„It’s a very big privilege for me“

WINDSBACH (24. November 2016). Auch seine diesjährigen Konzerte mit Bachs Weihnachtsoratorium gestaltet der Knabenchor mit herausragenden Solisten. Wir unterhielten uns mit dem Tenor James Gilchrist über sein Verhältnis zur Chormusik, zu den Windsbachern und natürlich zum Stück selbst.
 
 
Herr Gilchrist, bevor Sie sich dem Sologesang zugewandt haben, studierten Sie Medizin und praktizierten auch einige Jahre als Arzt. Was war der Grund dafür, die eine Karriere zu beenden und eine neue, künstlerische zu beginnen?
 
Drei Jahre lang arbeitete ich als Arzt. Mehr oder weniger habe ich beide Karrieren gleichzeitig verfolgt: Unter der Woche war ich Doktor und an den Wochenenden habe ich sehr viel gesungen – hauptsächlich in Konzerten mit Ensembles für Alte Musik wie „The Sixteen“, den „Tallis Scholars“ oder der „Cardinall‘s Music“. Immer öfter hatte ich hier auch solistische Rollen übernommen und merkte, dass mir für die Vorbereitung unter der Woche eigentlich die Zeit fehlte. Außerdem musste ich mich ja auch ständig in der Welt der Medizin fortbilden, so was hört ja nie auf. Und so fragte ich meinen Chef, ob er mich ein, zwei Monate freistellen könnte – das war um Weihnachten herum, also eine Zeit mit vielen Konzerten. Er war zum Glück sehr entgegenkommend. Ich hatte sogar vorgehabt, innerhalb der Medizin einen neuen Job anzutreten, aber dazu ist es nie gekommen. Und aus einigen Monaten, die ich für die Musik „pausieren“ wollte, sind nun schon 20 Jahre geworden. Und irgendwie vermisse ich das auch ein wenig: Arzt zu sein ist ein toller Job…
 
Arzt und Musiker – gibt es hier eigentlich Gemeinsamkeiten?
 
Das ist eine interessante Frage! Auf den ersten Blick natürlich nicht, aber Medizin möchte ja den ganzen Menschen ansprechen und Du kannst keine Krankheit heilen, wenn Du nicht auch darüber nachdenkst, was sie mit der Person, die daran leidet, macht. Ich habe es schon oft erlebt, dass Menschen nach dem Konzert zu mir gekommen sind und sagten, dass sie das eben Gehörte als „heilsam“ empfunden haben. Und ich glaube, ich weiß, was sie damit meinen: Musik bewegt Menschen. Und wenn wir da auf der Bühne musizieren, dann haben wir ja keine Ahnung, was für Gedanken und Probleme die Menschen, die uns zuhören, bewegen. Die Art und Weise, wie wir Kunst wahrnehmen und was sie uns zu sagen, hat aber sicherlich einen Einfluss auf unser Leben. Das ist das tolle und kraftvolle am Musizieren auf der Bühne: Vielleicht ändert eine bestimmte Aufführung ja das Leben eines Menschen total? Das macht unseren Beruf spannend und lohnenswert.
 
Bachs Weihnachtsoratorium haben Sie ja sicherlich schon oft gesungen. Wie gehen Sie die Gestaltung der Evangelistenrolle an? Was ist seine und damit auch Ihre Aufgabe?
 
Ich liebe es gerade diese Musik zu singen. Die Geschichte ist natürlich bekannt, wahrscheinlich mehr noch als die der Passionen. Es fühlt sich an, als läsest Du aus einem Buch, das Du schon Dein ganzes Leben lang kennst und das vielleicht mit den Worten „Es war einmal...“ beginnt. Hier handelt es sich aber um eine richtig schöne Geschichte – ganz im Gegensatz zur Passion oder den eher moralischen Kantaten. Ich finde es sehr wichtig, dass das Publikum diese Aufregung und Freude gleich von Beginn an mitbekommt und fühlt. Zwar gibt es auch unschöne Handlungsfäden wie die Geschichte von Herodes und die Flucht nach Ägypten – aber die tröstlichen und schönen Momente überwiegen doch zum Glück. Natürlich hat Bach diese Musik nie als ein ganzes Oratorium konzipiert, schließlich handelt es sich ja um sechs einzelne Kantaten. Trotzdem ist es für mich sehr wichtig, die Spannung in der Erzählung beizubehalten. Das gilt auch für die technische Seite: Gerade die sechste Kantate ist für den Tenor sehr anspruchsvoll, hoch und anstrengend; und sie kommt ja erst am Schluss des Konzerts – da musst Du Dich schon etwas schonen.
 
