Überzeugt vom Konzept Windsbach (2)

GEORGENSGMÜND (17. Februar 2017). Cornelia und Mark Meinhard haben vier Söhne. Zwei davon besuchen derzeit mit Begeisterung das Windsbacher Sängerinternat, einer davon singt auch schon seit einem guten Jahr im Reisechor – ebenfalls mit Begeisterung. In einem zweiteiligen Interview erzählten uns die Eltern, was Windsbach für sie, ihre Söhne und das Familienleben bedeutet.

Was bekommen Sie denn vom Alltag in Windsbach mit?
 
Mark Meinhard: Wir kriegen ab und zu Anrufe, denn unsere Kinder haben noch keine eigenen Handys und sind daher auf die öffentlichen Telefone oder das Erziehertelefon angewiesen – das ist der eine Weg. Finn hat allerdings ein Tablet und so gibt es außerhalb der handyfreien Wochen in Windsbach hin und wieder mal eine What’sApp. Ich bin in einer anderen Rolle aber auch noch im Elternbeirat, so dass wir dann doch genug mitbekommen. Aber das natürlich anders als bei unseren anderen zwei Kindern, bei denen wir ja gegenseitig Teil des eigenen Alltags sind. Was war in der Schule, was hat dieser oder jener Lehrer oder Freund gesagt oder getan? Da kriegen wir quasi direkt das Destillat in komprimierter Form mit.
 
Cornelia Meinhard: Die Jungs haben aber auch von sich aus noch nie so unbedingt viel erzählt und wir bohren da nicht extra nach. Wenn sie nachhause kommen, steht die Information über Chor und Internat ohnehin für sie nicht an erster Stelle, sondern die vier Brüder wollen erst mal was miteinander machen und sind dann mit Spielen beschäftigt.
 
Mark Meinhard: Man kriegt eher die Höhen und Tiefen mit – also sehr gute oder eher schlechte Noten, freudige Ereignisse oder negative Erfahrungen.
 
Wie erleben Sie denn die Entwicklung Ihrer Windsbacher Söhne so von ferne – vielleicht auch im Vergleich mit den „Daheimgebliebenen“?
 
Mark Meinhard: Ich bin in unserer Familie der eher Unmusikalische und finde es schon beachtlich, was da an Verständnis und Einsichten in Musik und musikalische Zusammenhänge transportiert wird. Aber es gibt, wenn man so will, auch „negative“ Entwicklungen, denn die Eigeninitiative, wo man dann an den Heimfahrwochenenden oder in den Ferien auch mal selbst im Haushalt mitanpacken muss, geht doch eher den Bach runter (beide lachen).
 
Cornelia Meinhard: Da wird schon eine Schnute gezogen, wenn man aus dem Olymp geholt wird. Unser Finn war, ganz neutral formuliert, immer schon der etwas Extrovertiertere, aber ich denke auch, dass das Selbstbewusstsein bei den Windsbachern schon merklich schneller wächst, was sich dann in einer spürbar größeren Selbstsicherheit niederschlägt.
 
Mark Meinhard: Die Fähigkeit, Sachen auf die Reihe zu kriegen, die wird schon größer: Wir organisiere ich einen Aufbruch und wie komme ich wo zurecht. Aber wie gesagt: Andere Fähigkeiten wie das Einräumen der Spülmaschine oder das Tischabdecken zuhause – da ist die Entwicklung eher übersichtlich.
 
Sie haben zwei Söhne auf einem Internat, was ja durchaus mit monatlichen Kosten verbunden ist, und zwei Söhne bei sich zuhause. Existiert da ein gewisser Gefühlszwiespalt, weil die einen ja etwas bekommen, was die anderen nicht kriegen – sei es Internat und Chor bei Finn und Jens oder die automatisch größere Aufmerksamkeit unter der Woche bei Lars und Rune daheim?
 
