Erzieher(innen) im Spannungsfeld (4)

WINDSBACH (17. November 2016). „Das Leben ist kein Ponyhof“, besagt eine Binsenweisheit. Das trifft auch für das Windsbacher Sängerinternat zu: Hier leben und arbeiten die pädagogischen Kräfte mit rund hundert Jungs zwischen acht und 18 Jahren – nicht nur während der Pubertät eine Herausforderung. Die Pädagogen stehen dabei in einem Spannungsfeld verschiedener Anforderungen.
 
Erzieher bzw. Erzieherin in einem Internat ist kein Job wie jeder andere, keiner, den man um 8 Uhr beginnt und um 16 Uhr beendet, nachdem man das Werkzeug aus der Hand gelegt oder den Rechner heruntergefahren hat. Natürlich gibt es auch in Windsbach feste Arbeitszeiten. Doch die „Arbeit“ beschäftigt diejenigen, die sie „erledigen“ auch nach Dienstschluss: Hier geht es nicht um ein Stück Metall, was bearbeitet oder eine Bestellung, die geschrieben wird, sondern um junge Menschen.
 
Da ist der Schüler: Er verlangt nach Aufmerksamkeit und Verständnis, Fairness und Gleichbehandlung, ganz allgemein Wertschätzung. Vielleicht braucht er auch einmal individuell Trost und Geborgenheit. Er soll schulisch betreut werden, benötigt vielleicht eine besondere Motivation und freut sich natürlich über ein spannendes Freizeitangebot. Er verlangt Freiheiten und muss gleichzeitig Grenzen gesetzt bekommen, um hierin ein souveränes Handeln zu erlernen. Konflikte entstehen in der Gruppe und mit dem Einzelnen – und wollen gelöst werden.
 
Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser
Zentraler Teil des Windsbacher Tagesablaufs ist die Schule: Sind die Hausaufgaben gemacht? Ist das Arbeitsmaterial vollständig? Sind die Jungs pünktlich? Wie sieht es mit der individuellen Vorbereitung auf den Unterricht aus? Wie sind die Leistungen des einzelnen? Gibt es auffälliges Verhalten im Unterricht? Hierzu stehen die Pädagogen im Austausch mit dem Lehrkörper. In der Studierzeit sollen die Hausaufgaben erledigt werden – auch hier sind die Erzieherinnen und Erzieher gefragt.
 
Die Schule auf der einen, der Chor auf der anderen Seite: Hier gilt es, die Chorpläne zu berücksichtigen und umzusetzen, was eine hohe Flexibilität bei möglichen Änderungen betrifft. Mal kommt der Chor spät von einer Reise heim, mal stehen Feriendienste oder eine Begleitung auf einer Fahrt an. Die Anforderungen durch den Chor erlebt jedoch nicht nur das pädagogische Personal: Auch jeder der jungen Sänger ist individuell davon betroffen.
 
Wie kommt er damit klar? Gibt es Konflikte und wie sind diese aufzufangen oder besser gleich zu vermeiden? Außerdem sind da noch die „Basics“, auf die geachtet werden muss: Ist die Kleidung in Ordnung? Wie sieht es mit dem Auftreten und dem Verhalten aus? Und: Beeinträchtig die Chorarbeit vielleicht die schulische Leistung? Wer im Windsbacher Knabenchor singt, muss ein Instrument spielen oder lernen. Auch hier gibt es Termine, die einzuhalten sind: Unterricht, Übungszeiten. Pünktlichkeit ist hier genauso wichtig wie der richtige Einsatz in einem Musikstück.
 
Eltern sind präsent
Internat, Schule und Chor – aber da sind ja auch noch die Eltern. Sie wollen, dass sich ihr Sohn in Windsbach gut entwickelt, dass er zur Selbstständigkeit erzogen wird. Das fängt im Kleinen an: Körperpflege, Ordnung, Ernährung und geht über die gesundheitliche Versorgung und das Freizeitangebot bis hin zum Lösen von Problemen, beispielsweise der mögliche Umgang mit Suchtmitteln. Hier muss das pädagogische Personal geschult sein und angemessen reagieren. Was sich früher auf Besuche der Eltern im Internat beschränkte, passiert heute dank Internet und sozialer Medien fast ständig: Vater und Mutter sind nicht zuhause, sondern „dabei“, fordern Information, Austausch und Mitspracherecht. Auch hiermit müssen die Erzieherinnen und Erzieher umgehen.
 
Chor, Schule, Eltern, Internat: Die Verwaltung fordert Beschäftigungsnachweise und das Führen von Arbeitszeitkonten, man muss Listen erstellen und Kassenbücher führen, etwaige Schäden melden. Die Hauswirtschaft benötigt Wochenendlisten, Bestellungen für die Küche müssen rechtzeitig aufgegeben werden. Die Wäsche ist pünktlich abzugeben, dazu zählt auch die Konzertkleidung. Gibt es Krankmeldungen? Muss ein Schüler zum Arzt (und braucht eine Begleitung)? Ganz allgemein muss auf das Verhalten der Jungs gegenüber dem Personal geachtet werden, auf gute Tischmanieren, auf die Einhaltung der Speisesaalordnung.
 
Internat, Chor, Schüler, Eltern – auch der Erzieher selbst repräsentiert den Windsbacher Knabenchor. Und das nicht nur zum Internatsfest oder am Tag der offenen Tür. Doch er ist nicht allein: Wer in Windsbach arbeitet, gehört zu einem engagierten Team. Auch das stellt Anforderungen: Kommunikation, Flexibilität, Offenheit, Verständnis, Professionalität, Freundlichkeit und Verlässlichkeit; man verfolgt eine gemeinsame Linie, ein gemeinsames Ziel. Respekt, gegenseitige Wertschätzung, ein freundlicher Umgang – das wünscht sich jede Kollegin, jeder Kollege.
 
Chor, Schule, Internat, Hauswirtschaft, Verwaltung, Team, Kollegen – nicht zu vergessen: Jeder, der hier arbeitet, ist ebenfalls ein Individuum, hat seinen eigenen Lebenslauf und auch sein familiäres Umfeld, das sich den Anforderungen der Arbeit als Erzieherin oder Erzieher anpassen und zuweilen auch unterordnen muss. Da ist die eigene Prägung, die eigene Gesundheit, da sind persönliche Hobbies, für die die Dienstzeiten genügend Raum lassen sollten.
 
Angesichts dieser ganzen Herausforderungen kann einem ganz schön der Kopf schwirren. Zwar stürmen sie (hoffentlich!) nicht alle zur selben Zeit auf die Erzieherinnen und Erzieher im Windsbacher Sängerinternat ein, doch die Aufgabe, der sich alle hier stellen, ist unglaublich groß. Aber auch wunderbar: Man ist Teil eines Ganzen – ohne diese Arbeit funktionieren weder Studienheim noch Knabenchor. Man ist das berühmte „Rädchen“, das doch unglaublich wichtig für das Ganze ist. Und, das weiß man jetzt, ganz schön viel leistet. Applaus!
 
[Grafik: Wikipedia/Claudio Rocchini]