Miteinander groß werden (2)

WINDSBACH (4. November 2016). Wer im Windsbacher Knabenchor singt, der verbringt den Großteil seiner Freizeit hier. Das kann umso intensiver erleben, wer auch das Sängerinternat der Windsbacher besucht. Für den zweiten Teil unserer Serie über die Erziehung dort sprachen wir mit Internatsdirektor Thomas Miederer über die positiven Erfahrungen, die ein Schüler hier machen kann.
 
Was hat ein Windsbacher davon, wenn er nicht nur im Chor singt, sondern auch im Internat wohnt?

 
Thomas Miederer: Das wirklich Tolle ist, dass man mit den Freunden, mit denen man singt und unterwegs ist, auch noch ganz anderes zusammen erlebt: Das ist nämlich nicht nur der Sänger, der im Konzert rechts oder links neben mir steht, sondern das ist auch der, mit dem ich Kicker, Fußball oder Tischtennis spiele. Wir sitzen zusammen in der Klasse, schwitzen zusammen über Latein oder Mathe. Und vielleicht ist einer in manchen Sachen besser als ich und kann mir helfen – dafür bin ich ihm woanders ein Stück voraus. Diese Einheit von Singen, Schule, Leben und miteinander groß werden – das macht das Internatsleben aus.
 
Worin unterscheidet sich das Studienheim von anderen Internaten?
 
Thomas Miederer: Wenn man die Internate insgesamt betrachtet, dann unterscheiden wir uns schon mal dadurch, dass alle, die hier sind, ein gemeinsames Interesse haben: nämlich die Musik und das Singen. Der Chor ist das Bindeglied zwischen den jüngeren und den älteren Schülern, ebenso das Bindeglied zwischen denen, die aus der näheren Umgebung und anderen, die von weiter her kommen. So etwas dürfte man in dieser Intensität in anderen Internatseinrichtungen nur schwerlich finden.
 
Kann man Windsbach denn mit anderen Sängerinternaten vergleichen oder gibt es hier vielleicht auch signifikante Unterschiede?
 
Miederer: Die gibt es. Wenn ich mir Dresden anschaue, so besteht dort nur für die ersten Schuljahre eine Internatspflicht. Die Kinder vor Ort wechseln danach häufig wieder in ihre Familien und steigen so auch wieder aus der Internatsgemeinschaft aus. Die meisten unserer Kinder haben dagegen etwas weiter nach Hause und können deshalb nicht einfach aus dem Internat aussteigen und trotzdem weiter im Chor singen. Das heißt: Sie entwickeln sich vom neunten oder zehnten Lebensjahr an gemeinsam bis zum Schulabschluss. Das ist noch mal ein ganz anderer Weg, den man miteinander geht.
 
 
Als Internatsschüler ist man ja fernab von daheim – also auch vom elterlichen Einfluss. Welche wachsenden Freiheiten werden einem denn in Windsbach gewährt?
 
Thomas Miederer: (lacht) Nun, zunächst hat man die Freiheit von Zuhause – und das ist für viele ja schon mal was. Es ist ein Unterschied, ob ein Elternpaar, Vater oder Mutter, auf ein, zwei oder drei Kinder guckt, oder ob ein Erzieher auf 15 Knaben schaut. Man ist im Internat nicht permanent unter Beobachtung. Aber sonst ist unser Haus ähnlich wie eine Familie strukturiert: Mit zunehmendem Alter wachsen zunächst die Freiheiten und Unabhängigkeiten in puncto Aus- oder Bettgang. Unsere Jungs dürfen dann mit 14 andere Filme schauen als mit zehn, darauf achten wir sehr – mehr vielleicht als bei vielen Kindern zuhause darauf geachtet wird. Das sind nur einige Beispiele für Freiheiten auf dem Weg zum Erwachsenwerden.
 
Frage: Welches Personal kümmert sich denn um die Bewohner des Internates?
 
Thomas Miederer: Wir sind im Internat mit knapp 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufgestellt. Von denen arbeiten 14 im Erziehungsbereich, neun im Schichtbetrieb in der Küche, neun kümmern sich um die Sauberkeit in den Zimmern und Häusern. Wir haben neben der eigenen Verwaltung eine Hausmeisterei und eine Wäscherei. In Windsbach wird den Schülern eine Rundum-Betreuung geboten, sowohl pädagogisch als auch in den ganz elementaren Bereichen wie beispielsweise der Ernährung. Man kann durchaus sagen, dass viele Jungs eine bessere Versorgung genießen als manche Familie zuhause leisten kann.
 
Frage: Wie sieht aktuell denn ein Tagesablauf in Windsbach aus?
 
Thomas Miederer: Das ist alters- bzw. jahrgangsstufenabhängig. Nehmen wir mal den Alltag von der fünften bis zu zehnten Klasse, denn der ist ziemlich genau durchgetaktet: Wecken ist zwischen 6 Uhr und 6.30 Uhr; von 6.30 Uhr bis 7 Uhr ist Frühstudierzeit, wo man noch mal auf die Aufgaben des Tages schauen kann. Dreimal in der Woche findet dann eine Andacht statt, danach Frühstück. Nach dem Frühstück geht’s für die meisten über die Straße ins gegenüberliegende Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium. Nach dem Unterricht gibt’s Mittagessen und in der Regel hat man dann eine Stunde Freizeit, bevor man in der Studierzeit von 14.30 Uhr bis 16.30 Uhr seine Schularbeiten erledigt. Von 17 Uhr bis 18.30 Uhr ist Chorprobe, danach Abendessen. Von halb sieben in der Frühe bis um halb sieben am Abend ist man also beschäftigt, dazu kommen noch Instrumentalunterricht, Üben, Gesangsunterricht und etwaiger Nachmittagsunterricht. Die Viertklässler haben einen etwas entspannteren Tag und die Oberstufenschüler müssen sich ihren Tag – abgesehen vom Schulunterricht und den Chorproben – selber einteilen.
 
