Pädagogik in Windsbach (3)

WINDSBACH (10. November 2016). Auf einer Internetseite, die den Bachelor-Studiengang Pädagogik bewirbt, wird das Fach als „Türöffner für ein vielfältiges Berufsfeld“ gelobt. Die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher im Windsbacher Sängerinternat ist sicher nur eine Möglichkeit, in diesem „vielfältigen Berufsfeld“ zu arbeiten. Aber auch sie ist schon: vielfältig.
 
Um vorab ein paar „Pfeiler“ zu setzen: Ganz nüchtern geht es hier um die Wahrnehmung der Aufsichtspflicht und die schulische Betreuung, die Beachtung des leiblichen Wohls vom Zähneputzen über die Gesundheit der Jungs bis hin zur prophylaktischen Aufklärung über Suchtgefahren. Es geht um die Unterstützung der Kinder in persönlichen Belangen, die Kontaktpflege zu den Bezugspersonen, die Freizeitgestaltung sowie die Steuerung und Nutzung gruppendynamischer Gespräche und Aktivitäten.
 
Christlich und humanistisch
Im Zentrum der Erziehung im Windsbacher Sängerinternat steht die Vermittlung eines christlichen und humanistischen Welt- und Menschenbildes, das darauf gründet, den anderen zu respektieren, ihn mit allen Vorzügen (und auch Macken) anzunehmen und mit ihm in friedlicher Koexistenz zu leben. Dass dies nicht immer einfach ist, weiß nicht nur der, der im Windsbacher Internat war – aber gerade hier kann man quasi „en passant“ lernen, dass und wie man zusammen unheimlich viel erreichen kann: durch das gemeinsame Singen und Arbeiten im Knabenchor. Beides hängt ja untrennbar miteinander zusammen: die Bildung und Erziehung auf christlicher Wertebasis und die Aufgabe des Knabenchores, über das rein Künstlerische hinaus auch einen Verkündigungsauftrag wahrzunehmen.
 
In einem Thesenpapier der Erziehungsleitung heißt es sachlich, das Erziehungsziel sei das „Einordnen in das soziale Kollektiv von Internat, Chor und Gesellschaft“ und (fett gedruckt!) das „Erlangen des angestrebten schulischen Abschlusses“. Dies betrifft jedoch unheimlich viele einzelne Facetten: Verantwortungsbereitschaft, Eigeninitiative, Selbstverantwortung – mit jedem Schuljahr wachsen hier auch die Freiheiten und damit die Möglichkeiten, sich auszuprobieren und seinen Platz zu finden.
 
Voraussetzung ist die Bereitschaft zur Leistung, Pünktlichkeit, Selbstdisziplin und Ordnung. Diese Fähigkeiten werden oft auch als Sekundärtugenden bezeichnet – im Gegensatz zu den Primärtugenden wie Klugheit, Gerechtigkeit und Güte. Sie wiederum sind als soziale Kompetenz für das Zwischenmenschliche unerlässlich: das Mitgefühl, die Fähigkeit zum Dialog, Optimismus, Mut, Durchsetzungsvermögen, Selbstvertrauen und eine positive Grundeinstellung zum Leben, sogenannte „soft skills“. Alles zusammengenommen bedingt die möglichst störungsfreie Entfaltung der Persönlichkeit.
 
Gemeinsam leben und arbeiten
Dies ist der formulierte Erziehungsauftrag der Menschen, die im Windsbacher Sängerinternat mit den Jungs gemeinsam leben und arbeiten. Jede und jeder einzelne hier besitzt eine individuelle, hohe fachliche Autorität und ist durch eine pädagogische Ausbildung für die Aufgabe qualifiziert. Man legt Wert auf ein demokratisches Erzieherverhalten und hohe soziale Kompetenz, die bei der Wahrnehmung der Aufsichtspflicht für entsprechende Akzeptanz und Respekt sorgt.
 
Aufrichtigkeit, Achtung des Anderen, Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Anerkennung, Freundlichkeit und Offenheit – und alles bei möglichst gut ausbalanciertem emotionalem Gleichgewicht: Die Aufgabe in einem Internat (und zumal in Windsbach mit den Anforderungen des Chores) stellt an das Personal keine geringen Ansprüche. Gefordert sind kommunikative Kompetenzen wie eine persönliche Gesprächsführung und aktives Zuhören, kognitive Klarheit (also die Fähigkeit, Verhaltensentscheidungen zu prüfen und erklären zu können), die Fähigkeit Absprachen zu treffen und Konsequenzen benennen zu können. All dies geschieht im aktiven Austausch mit Erzieherkollegen, Lehrern, Eltern, Mitarbeitern aller Abteilungen und – last but not least – natürlich mit den Schülern selbst.
 
Der Arbeitsalltag gründet auf einer ganzheitlichen Erziehung: Förderung des Individuums, schulische Unterstützung, Einüben von Arbeitsverhalten und Disziplin. Was sich wie ein Stundenplan liest, geschieht indes eher unterschwellig: in einem durch verbindliche Zeitrahmen durchstrukturierten Tages- und Wochenablauf mit seinen Schul- und Studierzeiten, gemeinsamen Mahlzeiten, Chorproben und Konzerten, dem individuellen Musikunterricht sowie Stimmbildung und natürlich auch: Freizeit!.
 
Fordern und Fördern
Durch das gemeinsame Gestalten dieser Freizeit mit Gruppenerlebnissen vor allem auch außerhalb des Chorsaals mit Spiel- und Sportaktivitäten sowie erlebnispädagogischen Angeboten im musischen, kreativen und handwerklich-praktischen Bereich wird das Erleben von Gemeinschaft und Individualität gefördert. Flankiert wird diese offensive Pädagogik von einer „defensiven“: der Hilfe bei Belastung, Misserfolgen und Unsicherheiten, um eine Frustrationstoleranz aufzubauen.
 
Alters- und entwicklungsabhängig werden die Jungs im Internat ins Jugendalter hineinbegleitet, wo sie Grenzen aufgezeigt bekommen und damit umzugehen lernen. Das beginnt bei der Unterstützung in grundlegenden, lebenspraktischen Bereichen wie dem Umgang mit Geld und Eigentum, dem Achten auf die eigene Gesundheit inklusive der persönlichen Hygiene über die Vermittlung von Normen und Werten bis hin zu religiös-spirituellen Inhalten.