Nah dran am American Way of Life

WINDSBACH (17. November 2019). Vor wenigen Tagen ist der Chor von seiner Tournee durch den mittleren Westen der USA zurückgekehrt. Wir sprachen mit Dirigent Martin Lehmann über diese zweiwöchige Konzertreise.
 
 
 
 
Welcome back, Mr. Lehmann, wie war die Reise?
 
Toll, der Chor wuchs über 14 Tage mit neun sehr intensiven Konzerten gut zusammen und die Reiseabläufe wurden verinnerlicht. Eine Besonderheit für die Jungs ist in Amerika die Fremdsprache: Jeder lernte auf dieser Reise sieben verschiedene Gastfamilien kennen. Und dabei ist es ja so, dass man dann über die Musik hinaus sehr viel Wissen erwirbt und die Bereitschaft und Fähigkeit wächst, sich auf Englisch so gut wie möglich zu artikulieren. Das ist die Binnenwirkung einer Reise.
 
Und wie wirkte sie nach außen?
 
Das war ebenfalls ganz großartig, weil wir weit über 5.000 Leute erreicht haben. Die Reaktionen waren absolut positiv, wenn nicht gar euphorisch. Es hat wirklich Spaß gemacht, in wirklich gut besuchten Kirchen zu singen. Und da merkt man, dass in Amerika auch noch eine andere Religiösität und auch eine echte Nähe zu einer Kirche vorhanden ist.
 
Gab es besondere konzertante Erlebnisse?
 
Wir hatten durchaus Konzerte, wo wir wirklich gespürt haben, dass wir da in einem Wettbewerb stehen. Das war sehr inspirierend. Zum einen waren wir zu Gast am renommierten Wartburg College. Die haben insgesamt acht College-Chöre! Wir trafen auf den besten. Das war in jedem Fall eine Messlatte. Dann besuchten wir das Theologische Seminar der Missouri Synod-Kirche, also eines der großen Prediger-Ausbildungs-Zentren. Auch das war ein tolles Konzert. Und dann ist da sicherlich noch Chicago zu nennen, wo man einfach gemerkt hat, dass hier ein sehr fachkundiges Publikum zuhörte, das auch vergleichen kann. Unsere Jungs haben sich wirklich gut geschlagen. Außerdem gab es so gut wie keine Krankheits-Ausfälle. Wir haben insgesamt rund 4.200 Kilometer im Bus zurückgelegt, das ist schon gewaltig. Es spricht sicherlich Bände, dass gerade das letzte Konzert nochmals herausragend war – also auch für uns ein echtes Highlight, mit dem wir uns selber belohnen konnten.
 
Was haben Sie denn gesungen?
 
Wir hatten ein sehr, sehr großes und umfangreiches Programm dabei: also ungefähr zwei Konzertlängen mit geistlicher und eines mit weltlicher Musik. Und ich habe jeden Tag das Programm komplett durcheinandergewürfelt, sodass bei uns der Autopilot gar nicht anspringen konnte. Alle großen Motetten unseres aktuellen Repertoires haben sich in den Konzertprogrammen wiedergefunden: also Bach, Brahms, Reger, Mendelssohn, sowie auch neue zeitgenössische Stücke von Runestad, Pepping und Poulenc. Ich hatte es so gemacht, dass ich in Windsbach ein paar Stücke offen gelassen und erst während der Reise fertig geprobt hatte. Die wurden dann quasi aus der Taufe gehoben: zum Beispiel „O nata lux“ von Morten Lauridsen oder „O magnum mysterium“ von Javier Busto als modernere Farben; oder Mendelssohns „Denn er hat seinen Engeln“. Das hat riesig Spaß gemacht – ebenso wie die Volkslieder. Wobei mein Fokus schon klar auf dem Geistlichen lag.
 
Was waren denn besondere Erlebnisse außerhalb des Konzertsaals oder der Kirche?
 
Ich denke, für die Jungs war es eine Reise, auf der sie sehr nah an den Menschen, an den Amerikanern dran waren: durch die vielen Gastfamilien und unzählige Small-Talks nach Konzerten. In Deutschland sind wir eher gewöhnt, im Hotel zu übernachten. Und mir war es ein Anliegen, dass wir die Jungs auch wirklich vor Ort in das Umfeld und Leben der Gastgeber entlassen, damit sie so den amerikanischen Way of life einfach mal mitkriegen: Was unterscheidet Amerikaner von uns? Wie ticken die? Was denken sie beispielsweise zum Thema Umweltschutz oder politisch? Im mittleren Westen sind ja doch eher konservative Einstellungen zuhause. Da galt es offen zuzuhören und es ist schon gut, wenn der Horizont über den Tellerrand hinausgeht.
 
Eine Chorreise der Windsbacher hat neben den Konzerten ja auch immer touristische Aspekte. Was haben Sie hier erlebt?
 
Zum Beispiel haben wir den Gateway Arch im Nationalpark in St. Louis besucht. Das war der Ausgangspunkt für die Erschließung des Westens. Dort hat man ein großes Memorial errichtet, das architektonisch unglaublich interessant ist. In einer kleinen Bahn fährt man innerhalb einer ganz schlanken Säule den Halbbogen hoch und hat oben einen fantastischen Ausblick. Wenn man da runterschaut, hat man das Gefühl, man ist wie im freien Fall. Das Ding ist doppelt so hoch wie der Eiffelturm! Wir haben Mark Twains Geburtshaus in Hannibal besucht, den Mississippi und den Missouri gesehen und am Ende der Reise einen wunderschönen Tag in Chicago verbracht. Das war für die Jungs schon wirklich eine tolle Reise.
 