Mark Meinhard: Die Investition in Kinder, die man auf ein Internat schickt wollen und können wir auch gar nicht gegen etwas anderes aufrechnen. Wir sind angetan von der musikalischen Kompetenz, die dort im Chor herrscht – das ist etwas, was wir hier nicht leisten können und daher ist das Internat, wenn Sie so wollen, gut investiertes Geld.
 
Cornelia Meinhard: Wenn man tatsächlich etwas gegeneinander aufrechnen wollte, müsste man ja wirklich jeden Posten beachten, denn Musikunterreicht würden die Jungs ja auch zuhause erhalten und „Versorgungskosten“ fallen ja überall an. Außerdem wird die Zeit, die man für ein Kind aus irgendeinem Grund mehr hat, von diesem ja nicht unbedingt als positiv empfunden, denn in der können ja auch Englisch-Vokabeln abgehört werden…
 
Mark Meinhard: Wir haben eigentlich immer etwas zusammen gemacht, sind ins Kino oder den Zoo gegangen – das waren nie Einzelbelohnungen, sondern immer Familienaktivitäten. Das machen wir jetzt eben als vierköpfige Familie und wenn die anderen beiden auch zuhause sind, zu sechst. Deswegen wird die beschriebene Situation weder von uns Eltern noch von den Kindern als komisch empfunden – im Gegenteil: Wenn alle etwas zusammen machen können, dann freuen sich auch alle daran und aneinander.
 
Wie erleben denn die Söhne die Situation der räumlichen Trennung – sowohl die beiden Windsbacher als auch die Georgensgmünder?
 
Cornelia Meinhard: Beim Finn würde ich sagen: Wenn er in Windsbach ist, dann taucht er da ein, ist nicht nur beschäftigt, sondern lebt wirklich da. Das merkt man vor allem, wenn man mal vor Ort dazukommt. Wenn er dann zuhause ist, ist das manchmal umgekehrt: Dann kippt er sozusagen in die Familie, genießt das und dann fällt ihm der Aufbruch durchaus auch mal schwerer oder er wäre gerne ein bisschen länger daheim. Das ist dann gar nicht gegen Windsbach gerichtet, sondern vielleicht einfach ein bisschen Müdigkeit von der Anstrengung, dem vielen Reisen.
 
Mark Meinhard: Wenn Finn beispielsweise in den vier Wochen vor Weihnachten überall dabei ist, dann ist das schon toll und wird auch genau so empfunden. Gleichzeitig werden dann aber auch die Ferien wichtig, bevor wieder der Einstieg in die Hochleistungsphase kommt. Das ist letztendlich dann wie bei uns Erwachsenen, wenn nach einem Urlaub der Beruf wieder anfängt. Aber die Möglichkeiten Sachen zu erleben, die sich für einen Windsbacher da eröffnen – der Besuch der Sixtinischen Kapelle in Rom, Auftritte in Amsterdam, ein Konzert vor dem Bundespräsident –, das ist doch schon sehr einprägsam.
 
Cornelia Meinhard: Wobei es interessant ist, wie die Jungs das alles aufnehmen und für sich selber werten. Finn hat zum Beispiel das Singen in der Justizvollzugsanstalt Amberg [Anm. d. Red.: Diesen Auftritt absolvierten die Windsbacher Mitte Dezember 2016.] viel mehr interessiert als die Reise nach Rom. Wirklich schön ist, dass unsere Jungs, obwohl Finn nun ja schon eine längere Zeit in Windsbach ist, noch immer einen echten Draht zueinander haben und miteinander spielen oder nebeneinander her leben – aber dass sich einer zurückzieht, das gibt es eigentlich nicht.
 
