Von Sisyphos zu Herkules

WINDSBACH (18. März 2017). Vor ihrer Tournee nach Spanien und Turin, während der die Windsbacher sechs Mal Bachs h-moll-Messe singen werden, sprachen wir mit Dirigent Martin Lehmann über die große Herausforderung, dieses faszinierende Werk mit einem Knabenchor einzustudieren und aufzuführen.
 

Herr Lehmann, Sie haben Bachs h-Moll-Messe mal als „Gipfel der Chorliteratur“ bezeichnet. Warum?
 
Weil diese Messe an innerer Komplexität und Schönheit nicht zu überbieten ist! Die Verschiedenartigkeit der Sätze und die Farbwerte auf engstem musikalischem Raum sind unglaublich. Fällt einem eine andere derart reiche und vielschichtige Messvertonung ein?
 
Mmmh, nein.
 
Als „Gipfel der Chorliteratur“ haben viele vor mir die h-Moll-Messe auch deshalb bezeichnet, weil die Herausforderungen an jeden Chor natürlich extrem sind. Zum einen gibt es kaum Verschnaufpausen für die Sänger. Und der Schwierigkeitsgrad liegt aufgrund der instrumentalen Behandlung der Vokalstimmen mit Koloraturen, Dreiklangs-Brechungen oder lange Melismen deutlich über vergleichbaren Werken. Für einen Knabenchor sind die fast durchwegs geteilten Knabenstimmen im Vergleich zu den nur an einer Stelle doppelchörig geführten Männerstimmen, nämlich im „Osanna“, natürlich konzentrativ und konditionell eine Herkulesaufgabe!
     
Sicherlich haben Sie das Werk auch schon selbst gesungen. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung gerade mit dieser Musik Bachs?
 
An meine erste Begegnung im Dresdner Kreuzchor habe ich keine Erinnerung mehr; allerdings an meine letzte im Knabenchor als Sänger der zwölften Klasse: Wir waren zum letzten Konzert des Schuljahres im Konzerthaus Berlin und mein letzter Ton als Abiturient – und folglich Mitglied des Chores – war das Ende, „Dona nobis pacem“. Da hatte ich nicht nur sprichwörtlich den Klos im Hals, sondern konnte nur unter Tränen und mit zittriger Stimme versuchen, irgendwie an Bord des professionellen Ensembles zu bleiben. Der damalige Kreuzkantor überreichte uns dann einen Bildband über Leben und Werk von Johann Sebastian Bach – (lacht) im Vergleich zur gerade verklungenen Messe war das natürlich eine eher blasse Gabe.
 
Wie haben Sie Ihre erste h-Moll-Messe als Dirigent erlebt?
 
Das war mit den Windsbachern! Schon am Ende des Einstudierungsprozesses konnte ich es kaum erwarten, nach Monaten der chorischen Vorbereitung auf das Orchester, damals waren das die Deutsche Kammer-Virtuosen Berlin, und die namhaften Solisten zu stoßen. Es ist schon ein unglaubliches Glück, nicht nur die Messe zu dirigieren, sondern auch solch gute Musiker führen zu dürfen. Insofern waren Lampenfieber und Glücksempfinden eng beieinander. Im Probenbetrieb mit Orchester war natürlich entscheidend, ob meine Eintragungen in die Noten und die Übertragung meiner Wünsche durch mein Dirigat gelingen würden. Schon in den ersten Proben spürte ich aber, dass die Chemie zwischen den Solisten – Dorothee Mields, Rebecca Martin, Julian Prégardien sowie Andreas Wolf – und mir stimmte und dass die bewährte und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Kammer-Virtuosen in gute Musik münden würde.
 
Das erste Konzert war ja in Münsterschwarzach zur 1200-Jahrfeier des Klosters direkt zu Beginn des Schuljahrs.
 
