„Gut auf’s Leben vorbereitet“

WINDSBACH (26. September 2017). Als der Knabenchor Anfang Juni sein großes Reformationskonzert mit Werken fränkischer Komponisten in St. Lorenz gab, musizierte mit ihnen der Solist Yosemeh Adjei – und das nicht zum erst Mal, denn der Altus war selbst früher Sänger in Windsbach! Wir sprachen mit ihm am Rand des Festkonzerts auf Schloss Dennenlohe anlässlich des 50. Jubiläums der Fördergesellschaft.

Als ehemaliger Windsbacher ein Konzert mit dem Knabenchor zu hören – was ist das für ein Gefühl?
 
Ein ganz tolles – fast so, wie wenn man nach langer Zeit wieder nach Hause kommt. Konzerte mit den Windsbachern sind immer etwas ganz Besonderes und jeden Augenblick davon genieße ich. Dann sitze ich da und es kommen ganz viele Bilder von früher. Und wenn ich dann an meinen musikalischen und persönlichen Weg denke, die Anfänge und daran, was mich geprägt hat, an das Umfeld in Windsbach, dann habe ich ein ganz große Gefühl von Dankbarkeit.
 
Nun haben Sie ja in Nürnberg als Solist mit dem Knabenchor gesungen. Wie  haben Sie das erlebt?
 
Das war ebenfalls großartig. Früher war es toll, als Chorist mit professionellen Solisten zu musizieren und heute darf ich selber da vorne stehen. Das ist wirklich ein großartiges Gefühl!
 
Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit in Windsbach?
 
Windsbach war für mich enorm wichtig. Ich war ja erst vier Jahre in Deutschland und Windsbach war für mich auch eine Art Ankommen in dieser Welt. Meine ersten sechs Lebensjahre hatte ich mit meiner Familie in Ghana verbracht und als ich dann nach Windsbach kam, empfing mich ein ganz anderes Umfeld: das Ländliche mit seinen Strukturen und den Menschen. Die Musik hat mich damit verbunden und mir das Gefühl gegeben, eine Sprache gefunden zu haben, mich auszudrücken und kommunizieren zu können. Und das hat mich für mein ganzes Leben geprägt.
 
Mal ganz abgesehen von Ihrer jetzigen beruflichen Tätigkeit: Inwiefern hat Sie Ihre Zeit im Chor und in Windsbach geprägt?
 
Wenn man in einer großen Gruppe – wir waren damals fast zweihundert Kinder, die im Sängerinternat lebten – jeden Tag gemeinsam erlebt, wächst man über die Zeit in anderen Zusammenhängen auf als wenn man in Familienstrukturen mit drei, vier Menschen um einen herum „groß“ wird. Ich wurde in vielen Dingen positiv geprägt, die ich jetzt in meinem persönlichen Alltag sehr gut einbringen kann. Da aber der Chor eine sehr dominierende Position in meiner Zeit in Windsbach hatte, kann ich das eine vom anderen, also Privates und Berufliches gar nicht so richtig trennen. Und wenn ich jetzt sehe, wie der Musikbetrieb, mit seinen weniger guten und seinen positiven Seiten funktioniert, bin ich heute fähig, beide Seiten der Medaille zu sehen. Das Schöne in Windsbach ist ja, dass man genügend Zeit dafür hat, überwiegend die eine Seite, also die positive, zu betrachten. Und die ist wundervoll.
 
Wie sieht denn die andere Seite aus?
 
Der Umgang mit Menschen kann sich manchmal auch als etwas schwierig erweisen – gerade wenn es emotional wird. Verantwortungsträger der Musik- und Kulturszene wie Regisseure oder Dirigenten haben manchmal ein etwas dominantes Auftreten. Ich sehe, dass manche Kolleginnen und Kollegen ein Problem damit haben, in der Ausübung ihrer Tätigkeit leistungsfähig zu bleiben. Sie wirken eingeschüchtert oder ziehen sich zurück. Ich habe den Umgang damit über die Jahre in Windsbach bereits gelernt, so dass ich jetzt sehr gut damit umgehen kann, ohne dass meine Leistungsfähigkeit darunter leiden muss. Das Singen im Chor war ja sehr konsequent und zielgerichtet, wovon ich jetzt durchaus profitiere. Ich fühle mich von Windsbach einfach sehr gut auf dieses Leben vorbereitet.
 
Sie hatten als Schüler Trompete gelernt und das auch anfangs studiert. Für einen Windsbacher ist es heute ja Pflicht, ein Instrument zu spielen. Warum ist das sinnvoll?
 
