Sänger im Dienste von Wort und Klang

WINDSBACH (29. Juni 2017). Jüngst fiel der Redaktion eine CD in die Hände: „Luthers Lieder“, musiziert unter anderem vom Kammerchor Stuttgart. Und im Booklet tauchte der Name eines Komponisten auf, der vor allem als Sänger arbeitet. Und früher im Windsbacher Knabenchor wirkte: Sebastian Myrus. Aus Anlass des Reformationsjubiläums sprachen wir mit dem Künstler.

Die Welt feiert 500 Jahre Reformation – ein Thema, was man aus vielen Blickwinkeln betrachten kann. Was fällt Ihnen als Sänger dazu ein?
 
500 Jahre Reformation! Wie beeindruckend, wenn ein Ereignis, wenn eine Person nach so vielen Jahren noch so eine präsente Rolle spielt. Und man muss kein Lutheraner, kein Christ oder überhaupt gläubig sein um anzuerkennen, welche Rolle das ganze Geschehen rund um den Thesenanschlag 1517 für unsere Kulturgeschichte spielt und wie weit Luthers Wirken bis heute seine Kreise zieht. Ich zum Beispiel erinnere mich daran, wie ich als Neunjähriger ins Internat gezogen bin, ins „evangelisch-lutherische Studienheim“. Da zum Beispiel tauchte er dann schon auf, der Name, einfach so – und wurde mir geläufig, auch wenn ich damals noch keine großen Assoziationen damit verband. Das war 1986. Zehn Jahre später verließ ich Windsbach und den Chor, entschloss mich für ein Musikstudium – und nun, gute 30 Jahre später, bin ich immer noch Sänger. Und für einen Sänger, der sich auch der Kirchenmusik verpflichtet fühlt, ist das Reformationsjubiläum natürlich ein Anlass, um besonders dankbar zu sein. Dankbar für alle Kompositionen, die direkt als Reaktion auf Luthers Bibelübertragung ins Deutsche entstanden sind; dankbar für alle Kompositionen, die dann wiederum dem Geist der Gegenreformation entsprungen sind.
 
Sie haben im Gespräch erwähnt, dass „Luther bis heute wesentlich in das Leben eines Sängers hineinragt“. Wie das?
 
Mit der Übersetzung der Bibel ins Deutsche und der schnellen und einfachen Verbreitungsmöglichkeit durch den Buchdruck erschlossen sich für viele Menschen im deutschsprachigen Raum neue Welten. Nicht nur, dass nun jedermann die Möglichkeit hatte, die biblischen Texte muttersprachlich zu verstehen – auch und vor allem Luthers eindrückliche und aus dem Leben gegriffene Sprache und Wortwahl machte ein sinnliches Erleben möglich. Das abstrakte, elitäre Mysterium der lateinischen Sprache wich einer konkreten, volksnahen Auslegung. Und mit einem Mal existierte für die Komponisten Luthers Zeit und der darauf folgenden Jahre ein riesiger neuer Schatz noch unvertonter Texte, die nur darauf warteten in musikalische Gestalt gebracht zu werden. Angefangen bei Luther selbst, der einige unvergessliche Melodien zum großen Liederschatz beitrug, begann eine Blütezeit der Kompositionen geistlicher Musik in deutscher Sprache, die auch gute 200 Jahre später mit Johann Sebastian Bach noch nicht abgeschlossen war. Ein unergründlicher Vorrat großartiger Kompositionen, die auch heute nicht aus dem Konzertbetrieb und dem täglichen liturgischen Gebrauch wegzudenken sind.
 
Ein wichtiges Werkzeug der Verkündigung war für Luther vor 500 Jahren die Musik. Inwiefern gilt das auch heute noch?
 
Was könnte einen Menschen direkter ansprechen als Musik? Vor jedem intellektuellen Erfassen eines Werkes steht der emotionale Zugang, der Moment, in dem die Aufmerksamkeit gefangen wird, subtil oder plakativ, leise säuselnd oder laut schreiend. Schon vor Luthers Zeiten waren für viele Kirchgänger vor allem die Melodien der Wiedererkennungseffekt der liturgischen Gesänge. Einerseits sicher, weil die Musik eine zusätzliche sinnliche Erinnerungshilfe sein kann, um sich einen Text zu merken. Andererseits, weil die Melodie, weil die Musik ihr Eigenleben entwickelt. Ausgehend von dem Text, der als inspirierende Quelle dient, hebt sich die Musik mehr und mehr ab, steigt empor zu einer eigenen Ästhetik, die ihr im Laufe der Musikgeschichte erlaubt, irgendwann selbständig zu werden. Damit entwickelt sich die Melodie vom reinen Transportmittel des Textes zum eigenen Kunstwerk. Und damit zu einem – meiner Meinung nach zumindest ebenbürtigen – Mittel der Verkündigung. Man muss sich nur die Zuhörer eines geistlichen Konzertes – zum Beispiel der Windsbacher! – außerhalb unseres Kulturkreises vorstellen: Auch wenn die Zuhörer möglicherweise nicht vertraut sind mit dem Inhalt der Werke oder dem konfessionellen Hintergrund – sie werden doch sicherlich dank der Ausdruckskraft der Musik deutlich wahrnehmen können, dass gepriesen, verkündet, getrauert wird zur höheren Ehre. Musik geht ins Ohr, unter die Haut, spricht die Seele direkt an.
 
