Geistvolle Vorhaben

WINDSBACH (29. Januar 2019). Eben war doch noch Silvester und schon ist der Januar wieder fast rum. Zuvor hatten wir jedoch Gelegenheit, mit Martin Lehmann ausführlich Rückschau auf ein spannendes Jahr 2018 zu halten. Und auch einen Ausblick auf die kommenden Monate gewährte der Chorleiter im Interview.
 
 
Im vergangenen Jahr realisierten die Windsbacher mit Bachs Himmelfahrtsoratorium sowie Händels „Messiah“ zwei große Barock-Projekte und bestritten natürlich auch viele andere Konzerte. Wie fällt Ihr Resümee für 2018 aus?
 
Musikalisch war es einfach ein wunderschönes Jahr. Vor allem mit dem „Messiah“ abzuschließen hat den Chor und mich natürlich auch beflügelt und unglaublich viel Spaß gemacht. Die Akademie für Alte Musik Berlin, mit der wir zuletzt auftreten durften, war hervorragend aufgestellt und das Solistenquartett war unglaublich homogen – eine große Freude. Man muss auch hervorheben, wie viel unsere Jungs da geleistet haben: Händel fordert dem Chor einiges ab, und das dann auch noch im englischen Original – ich denke, wir mussten uns wirklich nicht verstecken, alle haben das super gemacht.
 
Auf welches Interesse seitens des Publikums stieß denn der „Messiah“?
 
Oh, das war sehr spannend, wenn in Franken mal nicht das Weihnachtsoratorium erklingt, sondern ein anderes Werk. Das ist ja immer auch eine wirtschaftliche Frage: Wie verkauft sich so ein Konzert? Da hatte ich ja keine Erfahrungswerte. Aber es war ausverkauft, die Stimmung war sehr gut – insofern war es sicherlich ein guter Akzent.
 
Traf das auch auf das Bach-Programm zu?
 
Beim Himmelfahrtsoratorium hätten wir uns natürlich gewünscht, mit diesem Programm noch mehr Konzerte geben zu können. Immerhin dürfen wir es zur Bachwoche in diesem Jahr noch zwei Mal spielen. Und auch mit den Deutschen Kammervirtuosen war – und ist – das ein richtig schönes Projekt, das allen große Freude gemacht hat. Und das lag nicht nur an der Vokalmusik, denn ich habe da ja auch die h-Moll-Suite dirigiert. Das war ein tolles Zusammenwirken und wir hatten ein relativ junges Solistenquartett, bei dem mit Christian Rathgeber und Julian Orlishausen zwei ehemalige Windsbacher gesungen haben. Insgesamt war das ein sehr gelungenes Projekt und als Schuljahresabschluss ein guter Weg.
 
Und was war sozusagen „vor und nach Bach“?
 
Eine ganze Menge! Wir reisten mit einem weltlichen Programm wieder nach China, wobei ich hier den Akzent auf das romantische Kunstlied gesetzt hatte, also Rheinberger, einiges von Brahms, Schumann, Schubert und Mendelssohn. Und das fordert die Jungs sehr, denn gerade Volkslieder richtig gut zu machen, ist mit das Schwierigste überhaupt.
 
Die geistliche Chormusik hatte in diesem Jahr doch mitunter schon ein recht konkretes Thema…
 
Ja, wir wollen im Frühjahr eine CD aufnehmen und uns dort mit dem Heiligen Geist befassen, weswegen wir mit der Erarbeitung dieses Programms bereits begonnen haben. Ein zweites geistliches Thema ist dann natürlich in jedem Jahr auch die weihnachtliche A-cappella-Musik. Und gerade hier ist mir unser Auftritt im neuen Dresdner Kulturpalast in bester Erinnerung, denn dieser Raum ist einfach phantastisch geworden – ein toller Konzertsaal, zu dem man Dresden und letztendlich auch die ganze Republik nur beglückwünschen kann. Unsere Visitenkarte haben wir aber auch in Städten wie München, Potsdam oder Wiesbaden abgegeben, denn die Jungs haben hier sehr gute Konzerte gesungen.
 
