Kinder- und Jugendrechte (6)

WINDSBACH (1. Februar 2017). Windsbach liegt in Mittelfranken. Nicht allzu weit entfernt grenzen die Region und damit der Freistaat Bayern an das Bundesland Baden-Württemberg, wo man 2014 anlässlich des 25. Jubiläums der UN-Kinderrechtskonvention das „Jahr der Kinder- und Jugendrechte“ beging. In Windsbach haben diese durchgehend Konjunktur und hängen in jeder Gruppe aus: Rechte und Pflichten als Grundlage für das Zusammenleben in Internat und Chor.

Die Resolution 44/25 der Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes erhebt diese ausdrücklich in den Rang der Menschenrechte und formuliert sie völkerrechtlich verbindlich. 193 Staaten weltweit, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland,  haben diese Resolution unterzeichnet und damit anerkannt. In Windsbach wurden die Kinder- und Jugendrechte mit den Schülervertretern im „Kastenparlament“ besprochen und ergänzt, der Elternbeirat wurde über die Inhalte informiert. Jedes Jahr erläutern die Gruppenerzieher zu Schuljahresbeginn dieses Regelwerk mit ihren Schülern in einer Gruppenversammlung, was dokumentiert, dass die Kinder- und Jugendrechte hier mehr sind als ein (wenn auch – übrigens verpflichtend vorgeschrieben – laminiertes) Stück Papier.
 
Wer die Kinder- und Jugendrechte im Einzelnen studieren möchte, kann dies in allen Häusern auf dem Internatscampus tun. Die Paragraphen werden per Mail an die Eltern versendet und hängen im allgemein zugänglichen Vorraum vor dem Speisesaal im Schaukasten.
 
Recht auf gewaltfreie Erziehung
Kernpunkte sind das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung, die körperliche Züchtigung sowie verbale Verletzungen, Beleidigungen sowie Mobbing explizit ausschließt. Verbrieft ist der Schutz vor persönlicher Grenzverletzung, sexualisierter Gewalt und sexuellem Missbrauch ebenso wie der Schutz der Privatsphäre (durch Schränke und ein abschließbares Fach) sowie die Gewährung eines Rückzugsraums, was im Alltag vor allem bedeutet: Vor dem Betreten des Zimmers ist anzuklopfen. Außerdem sollte der Schüler bei nötigen Zimmerkontrollen dabei sein.
 
Gruppenversammlungen werden mindestens einmal pro Monat vom Gruppenerzieher oder auf Antrag eines Schülers durchgeführt, um aktuelle Probleme zu diskutieren und möglichst zu lösen. Außerdem existiert mit dem erwähnten „Kastenparlament“ eine Interessensvertretung der Internatsschüler, die auch die Vertrauenserzieher wählt: Jede Gruppe bestimmt am Beginn des Schuljahrs einen Sprecher, der an den protokollierten Sitzungen teilnimmt. Diese Protokolle werden ausgehängt und an alle Teilnehmer verteilt. Apropos Post: Es gilt natürlich auch hier das Brief- und Telefongeheimnis.
 
In der UN-Resolution 44/25 findet sich kein Paragraph zum Thema Taschengeld, in den Kinder- und Jugendrechten von Windsbach hingegen schon: Die Höhe des monatlichen Taschengeldes wird nach Klassen festgesetzt. Kürzungen oder Streichungen aus erzieherischen Gründen sind nicht erlaubt. Allerdings wird ein Schüler bei einem mutwillig angerichteten Schaden zwecks Behebung zur Ratenzahlung angehalten.
 
Keine Rechte ohne Pflichten
Ein kleiner Exkurs zu den Pflichten, der „Kehrseite der Medaille“, auf der die Rechte verzeichnet sind – auch sie stehen nämlich im Aushang: Der Schüler muss natürlich die Internatsregeln einhalten, über die er bei seinem Einzug ins Internat informiert wird. Beispielsweise sind Besuche von Freunden im Internat nur zu den vorgegeben Zeiten zu empfangen.
 
Doch gibt es noch weitere Rechte für Bewohner des Sängerinternats: Sie dürfen bei der Schulwahl ebenso wie bei der Zimmerbelegung mitreden; sie haben bei der Verpflegung die Wahl zwischen vegetarischer und nicht vegetarischer Kost. Es existiert ein formuliertes Recht auf qualifizierte Eltern- und Schülergespräche mit den Gruppenerziehern, in denen die schulische Leistung sowie die persönliche Entwicklung thematisiert werden. Die Ergebnisse dieser Gespräche werden in der Schülerakte dokumentiert. Ebenfalls verbrieft sind die Vertraulichkeit dieser Gespräche und der Datenschutz (sofern das Kindeswohl dem nicht widerspricht).
 
Diese Rechte sind übrigens „einklagbar“: zwar nicht beim nächsten Amtsgericht in Ansbach, aber über den wöchentlich geleerten „Kritik- und Kummerkasten“ sowie im persönlichen Gespräch mit den Gruppenerziehern, den Vertrauenserziehern, dem Erziehungsleiter Alfred Frosch, dem Internatsdirektor Thomas Miederer oder dem Chorleiter Martin Lehmann. Probleme werden hier nicht unter den Teppich gekehrt, denn die Kinder- und Jugendrechte nennen auch die Telefonnummern der Heimaufsicht, der Regierung von Mittelfranken, des Jugendamtes in Ansbach sowie die kostenlose „Nummer gegen Kummer“.
 
Eine tolle Sache also, die Kinder- und Jugendrechte im Windsbacher Sängerinternat. Sie entsprechen übrigens jenen der Vereinten Nationen. Und manchmal werden diese vor Ort sogar besonders intensiv umgesetzt. Zum Beispiel das „Recht auf Spiel, auf Freizeit und Ruhe:  Kinder haben das Recht zu spielen, sich zu erholen und künstlerisch tätig zu sein.“ Wo bitteschön findet dies mehr Beachtung als im Windsbacher Knabenchor und seinem Sängerinternat?