Ja, und der Chor hatte am Schuljahresanfang noch kein einziges Konzert zur Konditionierung im Rücken, was ein möglicher Unsicherheitsfaktor war. Natürlich kam dazu, dass ich den überakustischen Kirchenraum in Münsterschwarzach bisher noch nicht kannte. Insofern war spannend, ob sich die Tempi des Probenbetriebs im Windsbacher Chorsaals dort im Münster als unrealistisch herausstellen würden. Am Ende lief alles glatt und ich war glücklich über diese erste Aufführung und die Leistung der Jungs dort. Das konnten wir im zweiten Konzert am 11. Oktober in der Alten Oper Frankfurt nochmals steigern, auch weil der Raum dann für rasche Fugen und Koloraturen besser geeignet war.
 
Erzählen Sie doch mal von den ersten Proben: War das für den Chor ein Aha-Erlebnis? Schließlich war das Stück lange Zeit nicht im Repertoire der Windsbacher.
 
Eigentlich war es zunächst eher sehr mühsam, denn ich begann mit der Einstudierung der bis dato dem Chor komplett unbekannten Messe parallel zu einem ohnehin sehr vollen Konzertkalender mit geistlicher und weltlicher A-cappella-Chormusik sowie diversen Tourneen. Das ist schwierig, weil man nicht über dem Werk bleiben kann. Dazu kam, dass ich ab dem Frühjahr 2016 jüngere und somit unerfahrenere Sänger aus dem Nachwuchschor zu den Einstudierungsproben dazunahm, weil sich die Aufführungen der Messe ja durchs gesamte Schuljahr 2016/2017 ziehen sollten und eine Fluktuation durch Stimmbruch zu bedenken war. Mein Chor bestand also aus damals 105 Sängern! Damit einen transparenten Chorklang hinzubekommen, war zunächst kein Zuckerschlecken. Natürlich muss man sich auch eingestehen, dass die Messe stimmtechnisch gerade für junge Knaben- und Männerstimmen einen enormen, kaum zu erfüllenden Anspruch stellt und die lateinische Sprache auch eine unmittelbare inhaltliche Übertragung des Ausdrucks in Kinderköpfe erschwert.
 
Das klingt tatsächlich nach einer, wie Sie eben sagten, Herkulesaufgabe!
 
So richtig Spaß und Übersicht über das gesamte Werk kamen erst am Ende des letzten Schuljahres im Juli 2016. Da hatte ich dann wirklich 14 Tage am Stück zur Erarbeitung, da sprang der Funke über und die Jungs wussten endlich auch, welcher Satz „ihr“ Lieblingsstück werden würde. Nach zahlreichen parallelen Teilproben – hier möchte ich mich mal ausdrücklich bei meinen Kollegen Edwin Sowisch, Elena Holzheimer, Elke Zimmermann und Phil Townley bedanken – hatten mein Team und ich allerdings manchmal ein Sisyphos-Gefühl. Irgendwann aber berichteten mir dann Lehrer aus dem Gymnasium, dass die Jungs mit h-Moll-Messe-Themen singend durchs Schulhaus zogen. Da wusste ich, wir werden gewinnen!
 
Das Werk ist vielschichtig und alles andere als einfach. Wie vermitteln Sie Ihren Jungs Inhalt wie kompositorische Finessen?
 
Ich versuche, den Knabenstimmen authentisch einen Zugang zu dieser Musik zu geben, in dem ich über Bach, die Zeit, die Komposition und ihre Besonderheiten spreche: beispielsweise welche Stimme führt, wo man sein Ohr hinwenden soll, welche klangliche oder sprachliche Intensität es an welchen Stellen braucht, was Bach wie meinen könnte und wie er es ausdrückt? Das will ich durch Schilderungen meiner Empfindungen oder in Bildern verdeutlichen. Aber ehrlich: Welchen Zehnjährigen interessiert im Detail ein komplexer Fugenaufbau, wenn doch die Töne im nachmittäglichen Alltagsstress schon eine unüberwindliche Hürde darzustellen scheinen. Wir halfen etwas nach, in dem wir ausgewählte Stellen in der Stimmbildung vorbereiteten oder auch mal eine gute CD vorgespielt haben.
 