Was hat Ihnen und uns Luther heute zu sagen? Und was – über Ihre Kunst – Ihrem Publikum?
 
Luthers Botschaft ist natürlich schwierig in ein paar wenige Sätze zu fassen. Man könnte den Leitspruch „Ein feste Burg ist unser Gott“ anführen, um einen Eindruck zu bekommen, was Luther womöglich für ein Gottesverständnis hatte. Sein Ärger über lange gewachsene Rituale in der Kirche, die er als unnötig, leer oder sogar gotteslästerlich empfand; die berühmte Auseinandersetzung über den Ablasshandel, über das Brimborium und den Hokuspokus im zeremoniellen Ritual; die Distanz zwischen Klerus und Volk... Das sind alles Themen, die zusammen mit anderen theologischen Streitpunkten ganze Bibliotheken füllen. Und vielleicht ohne es zu wissen, führen auch wir alle Luthers Wort beinahe täglich im Mund. Nämlich dann, wenn wir Wörter und Redewendungen gebrauchen, die seiner Idee und seiner Feder entstammen, wenn wir mal „im Dunkeln tappen“, dann doch „die Zähne zusammenbeißen“ und „mit Feuereifer dabei sind“, um etwas „auszuposaunen“. Und damit kommen wir zum meines Erachtens wesentlichen Teil seiner Botschaft: das Wort, den Inhalt, das Verstehen. Das Wesentliche. Das ist es, worauf man sich konzentrieren sollte.
 
Entsteht für den Sänger damit nicht auch eine Verantwortung, eine Verpflichtung?
 
Genau diesen Anspruch habe ich auch an mich und alle meine Musikerkollegen. Das Wort zu transportieren, den Inhalt zu durchdringen, das Verstehen erlebbar zu machen. Vom Wesentlichen nicht abzulenken. Was das für den einzelnen Sänger und Musiker bedeutet, ist natürlich eine sehr individuelle Sache und kann sich auf alle möglichen Arten äußern. Aber was man zumindest für die deutschsprachige geistliche Musik seit Luther sagen kann: Das Wort, der Inhalt, das Verstehen scheint den meisten Komponisten elementar wichtig gewesen zu sein. Es ist beinahe unvorstellbar, ein geistliches Werk des deutschen Barock aufzuführen, ohne sich mit diesen drei wesentlichen Komponenten wirklich auseinandergesetzt zu haben. Wo es in anderen Stilen durchaus möglich ist, sich lediglich auf den Klang zu konzentrieren, scheint das in der auf Luther bezogenen Musik zu kurz zu greifen. Als Musiker ist man dadurch gefordert, sich ständig wieder auf das Wesentliche in der Herangehensweise zu besinnen.
 
Sie sind auf der einen Seite Sänger, auf der anderen Seite wirken Sie auch als Komponist. Wie können Sie in beiden Positionen Luthers Botschaft verständlich machen?
 
Zu allererst bin ich Sänger, das ist mein Hauptberuf und meine Hauptbeschäftigung. Daneben arrangiere oder schreibe ich zuweilen kleine vokale Stücke, wenn ich das Gefühl habe, auf keine dem Anlass angemessene Quelle zurückgreifen zu können. Für das Reformationsjubiläum habe ich mir zum Beispiel Luthers Melodien angeschaut und festgestellt, dass es zu seinem Lied „Vom Himmel kam der Engel Schar“ zwar Vertonungen gibt, aber keine, die seine eigene Melodie gebrauchen. Lediglich ein Choralvorspiel von Bach ist mir als Quelle bekannt. So entstand ein einfaches choralhaftes Werk, das mittlerweile bei Carus erschienen ist. Und natürlich macht es Spaß, ausgefallene Bearbeitungen zu schreiben wie zum Beispiel für Luthers Klassiker wie „Vom Himmel hoch da komm ich her“. Jede diese Vertonungen trägt natürlich das Wort Luthers weiter in die Welt hinaus. Als Sänger aber würde ich mein Mitwirken an der Verkündigung sehr differenziert betrachten. Denn als Berufsmusiker hat man im liturgischen Bereich natürlich eine Art Hybridstatus. Letztendlich wird man bezahlt dafür, in einem Konzert, einem Gottesdienst oder einer musikalischen Andacht aufzutreten. Und ganz unabhängig von der eigenen religiösen und konfessionellen Überzeugung hat man den Auftrag, einen bestimmten Beitrag zu leisten. Wie man das überzeugend erreicht, ist wiederum sehr individuell und dafür gibt es sicher keine allgemeingültige Regel. Letztendlich könnte man das vielleicht mit einem Schauspieler vergleichen, der eine bestimmte Rolle spielen soll. Wie er diese Rolle erfolgreich ausfüllt – vielleicht dadurch, dass er sich mit dem Inhalt besonders identifizieren kann, oder dass er sich ausgefeilter Techniken bedient – ist sein eigenes Geheimnis. Entscheidend ist, dass das Ergebnis stimmt, dass Wort, Inhalt und Verstehen sich aufs Publikum übertragen. Und für mich persönlich darf ich hinzufügen: Ich finde es sehr wichtig, dass immer auch der individuelle und emotionale Teil des Sängers sichtbar und hörbar wird – egal ob es ein Liederabend ist oder eben geistliche Musik. 
 