Diese USA-Reise war ja die zweite, die Sie mit den Windsbachern unternommen haben. Wo lagen die Unterschiede zur ersten?
 
Die erste Reise war über eine Agentur organisiert und die Konzerte waren lange nicht so gut besucht wie jetzt. Natürlich hatte die Reise damals insgesamt mehr touristische Highlights: Wir waren in San Francisco, Los Angeles und an der Ostküste – Philadelphia, Baltimore, Washington, New York. Also touristisch hat die erste Reise sicherlich mehr geboten. Das liegt aber auch an der Situation des Mittleren Westens: Da ist halt einfach viel plattes Land mit Mais- und Sojaanbau. Insofern lag der Fokus diesmal mehr auf der perfekt durch John Wieker organisierten Konzertreise und weniger auf dem touristischen Programm – was dem Ganzen aus meiner Sicht sehr gut getan hat.
 
Wie sah denn Ihr Terminkalender aus?
 
Wir haben in der Kürze der Zeit tatsächlich neun Konzerte gesungen, in zwei Gottesdiensten mitgewirkt und drei kleinere Auftritte mit Kindern aus Highschools absolviert. Und dann gab es ja noch die erwähnten Begegnungen mit anderen Chören, insgesamt vier: wir trafen einen Knabenchor, einen Kinderchor und zwei junge Erwachsenenchöre, mit denen wir teilweise zusammen gesungen haben. Ich denke, die Jungs haben viel dabei gelernt und sich ebenso hervorragend verkauft – auch im internationalen Vergleich.
 
Wie waren die Reaktionen des Publikums?
 
Die überaus freundlichen Amerikaner neigen dazu, eigentlich alles schön zu finden – selbst wenn wir eher unzufrieden waren oder gesagt haben: Mensch, das können wir besser! Dabei gab es auch Reaktionen, die mich wirklich betroffen gemacht haben; zum Beispiel wenn ältere Menschen von ihren Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg erzählten, wobei sie ja eigentlich was zum Konzert sagen wollten und dabei dann so ins Schluchzen kamen und richtig in meinem Arm geweint haben, so sehr hat sie unsere Musik und diese Verbindung von Deutschen zu Amerikanern heute gepackt. Das war für mich persönlich ein Gänsehaut-Moment.
 
Das Publikum war also immer begeistert?
 
Die Konzerte sind sehr gut aufgenommen worden. Wir haben ja vorrangig auf Latein oder Deutsch gesungen, wobei das Publikum immer ein hervorragendes Programm mit Übersetzungen und allem Drum und Dran hatte. Trotzdem ist es so, dass das amerikanische Publikum bei den Liedern, die amerikanisch sind oder die aus der Feder eines Amerikaners stammen, noch mehr mitgehen. Bei „Shenandoah“, „Witness“ und „Over the rainbow“ sprang der Funke natürlich schneller über. Aber wir hatten in der Regel ein gutes und vor allem interessiertes Publikum: Da herrschten – bis auf die ständige AirCondition – Stille, Ruhe und Konzentration. Das war natürlich vor allem für den geistlichen Teil toll.  Eine unserer Männerstimmen, der Zwölftklässler Samuel Bammessel, hat dabei durch das Programm geführt und etwas zu den Stücken oder zu uns und unserer Arbeit erzählt.
 
Wer hat die Reise eigentlich ermöglicht? Gab es da Sponsoren?
 
Ja – und wir sind natürlich sehr dankbar, dass uns ein solches Engagement immer wieder derart tolle Reisen ermöglicht. Unterstützt wurden wir durch das Goethe-Institut, das auch einen Schwerpunkt auf die Chorbegegnungen setzte. Ein zweiter Förderer war der Bayerische Musikrat und ein Chicago-Besichtigungs-Tag wurde von der Manfred-Roth-Stiftung finanziert.
 
Jetzt ist aber keine Erholung angesagt, sondern es geht ja gleich weiter mit dem Weihnachtsprogramm?
 
Tatsächlich müssen wir sofort umswitchen auf unsere A-cappella-Weihnachtskonzerte und Bachs Weihnachtsoratorium. Da wir letztes Jahr Händels Messiah gemacht haben, liegt das letzte WO nun zwei Jahre zurück und ist für viele neu. Außerdem befindet sich der Chor nach den Ferien ja immer in einer Umbruchsituation – nicht nur, was die abiturbedingte Neuaufstellung in den Männerstimmen betrifft. Die vor uns liegende Aufgabe erfordert höchsten Respekt, weil wir innerhalb kürzester Zeit quasi zwei Programme aus dem Boden stampfen müssen. Und ich bin gespannt, wie konditionell belastbar die Jungs jetzt nach dieser Tour sind, denn die war ja in den Herbstferien: Unsere Sänger hatten also keine Erholung, sondern wirklich straffe Konzertabläufe. Und natürlich ist jetzt in der Schule wieder eine Klausuren-Phase angesagt. Hinzu kommt der Winterbeginn, also eine beliebte Krankheitszeit.
 
Das klingt tatsächlich nach einer großen Herausforderung. Aber wir sind uns sicher, dass Sie und die Jungs das packen. Zumal ja wirklich tolle Konzerte im Kalender stehen. Wir wünschen Ihnen auf jeden Fall viel Erfolg und ebenso begeisterte Zuhörer wie auf der Amerikatournee. Also: Good luck!