Der Gesang, die Stimme ist das natürlichste Instrument, das wir haben. Aber für die Auffassung rationaler Zusammenhänge in der Musik ist es immer gut, ein Instrument zu beherrschen, weil man da Verbindungen in der Musik herstellen kann, die sich durch den Gesang zunächst nicht unbedingt erschließen. Nehmen wir einfach mal das Klavier: Wenn wir singen, singen wir immer linear, nämlich Melodien; und daher denken wir auch entsprechend linear. Auf dem Klavier habe ich Akkorde, musiziere und denke daher also auch horizontal. Diese Akkorde ziehen sich in aller Regel durch Musik und haben immer eine Funktion, die die Melodie, also das Lineare elementar beeinflusst. Und für eine professionelle Berufsausübung im Musikbetrieb – und nichts anderes machen die Windsbacher ja – ist das Bewusstsein dieser Zusammenhänge enorm wichtig.
 
Warum fiel Ihre Wahl damals auf die Trompete?
 
Als wir das Weihnachtsoratorium von Bach auf dem Programm hatten, war für mich der Moment, in dem die Pauken und Trompeten „dazu“ kamen, immer schon magisch und faszinierend! Nach langen Übungs- und Probestunden wurde es jetzt richtig ernst! Da haben wir dann richtig ausgesungen! (lacht) Und eines Tages haben meine Freunde Christoph und Hartmut gemeinsam mit dem Schulorchester das Doppelkonzert für zwei Trompeten und Orchester von Vivaldi musiziert. Das war damals in der Windsbacher Stadthalle und ich stand hinten an der Eingangstür – das weiß ich noch, als ob es erst gestern passiert wäre: Die beiden haben so toll gespielt, das war ein so toller Klang, dieses Strahlen, diese Lebensfreude! Das hat mich gepackt und regelrecht infiziert! Anschließend wollte ich das unbedingt machen.
 
Und wie kam es denn dann zum Wechsel ins Sängerfach? Gab es da einen ähnlichen besonderen Moment, einen Impuls?
 
Während des Studiums habe ich eine Orchesterstelle angenommen und durfte einige Jahre in diesem Bereich teilweise auch phantastische Musik spielen. Bis zu einem gewissen Punkt: An dem musste ich feststellen, dass das, was ich an musikalischer Schule in Windsbach mitgekriegt habe, für mich als Orchestermusiker nicht in Gänze umsetzbar war; in mir war einfach viel mehr drin, als ich als Orchestermusiker hätte einbringen können.
 
Also ein Sänger gefangen im Körper eines Trompeters?
 
(lacht) Genau!
 
Sie singen als Altus, also als männlicher Alt. Können Sie das mal erklären?
 
Wir haben ja beim Singen immer Mischregister. Das reine Register wird also ganz selten angesprochen – bei tiefen Männerstimmen vielleicht, die singen mit voller Bruststimme und vollem Körper. Ein Tenor fängt irgendwann an zu mischen, also Brust- und Kopfstimme zu benutzen. Wenn man das in der Höhe immer weiter betreibt, kommt man wiederum in ein Mischregister, das Falsetto, wo man eben diese hohen Töne, die in der Barockmusik oder auch neuen Kompositionen verlangt werden, gut singen kann. Darauf stellt man den Stimmapparat und die Atmung ein und singt dann in der Stimmlage eines Countertenors.
 
Was wären Sie denn für eine Stimme, wenn Sie nicht im Falsetto singen würden?
 
Ich denke, wie die meisten anderen auch (lacht): Bariton.
 
Wo liegen Ihre stilistischen Vorlieben? Welche Musik singen Sie am liebsten?
 
Ich habe viel neue Musik, beispielsweise von Hans Werner Henze, Detlev Glanert oder Mauricio Kagel gesungen, darunter sehr schöne und interessante Werke, die zu interpretieren mir großen Spaß gemacht hat! Aber ich singe schon sehr gerne Musik von Händel, und da vor allem seine Opern. Er kannte die Gesangsstimme einfach am besten und hat mit beispielloser Empathie für die Stimme geschrieben. Mein Tätigkeitsfeld ist auch hier besonders groß, weil für diese Aufgaben die häufigsten Anfragen kommen.
 
Vervollständigen Sie doch bitte noch folgenden Satz: Windsbacher zu sein ist etwas großartiges, weil...
 
...ich mir keinen Ort vorstellen kann, an dem Art und Weise sowie Umfeld als junger Mensch an Musik herangeführt zu werden, konstruktiver sein können als in Windsbach. Über Jahre wird einem in jeder Probeminute vermittelt, was das faszinierende an Musik sein kann, was ihren Kern ausmacht und was sie uns damit sagen will. Ich bin unglaublich dankbar dafür, denn hier liegt das Fundament meines Reichtums an Klangvorstellung, Auffassungsgabe und Interpretationsfähigkeit. Mit diesem Schatz an Erfahrung kann man unter Umständen auch ganz andere Dinge im Leben aus anderen Blickwinkeln sehen. Das schafft Zuversicht und innere Stärke und die Gewissheit, wie großartig das war, was man hier erleben durfte.
 

Yosemeh Adjei wirkt als gefragter Altus in Konzerten weltweit. Wo man ihn sehen und hören kann, erfährt man auf seiner Website, wo er sich auch mit Audio- und Videodateien vorstellt.