Cornelia Meinhard: Das ist bei uns natürlich auch eine andere Situation als beispielsweise bei einer Familie mit nur einem Kind, das dann dem elterlichen Interesse sehr viel mehr ausgesetzt wäre. So können Finn und Jens ganz einfach in die geschwisterliche Welt des Zuhause eintauchen, wo dann eben gemeinsam gespielt oder gelesen wird. Die Erzählungen über das in Windsbach oder auf Reisen Erlebte kommen dann einfach von ganz alleine. Ich hoffe, die Daheimgebliebenen empfinden das genauso wie die Rückkehrer: Die zwei haben sich halt entschieden, das mit Windsbach zu machen –aber wir haben den Eindruck, als hätte das keinen allzu großen Einfluss darauf, wie Familie erlebt wird.
 
Sind die Ferien eigentlich mittlerweile anders?
 
Cornelia Meinhard: Die kurzen Ferien empfindet man eigentlich als noch kürzer, zumal Finn jetzt auch wirklich sehr viel seltener daheim ist. Zum Beispiel an Weihnachten, da hätte man sich schon ein paar Tage länger gewünscht – einfach, um mehr Zeit für- und miteinander zu haben.
 
Mark Meinhard: Zumal wir als Pfarrer gerade an Weihnachten ja sehr gefordert und die Arbeitszeiten hier nicht so klar abgrenzbar sind. Und dass sich jeder wünscht, die Ferien würden noch ein paar Tage länger dauern, ist, denke ich, vor allem aus der Sicht des Schülers verständlich. Nein: Windsbach ändert ja letztendlich nichts daran, dass wir eine ganz normale Familie sind und auch ganz normal miteinander die Ferien erleben.
 
Cornelia Meinhard: Was wir bewusst vermeiden, ist das Thematisieren der Abwesenheit. Wir gehen da eher nüchtern mit um. Das ist für uns ganz normal – und für alle unsere Jungs dann eben auch.
 
Was erhoffen Sie sich denn von Windsbach ganz allgemein? Was wünscht man sich hier und was ging oder geht davon schon in Erfüllung?
 
Mark Meinhard: Die Beschäftigung mit Musik ist in Windsbach sehr intensiv und ich glaube, dass das einen für das Leben prägen kann. Das steht sicherlich auch im – durchaus bewussten – Widerspruch zu dem, wie die Gesellschaft momentan lebt: schnelllebig und sehr viel auf einmal. Windsbach setzt hier, wie andere Spezialisierungen auch, einen Fokus auf ein ganz spezielles Thema: die Musik. Und das gibt einem auf jeden Fall viel für’s Leben mit – sowohl musikalisch als auch vom Verständnis der Musik und über das, was von den Texten der entsprechenden Autoren über das gesungene Wort transportiert wird. Das macht unheimlich viel aus und ist über die Dauer der Jahre sicherlich sehr prägend – eine sehr wertvolle Erfahrung, die man macht, ohne sie an dem Punkt zu realisieren. Später wird sich das jedoch als wundervolles Geschenk erweisen.
 
Cornelia Meinhard: Ich glaube sogar, dass es auf die Dauer leichter ist, mit einer konkreten Leistungsanforderung klarzukommen als mit den diffusen Leistungsanforderungen, die die Gesellschaft andauernd an einen stellt. Da wird oft gefordert, ohne dass die Kinder einen Punkt haben, wo man anpacken kann, weil es ja ganz abstrakte Anforderungen sind. Wenn man das aber in einer solchen Gemeinschaft erlebt und dann auch meistert, gemeinsam Höhen und Tiefen erlebt, dann ist das sicherlich auch leichter, Erfolge zu schaffen. Es ist ja nicht so, dass Kinder außerhalb des Windsbacher Knabenchors keinen Leistungsanforderungen begegnen würden; die sind aber oft viel schwerer fassbar. Aus dem gemeinsamen Tun kann ein Grundvertrauen erwachsen, dass man auch mit anderen Herausforderungen im Leben vielleicht eher fertig wird – ob das nun mit Musik zu tun hat oder nicht. Ich habe selber in einem Chor mitsingen dürfen, in dem sehr gut und intensiv gearbeitet wurde – und davon zehre ich noch heute.