Als Sie in Dresden aufgetreten sind, war das doch sicherlich ein besonderes Gefühl für Sie als ehemaligen Kruzianer?
 
Ich bin gerade in dieser Stadt natürlich persönlich immer ein wenig unter Strom. Diesmal war die Situation so, dass es sich um ein Benefizkonzert handelte und wir nicht wussten, wie es verkauft war. Ich hatte mit dem Oboisten Jochen Müller-Brinken ein ziemlich spezielles Programm entwickelt; er spielte von sieben verschiedenen Positionen im Saal Solowerke. Und das barg schon ein gewisses Risiko, denn die Konzeption erfolgte ja ohne genaue Kenntnis des Raums. Aber das hat phantastisch funktioniert, auch die verschiedenen Choraufstellungen im und ums Publikum herum, mit denen wir einen faszinierenden Raumklang schaffen konnten.
 
Sie hatten in den Konzerten in Dresden und Potsdam das Programm mit Lesungen kombiniert. Wie war das?
 
Auch das war eine schöne Erfahrung, wobei der Kontakt zwischen Chor und Künstler bei Schauspieler Sebastian Koch noch viel intensiver war als bei Gregor Gysi. Wenn ein so renommierter Künstler Texte rezitiert, dann nimmt uns das sehr gefangen.
 
Wie reagieren denn die Choristen auf solche Lesungen?
 
In einem Konzert mit solchen Programmteilen ist es natürlich ungleich schwieriger die Spannung zu halten. Wenn Lesungen oder wie in Dresden ein Instrument dazukommen, singen wir weniger Stücke, als wenn wir mit Orgel oder Blechbläsern konzertieren. Dadurch sind die Pausen zwischen den Stücken länger, was natürlich eine größere Konzentration erfordert. So ein Leseakzent ist aber eigentlich etwas sehr Schönes, auch wenn man die beiden Programmpartien in kommenden Konzerten im Vorfeld einfach noch ein wenig harmonischer aufeinander abstimmen könnte. Mir liegt ja immer ein „roter Faden“ am Herzen, in unserem Fall geht es von „Macht hoch die Tür“ durch die Adventszeit über eine Hirten- und Krippenszene bis zu weihnachtlichen Klängen mit „Adeste fideles“ oder „O Du fröhliche“. Unterm Strich waren es aber sehr interessante und gelungene Projekte, bei denen mich vor allem gefreut hat, dass die Musik aufging.
 
Bei den oratorischen Konzerten sind ja immer Solisten mit von der Partie. Wie ist da der Kontakt zwischen Künstler und Chor?
 
In solchen Projekten lernen unsere Sänger große Künstlerpersönlichkeiten kennen, und die Solisten-Quartette haben sich sehr gut in diese „Chor-Chemie“ eingefügt. Das hängt natürlich immer auch sehr davon ab, wie wir gemeinsam Reisewege zurücklegen. Wenn die Solisten im Bus mitfahren, dann erleben diese den Knabenchor pur – mit Studierzeiten, Filmen und auch den kleinen Nöten und Sorgen unserer jungen Sänger. Auch zwischen Orchester und Solisten oder zwischen ihnen und mir hat das einfach super geklappt. Hier muss man natürlich fragen, wie tief die Künstler in die Chor-Atmosphäre eintauchen wollen: Man trifft sich vielleicht in der Klause, dann lade ich die Solisten an einem Abend zu mir nach Hause ein, so dass sie auch mal aus diesem Hotelleben herauskommen. Das waren sehr, sehr schöne und beglückende Abende. Die Stimmung drückte immer eine große Verbundenheit aus.
 
Picken wir mal einen Solisten raus, weil wir mit ihm auch ein sehr schönes Interview geführt haben: den Altus Terry Wey. Wie haben Sie diese Zusammenarbeit erlebt?
 