Wann reifte in Ihnen eigentlich der Entschluss, Sänger zu werden und welchen Anteil hatte Windsbach daran? 
 
Wahrscheinlich kam der Entschluss, Sänger zu werden schon sehr früh in meinem Leben. Denn immerhin schaffte ich es, meine Eltern zu überzeugen, schon als Neunjähriger ins Internat zu dürfen, obwohl sie mich erst ein Jahr später zum Eintritt ins Gymnasium nach Windsbach schicken wollten. Und als Mitglied des Knabenchores ist man das eben schon: Sänger. Vielleicht nicht im Sinne eines Berufes, was die Bezahlung betrifft. Aber der Alltag unterscheidet sich dort ja nur unwesentlich von dem Leben in einem Berufschor. Nach dem Abitur 1996 ging ich dann für ein Jahr zum Studium nach Erlangen, um mich im Hauptfach Linguistik mehr mit Wort und Sprache zu befassen. Sehr viel Zeit habe ich dort ehrlich gesagt nicht verbracht, da ich zumeist unterwegs war, um im Vokalensemble „Four Hire“ mit drei ehemaligen Windsbacher Kollegen quer durch Deutschland zu konzertieren. Und so war es für mich dann auch logisch, doch ein Gesangsstudium aufzunehmen, zunächst mit dem Ziel, Berufschorsänger zu werden. Nach und nach entdeckte ich dann auch Lied und Oper für mich, und hatte die Chance, in alle Bereiche des komplexen Sängerberufes einzutauchen. Und trotz des breiten Spektrums, das ich als Sänger musikalisch interessant finde: Was sich wie ein roter Faden durch meine bisherige Berufslaufbahn zieht, ist das, was schon in Windsbach begonnen hat, nämlich der große Schwerpunkt der Kirchenmusik – vor allem eben der deutschen nachlutherischen Musik. Zahlreiche unvergessliche Konzertmomente mit dem Knabenchor haben mich hierbei wesentlich geprägt, das Erarbeiten, Gestalten und Durchdringen dieser Musik als Individuum im Kollektiv sicher nachhaltig sozialisiert. Nicht umsonst ist dieser Teil der Kirchenmusik nach wie vor ein Hauptbestandteil meines Alltags. 
 
Was können Sie von dem, was Sie hier gelernt haben, heute in Ihrem künstlerischen Berufsalltag nutzen? 
 
Zuallererst hat man als ehemaliges Mitglied eines Knabenchores natürlich einen unschätzbaren Vorteil: Man hat zumeist schon immer rund zehn Jahre mehr Erfahrung gegenüber gleichaltrigen Kollegen. Dazu kommt in Windsbach der Luxus des sehr breiten und doch präzise ausgearbeiteten Repertoires. Das ist ein unschätzbares Fundament, das in Kombination mit den Erfahrungswerten durch die vielen Konzerte und Tourneen doch sehr viel Sicherheit und Ruhe fürs die Konzertsituationen im Berufsalltag gibt. Wie man als Haufen von Individuen zu einem harmonischen Klang verschmelzen kann, wie man zusammen oft mehr erreichen kann als alleine, wie man ein Stück auch bei der hundertsten Aufführung noch lebendig verstehen und denken kann; dass das musikalische Werk, und damit also das Wort, der Inhalt und das Verstehen im Vordergrund stehen und eben nicht das Ego, und damit dann die Form, die Verpackung und die bloße Routine. Das alles sind sicher Erfahrungen, die ich schon in Windsbach gemacht habe. Dazu kommen sicherlich universelle Dinge wie Eigenständigkeit, Zielstrebigkeit, Interaktionsfähigkeit – alles Themen, die man im Leben gebrauchen kann, und als Sänger ganz besonders. Vor allem bleibt mir die Liebe zur Musik, zum gemeinsamen Arbeiten im Ensemble, zum Hören und Erleben, zum Eintauchen in Wort und Klang.
 

[Foto: Christoph Hellhake]

 
Sebastian Myrus arbeitet im Hauptberuf als Konzertsänger (Bariton). Mit hörenswerten Klangbeispielen bietet er auf seiner Website unter dem Reiter Media einen spannenden Einblick in sein künstlerisches Wirken.
 
CD-Tipp:
Sophie Harmsen (Mezzosopran), Matthias Ank (Orgel); Athesinus Consort Berlin, Klaus Martin Breksott (Leitung); Kammerchor Stuttgart, Frieder Bernius (Leitung) | Carus Nr. 83469 (2015)