Wenn Sie vom Prozess des Einstudierens erzählen, hätte man das sicher gerne mal als Zaungast miterlebt. Aber vielleicht können wir das ja jetzt kurz nachholen? Richten Sie den Spot doch bitte mal auf eine kompositorische Besonderheit, um uns Bachs Genius vor Augen zu führen.
 
Gerne. Nehmen wir das „Credo“, das Bekenntnis zu der einen Taufe für fünfstimmigen Chor und basso continuo: Zunächst erklingt ein eher lyrischer Fugenkopf mit der zweimaligen Wiederholung „Confiteor, confiteor“ mit einem signalartigen Oktavsprung als Bekräftigung nach oben, dann die Fortspinnung „unum baptisma“ mit rascheren, zumeist in Zweierligaturen fließenden Notenwerten, gleich einem herabströmendem, perlendem Wasserquell. Dann erklingt das zweite Thema „in remissionem peccatorum“ – zur Vergebung der Sünden: Textlich äußerst knapp wandert es ohne Melismen, aber mit sehr scharfen Dissonanzen von den tieferen Stimmen angeführt durch die Stimmlagen nach oben. Dieses Thema erklingt zumeist im Piano und erhält dadurch etwas spitzes, fast boshaft Zischendes. Beide Themen werden durch alle Stimmen geführt und am Ende des ersten Abschnitts streng polyphon miteinander verbunden. Dazu kommt dann ein Kanon im Bass und um einen Takt versetzt in den Altstimmen mit einem ruhig-linearen gregorianischen Cantus firmus. Das ist insofern bezeichnend, weil dadurch das Bekenntnis der einen Taufe durch diese beiden Stimmen gleichsam rückwärtsblickend auf die frühe Christenheit und deren einstimmigen Gesang weist. Schließlich übernimmt der Tenor dieses gregorianische Cantus-firmus-Motiv in doppelt so langsamer Form, was als das eigentliche „große“ Bekenntnis Bachs gewertet werden könnte. Zum Schluss des „Confiteor“ erklingt dann dieses mystisch und harmonisch so unglaubliche „Et expecto resurrectionum mortuorum“ – Ich erwarte die Auferstehung der Toten – im Adagio, in dem einen die aufsteigenden Dreiklangs-Brechungen einzelner Stimmen innerhalb kühner Harmonik förmlich den Fingerzeig in den Himmel weisen könnten. Das ist natürlich nur ein Satz von vielen. Aber er lässt aber erahnen, was alles in der Messe an Details und kompositorischer Auslegung schlummert.
 
Jeder Interpret setzt seine eigenen Schwerpunkte. Wo liegen Ihre? Welche Besonderheiten der Messe wollen Sie betonen?
 
Ich glaube, dass trotz des Schwierigkeitsgrades die h-Moll-Messe ein echtes Knabenchorstück ist. Der metallene Klang der Knaben- und jungen Männerstimmen kommt, denke ich, dem Werk sehr entgegen. Auch wenn Bach vermutlich nie eine komplette Aufführung der Messe in Leipzig dirigieren und erleben konnte, so spürt man in der Komposition doch sein Knabenchor-Wissen. Meine Interpretation zielt natürlich sehr auf Durchsichtigkeit, Balance und Transparenz zugunsten der Vokalstimmen. Gerade die Deutschen Kammer-Virtuosen verstanden es in ihrer dynamischen Bandbreite sehr gut, ausreichend Platz für einen mal samtigen, dann wieder leidenschaftlichen, vollen Chorklang und dieses gewisse „Leuchten“ zu schaffen. Meine Auslegung lebt von barocker Phrasierung, zumeist flüssigen Tempi, der Gegenüberstellung von Sätzen im Stilo antico (beispielsweise im „Gratias“, „Credo“ oder „Confiteor“) und barocker Klangpracht, wie sie im „Gloria“, „Cum sancto spiritu“, „Et resurrexit“, „Sanctus“ oder „Osanna“ erklingt; und hoffentlich von der inhaltlichen Ausformung und Betonung der jeweiligen Charaktere in den verschiedenen Sätzen.
 
Herr Lehmann, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen und den Jungs wunderbare und erfüllende Konzerte während der Tournee. Gute Reise!