Haben Sie eigentlich ein Stück oder eine Stelle, die Sie besonders lieben?
 
Ich kann mich an kein Stück und an keine Stelle erinnern, die mir nicht besonders gefallen. Ich liebe jeden Takt.
 
Sie sind in der Tradition britischer Knabenchöre aufgewachsen und haben ja selbst im King‘s College Choir gesungen. Was haben Sie für Erinnerungen an diese Zeit?
 
(lacht) Sie haben Recht: Ich habe, glaube ich, mein halbes Leben in Kirchen verbracht. Das Singen im Chor ist auf jeden Fall ein exzellentes Training für die Stimme. Und in den Chören, in denen ich gesungen habe, musste man sich in kürzester Zeit mit einem immer wieder neuen Repertoire vertraut machen. Im Klartext: Wir haben wöchentlich in sechs bis sieben Gottesdiensten immer wieder andere Stücke gesungen. Also lernt man das Blattsingen und eine gewisse Flexibilität bei der Aufführung. Ich glaube, es ist typisch für englische Chöre, dass in den Proben nicht so gearbeitet wird, als sei alles „in Stein gemeißelt“. Vielleicht führt das dann im Konzert zu manch klanglichen Unebenheiten und Überraschungen – aber gerade in dieser Lebendigkeit kann ja auch ein gewisser Reiz liegen. Livemusik ist eben vor allem eines: live. Und das heißt, sie im Moment zu machen und zu hören. Zu festgelegt zu sein kann dann auch zum Problem werden: wenn die Musik zwar erklingt, aber nicht klingt, stattfindet aber nicht lebt. Da braucht es sicherlich die richtige Mischung.
 
Wie haben Sie die Windsbacher bei Ihrer ersten Zusammenarbeit erlebt?
 
Das habe ich wirklich genossen! Verglichen mit unseren englischen Chören ist der Chor größer – und besser vorbereitet. Vom Alter her sind die Sänger näher beieinander, so dass der Klang auch geschlossener ausfällt. Martin Lehmann kümmert sich hier ja um jede einzelne Stimme und weiß viel über das Singen und wie die Stimme arbeitet – ich kann Dir sagen: Das ist nicht bei jedem Chorleiter der Fall. Der Windsbacher Chorklang ist einfach wundervoll gestaltet und sehr sicher. Und ich liebe den Klang des Alts, wenn er von Knaben gesungen wird; Du bekommst hier einfach einen volleren, satteren und tieferen Klang als bei englischen Countertenören. Der Ton ist groß, klingt mutiger.
 
Gibt es etwas, auf das Sie sich während der kommenden Konzerte mit den Jungs und Martin Lehmann besonders freuen?
 
Oh, es ist eine große Tournee und das bedeutet auch viele Reisen. Und da ist es für mich besonders beglückend zu sehen, dass der Chor in meinen Augen immer eine gut gelaunte Truppe ist, in der jeder einzelne auf den anderen Rücksicht nimmt und auch achtgibt – und das umso mehr, weil es sich hier ja um junge Menschen handelt. Ich habe mich hier immer sehr wohl und willkommen gefühlt und freue mich deswegen sehr darauf, die Jungs wiederzusehen. Aber am wichtigsten ist dabei eben doch die Musik und ich glaube, dass Martin Lehmann und ich hier vollkommen auf einer Wellenlänge funken. Ich betrachte es – vor allem als Engländer! – als besondere Ehre, mit einem so berühmten, deutschen Chor arbeiten zu dürfen und hoffe dass ich meinen Teil dazu beitragen kann, dass das für alle ein tolles Erlebnis wird.
 
Der Windsbacher Knabenchor und James Gilchrist musizieren Bachs Weihnachtsoratorium am 15. Dezember in der Nürnberger Friedenskirche, am 17. in der Martinskirche Basel, am 18. in der Tonhalle Zürich, am 19. in St. Gumbertus Ansbach, am 20. in der Zeppelinhalle Friedrichshafen und am 22. im Concertgebouw Amsterdam. Nähere Informationen zu den einzelnen Konzerten erhalten Sie durch Anklicken der jeweiligen  Spielstätte.