Wächst mit der eigenen Verantwortung auch die Selbstständigkeit? Menschen, die in ihrer Jugend ein Internat besucht haben, berichten ja oft von einem sehr positiven Einfluss dieser wachsenden Eigenverantwortlichkeit. Machen Windsbacher ähnlich gute Erfahrungen? Wird das auch hier gefördert?
 
Thomas Miederer: Es wird zuerst mal gefordert – und damit natürlich auch automatisch gefördert, wobei wir hier durchaus zwiespältige Erfahrungen machen: Unsere Kinder sind selbstständig und unselbstständig zugleich.
 
Inwiefern?
 
Thomas Miederer: In vielen Alltagssituationen sind sie nicht so selbstständig wie Kinder, die in der eigenen Familie groß werden. Das heißt nicht, dass Sie das nicht auch könnten – für sie spielen diese Dinge in Windsbach einfach keine Rolle: In der Küche zum Beispiel müssen sie nie helfen, denn das Internat bietet seinen Schülern hier einen all-inclusive-Service. Die Jungs werden bekocht, setzen sich an den gedeckten Tisch und müssen danach gerade mal ihr Geschirr abräumen. Die Wäsche wird gewaschen, zusammengelegt und schrankfertig gemacht. Die Zimmer werden geputzt. Bei Dingen, die mancher mit 13, 14 oder 15 zuhause schon selber machen muss, tun sich Windsbacher vielleicht etwas schwerer, wenn sie das Internat nach ihrer Schulzeit verlassen. Auf der anderen Seite sind gerade auch unsere Knaben unglaublich selbstständig und finden sich nicht zuletzt durch die vielen Chorreisen auch in fremder Umgebung gut zurecht. Für sie ist es kein Problem, um ein Beispiel zu nennen, mit zehn Jahren vom Münchner Flughafen mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof und von dort nach Stuttgart zu reisen. Ich selber hätte in dem Alter noch jemanden gebraucht, der mich an der Hand nimmt! Hier funktioniert die Selbstständigkeit perfekt – und das ist kein Einzelfall.
 
Funktioniert diese Selbstständigkeit auch bei der Erledigung der schulischen Aufgaben?
 
Thomas Miederer: Das hängt ganz vom Typ ab. Es gibt Schüler, die ihre Studierzeiten sehr intensiv nutzen und dann auch mit hervorragenden schulischen Leistungen glänzen. Und es gibt andere, die machen nur das Nötigste um durchzukommen. Die legen dann häufig in den letzten zwei Schuljahren eine Schippe drauf um dann auch ordentlich abzuschließen. Bis zur zehnten Jahrgangsstufe besteht Anwesenheitspflicht in den Studierzeiten. Das führt schon dazu, dass nicht nur auf dem Bleistift herumgekaut wird. Aber es ist eben nicht so, wie ich es manchmal in Familien erlebe, dass, wenn der Schüler keine Lust hat, die Mutter ihm die Hand führt, damit die Hausaufgabe nicht nur vollständig, sondern auch richtig ist. Das könnten wir hier nicht leisten – und das wollen wir auch gar nicht.
 
Verpasst man als Internatsschüler nicht vielleicht auch etwas vom „richtigen Leben draußen“?
 
Thomas Miederer: Natürlich entwickeln sich Kinder im Internat anders, als wenn sie zuhause in der Familie aufwachsen – anders, aber nicht schlechter. Es werden andere Schwerpunkte gesetzt, bei uns an erster Stelle eben der Chor. Aber in Windsbach gibt es keine Mauern rund ums Gelände und keine verrammelten Türen! Die Jungs kommen und gehen – und gleiches gilt für etwaige Freundinnen, wobei wir hier klare Regelungen haben. Es wird aber keiner kaserniert und jeder kann seine Erfahrungen machen – wie „draußen im richtigen Leben“.
 
Wie kommen die Knaben denn mit der Trennung von zuhause klar? Oder haben die Choristen gar keine Zeit für Heimweh?
 
Thomas Miederer: Die Jungs kommen mit der Trennung von zuhause meistens besser klar als das Zuhause mit der Trennung von den Jungs! Das Heimweh ist bei manchem anfangs sicherlich da – aber längst nicht so ausgeprägt wie bei vielen Eltern und hier vor allem bei Müttern das „Kindweh“. Die Erzieher erleben es nicht selten, dass ein Kind den ganzen Tag bestens gelaunt ist. Dann ruft die Mutter an – und plötzlich hat man ein heulendes Elend da sitzen. Kaum ist der Hörer aber aufgelegt und mal hochgeschnieft, läuft das Kind wieder quietschfidel herum. Hier hilft übrigens die Gemeinschaft im Internat und natürlich im Chor gerade den Jüngeren immens. Eine zweite schwierige Phase ist der Stimmbruch. Da kann man in Windsbach seinen Daseinszweck, nämlich das Singen, nicht richtig erfüllen. Und da meint mancher, er hätte vielleicht doch was verpasst – eben weil er im Internat lebt und von anderen mitbekommt, was „draußen“ abgeht. Allerdings bleiben fast alle trotzdem hier und merken spätestens als Männerstimme, dass das die richtige Entscheidung war.
 
Kennen Sie eigentlich jeden Ihrer Zöglinge mit Namen, Familienhintergrund und Persönlichkeit?
 
Thomas Miederer: Ja, mit einer Einschränkung: Die Viertklässler kann ich am Anfang nicht immer sofort zuordnen. Aber spätestens ab der fünften Klasse kenne ich jedes Gesicht und jeden Namen.