Wie bei allen unseren Solisten war die Vorfreude riesig groß! Ich kannte Terry bislang nur von Aufnahmen, ab dem ersten Moment im Probenbetrieb war klar: Das ist schlicht Zucker – ein Gedicht, wie Terry singt. Er ist sicher einer der angesagtesten Sänger seines Fachs.
 
Bei allem Jubeln, für das es sicherlich auch noch weitere Anlässe gab, stellt sich natürlich auch die Frage, ob in Windsbach irgendwo der Schuh drückt?
 
Unsere strukturelle Situation muss immer wieder bedacht, erörtert und natürlich auch den gegebenen Aktualitäten angepasst werden. Und das hat vor allem im vergangenen Jahr nicht immer für eitel Sonnenschein gesorgt. Beim Thema Nachwuchs können und dürfen wir nicht stehenbleiben. Es gibt also Arbeit genug. Auch die Neubesetzung des Managements hat ihre Zeit gebraucht. Abseits der Musik war 2018 durchaus ein turbulentes Jahr und man kann nur hoffen, dass allen Beteiligten bewusst ist und immer wieder wird, was mit den Windsbachern an musikalischer, künstlerischer und pädagogischer Qualität existiert. Daher der Appell: Innehalten ja, aber nicht nachlassen! Als nächstes muss in Windsbach auch die Nachfolge des kaufmännischen Direktors geregelt werden – wir hoffen natürlich sehr, dass hier weise und der Sache dienliche Entscheidungen getroffen werden.
 
Wo wir gerade bei den Personalien sind: Im Sommer 2018 ging mit Rainer Ohms der bis dato dienstälteste Erzieher des Sängerinternats in den Ruhestand. In diesem Jahr „trifft“ es doch den Chor, oder?
 
Ja, das kann man wirklich so sagen: Am Ende des Schuljahrs geht auch Edwin Sowisch in den Ruhestand – nach 37 Dienstjahren und rund zehn Jahren, die er früher selbst im Windsbacher Knabenchor gesungen hat! Das ist ein großer Einschnitt für den Chor. Edwin Sowisch hat jahrzehntelang unter meinem Vorgänger wertvolle musikalische Arbeit geleistet und den Übergang von Karl-Friedrich Beringer zu mir aktiv und konstruktiv mitgestaltet. Er war und ist ganz klar eine tragende Säule hier im Haus, wofür wir heute schon ein großes Dankeschön sagen. Auch für ihn müssen wir dann einen qualifizierten Nachfolger finden.
 
Dann wurde ja auch mit dem großen Chorsaal zumindest ein Teil des Chorzentrums bezogen. Wie ist hier denn der Stand der Dinge?
 
Das ist ein bisschen ein wunder Punkt, denn so richtig eingezogen sind wir ja noch nicht. Wir nutzen aktuell drei von rund 20 Räumen, wenn man jeden Klavier-Überaum mitzählt. Denn es sind eben noch nicht alle saniert. Und um den Instrumenten nicht zu schaden und nicht nochmal ein- und auszuziehen, wenn wieder Lärm und Dreck entstehen, arbeiten wir aktuell nur im Raum der Chorvorbereitung, im kleinen Chorsaal und im großen Chorsaal. Alle anderen Räume harren noch der Vollendung oder sind zwar schon fertig, aber eben noch nicht bezogen. Ich hätte mir ehrlich gesagt nicht träumen lassen, dass sich die Baustelle zur Dauerbaustelle entwickelt, die im März dann seit zwei Jahren besteht.
 
Woran liegt das denn?
 
Es ist momentan schwer Handwerker zu finden, die die noch ausstehenden Arbeiten zuverlässig und zügig erledigen und hierfür in ihrem Terminkalender auch noch die entsprechenden Lücken haben. Offen sind noch die drei Räume für die Stimmbildung und der für die Klangfänger, im Außenbereich sind noch Verputzarbeiten und die Begrünung zu erledigen. Aber selbst wenn diese Situation natürlich unbefriedigend ist, ist es doch toll, dass sich so viele Sponsoren und Spender eingebracht haben oder noch einbringen wollen und wir rein finanziell den Bau mit gutem Gewissen zum Abschluss bringen können. Hieran sieht man nicht nur das große und großartige Engagement, sondern auch das Standing des Windsbacher Knabenchors!
 
