Applaus vom Solisten

DÜSSELDORF (17. Januar 2019). Heute feiert Händels Oper „Xerxes“ an der Deutschen Oper in Düsseldorf Premiere. In der hochkarätig besetzten Produktion singt Terry Wey die Rolle des Arsamenes. Zuvor war er mit den Windsbachern und dem „Messiah“ unterwegs. Während der Proben für „Xerxes“ fand der sympathische Countertenor Zeit für ein Interview.



Sie haben vor Weihnachten mit den Windsbachern vier Mal Händels „Messiah“ gesungen. Wie haben Sie diese Zusammenarbeit mit den Jungs und mit Martin Lehmann erlebt?
 
Es war von Anfang bis Ende ein großes Vergnügen. Schon als ich damals bei den Wiener Sängerknaben selbst als Knabensopran aktiv war, hat man uns immer gesagt: „Wir sind die Berühmtesten mit dem großen Namen – aber die eigentlich Besten sind die Windsbacher.” Der Name war mir also schon lange ein Begriff, ich hatte davor aber noch nie Gelegenheit, diesen außergewöhnlichen Knabenchor live zu erleben. Insofern habe ich mich schon über die Anfrage sehr gefreut. Im beschaulichen Windsbach wurde ich sehr herzlich empfangen, mit Martin Lehmann fühlte ich mich künstlerisch auch auf einer Wellenlänge, und die tolle Stimmung im Chor trotz extremer Professionalität hat mich auch auf Tournee sehr begeistert. Ich würde mich sehr freuen, wieder mit den Windsbachern aufzutreten, vielleicht einmal mit einem der großen Bach-Oratorien...
 
Gab es besonders berührende Momente oder Erlebnisse?
 
Aufgrund meiner Biographie sind Auftritte mit Knabenchören für mich generell immer sehr besondere, fast ein bisschen nostalgische Erlebnisse. Meine eigene „Sängerknabenzeit“ liegt ja nun doch schon einige Jahre zurück – und es werden immer mehr. Und trotzdem kommen bestimmte Gefühle oder Seelenzustände des elfjährigen Terry ganz unerwartet zum Vorschein, wenn beispielsweise der ganze Knabenchor in den Tour-Bus zum Konzert einsteigt oder an der Rezeption auf die Ausgabe der Zimmerkarten wartet, so wie ich es selbst tausendmal gemacht habe. Da hat man schon manchmal das Gefühl, in seine eigene Vergangenheit zu blicken. Und da meine Zeit bei den Sängerknaben für mich eine tolle, spannende und sehr erfüllende war, sind das sehr positive Erinnerungen, die da hochkommen.
 
Im Juni singen Sie erneut den „Messiah“, diesmal mit anderen Partnern. Inwieweit gehört diese Musik für Sie zum Standardrepertoire, haben Sie sie derart verinnerlicht, dass sie sofort abrufbar ist?
 
Ja, definitiv, Werke wie der „Messiah“, Bachs h-Moll-Messe oder Pergolesis „Stabat Mater“ gehören zu den Werken, die ich sozusagen zu jeder Tages- und Nachtzeit sofort präsent habe. Zum Glück ist aber jede Aufführung schon durch die Zusammensetzung des Solistenensembles, des Chores, des Orchesters sowie die unterschiedlichen Interpretationen der Dirigenten meist so einzigartig, dass sie (hoffentlich) trotzdem nichts Routiniertes oder gar Gelangweiltes an sich hat. Für mich ist die Tatsache, dass diese Werke nach mehreren Jahrhunderten immer noch die Menschen berühren Grund genug, sie immer wieder mit großer Freude und Dankbarkeit zu singen.
 
Sie haben natürlich schon mit vielen Chören zusammengearbeitet – was ist in Ihren Augen das Besondere an den Windsbachern?
 
