Musikalische Neugier als Triebfeder

WINDSBACH (27. Juli 2017). In einem Interview, in dem Martin Lehmann über die Arbeit mit seinen Windsbachern an der h-moll-Messe sprach, erwähnte er, welches Geschenk es sei, hier immer wieder mit herausragenden Orchestern musizieren zu können. Für die nächsten Aufführungen von Bachs großartiger Musik wird man jetzt mit dem Freiburger Barockorchester zusammenarbeiten. Für dessen Qualität spricht vieles – nicht nur, dass man seit 2011 jedes Jahr einen ECHO Klassik nach dem anderen erhält.

Ist es wirklich wahr, was die Anekdote erzählt? Nämlich, dass sich Studenten der Freiburger Musikhochschule am Silvesterabend des Jahres 1985 in sektbeschwingter Feierlaune entschlossen, ein Ensemble zu gründen um auf historischen Instrumenten Alte Musik zu spielen? Das schreibt das Orchester zumindest auf seiner Homepage. Und das Ganze wäre ja auch nicht spektakulär, wäre daraus nicht eines der besten Barockensembles entstanden.
 
In Ansbach und anderswo zu Gast
Es wurde geprobt, Quellen wurden studiert, man diskutierte darüber, was barockes Musizieren eigentlich sei – und trat im November 1987 erstmals als Freiburger Barockorchester auf. Das Programm bestand aus Werken europäischer Barockmusiker wie Henry Purcell, Jean Baptiste Lully, Arcangelo Corelli, Georg Muffat und Unico Willem van Wassenaer, einem Holländer. Seitdem wurden unzählige Konzerte gegeben und Stücke gespielt – beispielsweise bei der Ansbacher Bachwoche, wo man jetzt auch mit den Windsbachern zu hören ist.
 
Mit den Jahren ist nicht nur das Repertoire größer geworden – auch das Ensemble selbst ist gewachsen: Das Freiburger Barockorchester besteht aus 27 Musiker-Gesellschaftern (elf Violinen, vier Violen, zwei Violoncelli, Kontrabass, Cembalo, zwei Flöten, zwei Oboen, Fagott, zwei Hörner und eine Trompete) sowie zahlreichen Gastmusikern, die es um Instrumente wie Blockflöte, Klarinetten, Trompeten, Pauken, Viola da Gamba und Laute ergänzen, da diese im festen Orchesterstamm nicht zu finden sind. Für größere Besetzungen in Opern und romantischen Werken werden auch Gastmusiker hinzugezogen. Dokumentiert sind die Qualitäten des Orchesters (und die Quantität des Repertoires) auf über 60 Tonträgern; darunter finden sich gleich zwei Einspielungen mit Bachs h-moll-Messe (einmal mit der Gächinger Kantorei und einmal mit dem Balthasar-Neumann-Chor). Umso größer ist die Spannung auf die Konzerte mit den Windsbachern.
 
Meist ohne Dirigent
Die Heimatstadt des Orchesters hat mit Dieter Salomon übrigens einen Grünen als Oberbürgermeister und auch die Musiker wurden bis vor Kurzem von einer „Doppelspitze“ geführt (natürlich unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung): Gottfried von der Goltz und Petra Müllejans teilten sich die Rolle des Konzertmeisters respektive der -meisterin, wobei die Barockgeigerin zum August dieses Jahres ihren Rückzug angekündigt hat. Ohnehin spielen die Freiburger meist ohne Dirigenten und arbeiten nur in rund einem Viertel ihrer Auftritte mit solchen zusammen. Martin Lehmann steht hier in einer Reihe mit Kollegen wie René Jacobs, Thomas Hengelbrock oder dem Spanier Pablo Heras-Casado. Neben namhaften Künstlern wie der Gambistin Hille Perl, Isabelle Faust (Violine), Andreas Staier (Cembalo) den Sopranistinnen Emma Kirkby und Carolyn Samspon, dem Altus Philippe Jaroussky oder Bariton Christian Gerhaher (um nur einige Namen zu nennen) rekrutiert man auch aus den eigenen Reihen Interpreten von Solopartien.
 
Triebfeder und Markenzeichen
„Hoher Anspruch, große Spielfreude und wache musikalische Neugier“ nennen die Musiker ihre Triebfedern und formulieren so ihr Markenzeichen, was ihnen auch schon von Kritikerseite her unzählige Male attestiert wurde. Mit diesem künstlerischen Credo hat das Freiburger Barockorchester die bekanntesten Konzertsäle der internationalen Musikszene erobert, in denen es mit ungefähr hundert Auftritten pro Jahr zu hören ist. Auch in der traditionellen Klassikszene genießt man einen exzellenten Ruf, wofür auch die Tatsache spricht, dass die Freiburger 2009 als erstes Barockorchester überhaupt eingeladen wurden, die Salzburger Festspiele zu eröffnen. Neben der eigenen Auftrittsreihe im Konzerthaus ihrer Heimatstadt hat man auch in der Stuttgarter Liederhalle und der Berliner Philharmonie seit 15 Jahren mit einer selbst veranstalteten Konzertreihe eine musikalische Heimat gefunden.
 
Zudem gründete sich aus dem Barockorchester das Freiburger Barock Consort, das sich auf die kleiner besetzte Musik des 17. und frühen 18. Jahrhunderts spezialisiert hat. Bestehend aus Mitgliedern des Freiburger Barockorchesters verfolgt diese Formation das Ziel, mit ausgefallenen Programmen abseits vom gängigen Konzertrepertoire liegende Stücke wiederzuentdecken oder vermeintlich Bekanntes aus ungewohnter Perspektive in neuem Licht erklingen zu lassen. Vor allem die bildhaften und ungemein virtuosen Kompositionen von Heinrich Ignaz Franz Biber, Johann Heinrich Schmelzer, Georg Muffat und Antonio Bertali gehören zum Kernrepertoire. Neben CD-Einspielungen mit Werken dieser Komponisten hat sich das Freiburger Barock Consort in seiner Aufnahmetätigkeit erfolgreich für die in Vergessenheit geratene Kammermusik Georg Philipp Telemanns eingesetzt.
 
Mit den Windsbachern musiziert das Freiburger Barockorchester Bachs h-moll-Messe am 2. August in Kloster Eberbach (Rheingau Musik Festival), am 3. August in der Heilig-Kreuz-Kirche Schwäbisch Gmünd (Festival Europäische Kirchenmusik) sowie am 6. August in St. Gumbertus (Bachwoche Ansbach). Solisten sind Robin Johannsen (Sopran), Sophie Harmsen (Alt), Julian Prégardien (Rebor) und Andreas Wolf (Bariton).