Es ist aber doch auch ein positives Zeichen, dass hier investiert wird?
 
Unbedingt! Wir hoffen, dass dies ein Signal für Nachhaltigkeit und für Zukunftssicherung ist. Die Arbeitsbedingungen, die wir jetzt haben, sind mit denen davor ja überhaupt nicht vergleichbar. Im Sommer konnten wir mit funktionierender Klimatechnik arbeiten, so dass wir nicht mehr bei mehr als 35 Grad Celsius schwitzen mussten. Die neue Belüftung sorgt immer für ausreichend Sauerstoff, die Beleuchtung ist sehr viel besser – und das sind nur die Dinge, die wir im täglichen Probenalltag bewusst wahrnehmen; denn das meiste spüren und sehen wir ja nicht, wenn es um Elektrik, Sanitäranlagen, Außen- oder Fensterdämmung geht, was uns energetisch auf den neusten Stand gebracht hat.
 
Nach dem Blick zurück wagen Sie doch bitte auch einen in die nächsten Monate. Was gibt es hier zu erwarten?
 
Leider haben wir in diesem Jahr keine große Auslandsreise im Kalender, denn die Spanientournee ist uns kurzfristig weggebrochen. Wir werden die Zeit aber gut nutzen, indem wir uns Anfang April für die bereits erwähnte A-cappella-CD mit geistlicher Musik vorbereiten. Hierbei arbeiten wir mit dem Percussionisten Simone Rubino zusammen, was uns eine spannende Experimentierbühne bietet: Welche gemeinsamen Wege können seine Instrumente – also Marimba- und Xylophon – gemeinsam mit den Chorstimmen gehen und wie kann man vielleicht auch altbekannte Musik neu hören und neu denken? Ziel ist, dass wir die CD zum Konzert im Rahmen der ION im Juli 2019 fertig haben, wo wir das Programm dann auch aufführen werden.
 
Sie hatten das Thema „Geist“ ja schon mal genannt. Können Sie das noch etwas konkretisieren?
 
Es geht um den Heiligen, pfingstlichen Geist in all seinen Facetten, aber auch um den Geist Jesu, den er am Kreuz aufgab; wir singen die Brahms-Motette „Schaffe in mit Gott“, worin ja um einen „neuen, gewissen Geist“ gebeten wird. Das wird der „rote Faden“ dieses Programms sein, das sicherlich viele sphärische und athmospährische Klänge hervorbringen wird. Die Mitwirkung des Perkussionisten ist dabei natürlich besonders reizvoll; wir wollen beispielsweise die Bach-Motette „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“ insofern verfremden, dass der Continuo-Part vom Marimbaphon übernommen wird. Letztendlich steht die CD unter dem großen Motto „Zeit-Geist“ – von alter, gregorianischer Musik durch alle Jahrhunderte bis in unsere Gegenwart.
 
Und was steht noch auf dem Plan?
 
Zur Eröffnung der Landesgartenschau in Wassertrüdigen werden wir open air mit einem weltlichen Programm zu hören sein. Zum Schuljahresabschluss erklingen neben vielen a cappella Konzerten dann wieder das Himmelfahrtsoratorium und die Kantate „Gott fähret auf mit Jauchzen“ bei der Bachwoche Ansbach. Aktuell sind wir auch schon dabei, für die Passionszeit Partien von Bachs Matthäuspassion einzustudieren, die das große Bach-Projekt im nächsten Jahr sein wird. Es geht darum, jetzt schon eine Grundlage zu schaffen und dann nach Weihnachten 2019 in die Endphase der Einstudierung zu gehen, damit es auch im März 2020 wieder heißen kann: Das sind die Windsbacher.