Ich habe tatsächlich noch nie einen Knabenchor in einer derartigen Perfektion ein großes Oratorium singen hören, wie ich das im Dezember mit den Windsbachern erleben durfte. Damit meine ich gar nicht in erster Linie die Perfektion im Sinne der Beherrschung des Notentextes, der Virtuosität oder der Intonationssicherheit, was natürlich auch alles gegeben war; noch mehr beeindruckt hat mich die Perfektion im Zusammenklang, in der Homogenität sowohl innerhalb der einzelnen Stimmgruppen als auch der Stimmgruppen untereinander als gesamter Klangkörper. Am meisten fällt das natürlich bei den beiden A-cappella-Stellen „If by man came death“ auf, aber auch komplexere polyphone Chöre wie „All we like sheep“ waren perfekt zusammen und ausbalanciert. Das bewusste Verzichten auf größere solistische Aufgaben macht sich offensichtlich durch diesen einzigartigen Chorklang bezahlt. Und natürlich sind einzelne Knaben trotzdem problemlos in der Lage, den Part des Engels im Sopran-Rezitativ glockenhell und blitzsauber solistisch darzubieten. Also, die Ankündigungen die mir schon zu Sängerknabenzeiten über die Windsbacher gemacht wurden, haben sich voll und ganz bestätigt.
 
Abgesehen davon, dass Sie auch beruflich dem Singen treu geblieben sind: Was hat Ihnen Ihre Zeit bei den Wiener Sängerknaben bedeutet, was haben Sie im Knabenchor für Ihr späteres Leben gelernt und geschenkt bekommen?
 
Ich wollte schon als Achtjähriger in erster Linie wegen des Singens zu den Wiener Sängerknaben – das Internat und die damit verbundene doch recht radikale Veränderung meiner Lebenssituation habe ich dafür anfangs eher in Kauf genommen, als sie bewusst zu wählen. Allerdings habe ich mich nach anfänglichen Schwierigkeiten recht schnell sehr gut eingelebt und habe die Zeit in jeder Hinsicht in sehr guter Erinnerung, so dass ich heute selbst als Vater zweier Kinder gar nicht so recht nachvollziehen kann, wie viel Skepsis und Misstrauen viele Eltern grundsätzlich Internaten entgegenbringen. Ich habe früh gelernt, selbständig zu sein und mich in einer Gruppe Gleichaltriger zu behaupten – beides Fähigkeiten, die mir nun als freiberuflicher Sänger nicht ganz ungelegen kommen. Dazu gehört natürlich auch die frühe musikalische Ausbildung, die es mir heute ermöglicht, auch einmal kurzfristig einzuspringen ohne mir vorher wochenlang mit einem Korrepetitor die Noten einhämmern zu müssen. Dazu noch die vielen Reisen, bei denen man trotz vollem Konzertkalender ein Gespür und eine gewisse Offenheit für andere Länder und Kulturen bekam – kurz: Meine Sängerknabenzeit war für mich in fast jederlei Hinsicht prägend und wertvoll, ich möchte sie auf keinen Fall missen.    
 
Wenn man Ihren Terminkalender der nächsten Monate durchblättert, fällt auf, dass Sie, wie mit dem „Messiah“ ja auch, vorzugsweise Werke der Barockmusik singen. Was fasziniert Sie an dieser Epoche und was hat uns diese Musik heute zu sagen?
 
Dass ich so viel Barockmusik singe, hat erst einmal vor allem mit meinem Stimmfach zu tun. Ich denke, wenn ich bei meinem ursprünglichen Stimmfach Tenor geblieben wäre, würde ich heute vor allem Mozart singen. Es ist wie bei vielen anderen Berufen auch: Man orientiert sich erst einmal an den eigenen Fähigkeiten, macht das, was man besonders gut kann – und dadurch kommt es zu einer Spezialisierung; man dringt in einen bestimmten Bereich besonders tief ein, und dann bleibt man in diesem Bereich sozusagen hängen. Einer der Gründe, warum ich mir die „Tenor-Option“ bis zuletzt offenhielt, war genau diese Beschränkung im Repertoire, die man als Countertenor natürlicherweise hat. Aber ich bin weit davon entfernt mich zu beschweren – im Gegenteil: Schon nach wenigen Jahren habe ich gemerkt, dass beispielsweise allein schon das 17. Jahrhundert eine schier unendliche Bandbreite an Meisterwerken hervorgebracht hat, die mir als lyrischer Tenor am Opernhaus XY vermutlich versagt geblieben wären. Dazu kommt noch, dass mir auch noch die gesamte Musikgeschichte vor der Barockzeit offensteht: Vor allem die Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts ist eine vollkommen andere, unglaublich vielseitige Welt voller Genies wie Josquin, Lasso oder Palestrina, die ich unter anderem mit meinem Vokalensemble CINQUECENTO seit über zehn Jahren erforschen darf. Ich habe also schon recht bald gemerkt, dass diese Repertoire-Beschränkung viel eher Segen als Fluch ist – langweilig wird mir bestimmt nicht!