Erziehungsleiter – ein Job mit Profil (5)

WINDSBACH (4. Januar 2017). Im Zeitungsredaktionen kursiert folgender Witz: Wer glaubt, dass ein Verlagsleiter einen Verlag leitet, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten. In Windsbach gibt es keinen Verlags-, mit Alfred Frosch aber einen Erziehungsleiter. Seine Aufgaben sind äußerst vielfältig. Zum Zitronenfalten bleibt da keine Zeit.
 
Alfred Frosch arbeitet seit 24 Jahren im Windsbacher Sängerinternat. Damit gehört er, wie viele Erzieherinnen und Erzieher vor ihm, fast schon „zum Inventar“. Und in der Tat: Man kann sich den Alltag hier gar nicht vorstellen ohne die Ausstrahlung des Franken, der immer irgendwie gut gelaunt zu sein scheint. Vor ein paar Monaten sprach ihn ein ehemaliger Zögling an: „Mensch, Du hast Dich ja gar nicht verändert.“ Das freut Alfred Frosch, den seine Tätigkeit bei und mit den Windsbachern jung zu halten scheint – ein Phänomen, was sich übrigens ganz generell bei den Menschen beobachten lässt, die in diesem „Unternehmen“ arbeiten.
 
Starker, roter Pfaden
Dort existiert in der Pädagogik des Sängerinternats ein starker, roter Faden, an den die verschiedenen Aktivitäten anknüpfen. Kopf des Ganzen ist der Internatsdirektor, Pfarrer Thomas Miederer. Die Organisation der pädagogischen Arbeit liegt indes in den Händen von Diplom-Sozialpädagoge Alfred Frosch. Er ist der Erziehungsleiter. Was das heißt, erklärt einer, der vor allem eines nicht sein will: ein Vorgesetzter, der in einer Machthierarchie, wie sie vielleicht in der privaten Wirtschaft vorkommt, seinen Platz verteidigt.
 
In Windsbach steht jeder einzelne Sänger im Mittelpunkt – hierum kümmert sich ein engagiertes Team von aktuell zehn festen Mitarbeitern und drei Praktikantinnen von der Fachakademie für Sozialpädagogik, die hier ihr Anerkennungsjahr für den Erzieherberuf durchlaufen. Je nach Bewerbungslage und Eignung kommen junge Menschen hinzu, die als Diakonische Helfer ihr Freiwilliges soziales Jahr (FsJ) absolvieren.
 
Alfred Frosch steht dafür ein, dass die Mitarbeiterschaft das entwickelte pädagogische Konzept auch umgesetzt. Er verteilt die Aufgaben und sorgt dafür, dass die gesetzlichen Anforderungen wie Arbeitszeit und Urlaubsansprüche eingehalten werden. Er bereitet Teamgespräche wie Erziehersitzungen vor und leitet sie. Den Kollegen steht er jederzeit mit Rat und Tat beiseite. Zu den Aufgaben des Erzieherleiters gehören also ganz profane Aufgaben wie das Erstellen von Dienstplänen und die Organisation der Fortbildungen. Wo gibt es etwaige Überschneidungen und wie sind diese in den Ablauf zu integrieren?
 
Zur Stelle, wenn Not am Mann ist
Alfred Frosch hat keine „eigene Gruppe“, ist aber als Springer zur Stelle, wenn Not am Mann ist. Anstatt für eine Jahrgangsstufe ist er Ansprechpartner für alle: die Schüler wie deren Eltern, die Kollegen aus dem pädagogischen Bereich wie die des Chores; und auch wenn es um die Zusammenarbeit mit den Schulen, mit dem Elternbeirat oder dem Diakonischen Werk geht. Da er ohne Gruppe zeitlich nicht gebunden ist, übernimmt Alfred Frosch auch außerplanmäßige Aufgaben, führt Beratungsgespräche mit Schülern oder ist Chauffeur bei Krankenfahrten. Manchmal gibt es auch hier Überschneidungen – ein offenes Ohr hat er immer.
 
Wer in Windsbach zum Vorsingen kommt, lernt als erstes Chorleiter Martin Lehmann und Internatsdirektor Thomas Miederer kennen. Aber auch Alfred Frosch ist hier engagiert und führt die jungen Gäste mit ihren Familien über den Internats-Campus. Stellen sich statt des singenden Nachwuchses neue Mitarbeiter, Praktikanten oder FsJler vor, führt der Erziehungsleiter die Vorstellungs- und Informationsgespräche. Die Kollegen werden von ihm dann auch angeleitet und beurteilt. Außerdem muss einmal im Jahr das Internatsfest vorbereitet und koordiniert werden.
 
Rund 100 Schüler im Internat und über 20 Tagesheimschüler, verteilt auf neun Gruppen in fünf Häusern – Alfred Frosch behält hier stets den Überblick. Und den Kontakt – nicht nur, wenn er Sport- und Freizeitangebote durchführt oder den Chor auf Konzertreisen begleitet. Und dann ist da auch noch die Leitung des „Kastenparlaments“, in dem jede Gruppe durch einen Schüler vertreten ist und die mehrmals im Schuljahr zusammentritt, um über aktuelle Belange der Internatsbewohner zu beraten.
 
Verschiedene Aufgaben
Eine Reihe von Aufgaben also, die der Erziehungsleiter in Windsbach zu absolvieren hat – und die Alfred Frosch, jede für sich, großen Spaß machen! Das merkt man im Gespräch. Gefragt nach etwas, was ihm weniger behagt, nennt er höchstens die Mitwirkung im Disziplinarausschuss, sollte dieser einmal zusammentreten müssen, um über das Betragen eines Zöglings zu beraten. Auch hier sieht sich Alfred Frosch dann eher als Vertreter der Schüler. Wo nötig trägt er aber durchaus auch ungemütliche Entscheidungen mit.
 
Die Zeit ist vorangeschritten, gleich beginnt die Studierzeit. Viel hat man sich aufgeschrieben, denn an vieles hat der Erziehungsleiter zu denken. Auch wenn für ihn gleich keine Hausaufgabenbetreuung ansteht – er hat immer etwas zu tun. Spontanität ist wohl eine der wichtigsten Eigenschaften, die man, neben einer gesunden Portion Gelassenheit, für diesen Job braucht. Gepaart mit einer gewinnenden, guten Laune geht Alfred Frosch hier jeden Tag ans Werk. Saure Zitronen gibt’s hier nämlich nur in der Hauswirtschaft.