfindung mit einem eigenständigen Erziehungsangebot fördern sowie begleiten.
 
Ergänzung statt Alternative
Eltern, die ihr Kind auf ein Internat schicken, suchen damit nicht automatisch eine Alternative zur Familie, sondern eine optimale Ergänzung, eine Einrichtung, in der Erziehung und Bildung gleichermaßen stattfinden. Hierfür steht Windsbach. Im Sängerinternat des Knabenchores erleben die Schüler von der vierten bis zur zwölften Klasse eine Erziehung, deren Ziel die Entwicklung der Persönlichkeit auf dem Weg des Erwachsenwerdens ist. Auf der einen Seite steht das pädagogische Angebot durch ausgebildetes Personal im Internat, auf der anderen Seite die Arbeit des Windsbacher Knabenchores mit hochqualifizierten Musikpädagogen.
 
Gerade in der schwierigen Phase der Pubertät finden die jungen Sänger des Chores Halt im Miteinander von Chor und Internat: Der Alltag in den Gruppen ist, abhängig vom Alter der Schüler, vom Aufstehen bis zum Bettgang strukturiert: Einzelne Elemente wie morgendliche Andachten, der Schulgang, das gemeinsame Essen dreimal täglich, die Studierzeiten, Musikunterricht und natürlich die Chorproben bilden ein stabiles Gerüst mit festen Orientierungspunkten. Dass dieses „Gerüst“ hält und dass sich die einzelnen Schüler darin bewegen, dafür trägt in Windsbach das pädagogische Personal um Erziehungsleiter Alfred Frosch Sorge.
 
„In einer Zeit, die durch wachsende Individualisierung und Privatisierung gekennzeichnet ist, üben Internate Solidarität und gemeinsames Leben ein“, schreibt Pfarrer Schramm weiter. Internate hätten dabei auch das Ziel, dass ihre Bewohner „das Lernen lernen“. In Windsbach heißt das: Die schulische Laufbahn wird durch feste Studierzeiten begleitet. Nachhilfe sorgt für die Vertiefung des Stoffes, spezielle Chorklassen sollen garantieren, dass die schulische Leistung nicht unter den musikalischen Verpflichtungen der Sänger leidet.
 
Lesen Sie auch die folgenden Teile der Serie (nach Veröffentlichung verlinkt):
 
Interview mit Internatsdirektor Thomas Miederer
 
Die Aufgaben der Erzieherinnen und Erzieher im Sängerinternat
 
Pädagogen und Pädagoginnen im Spannungsfeld
 
Die Arbeit des Windsbacher Erziehungsleiters Alfred Frosch
 
Kinder- und Jugendrechte
 
Freiwilliges soziales Jahr in Windsbach