KFB – Alles Gute und ade!

HEILSBRONN (7. Januar 2012). Generationen von Sängern des Windsbacher Knabenchores haben ihren früheren „Chef“ sicherlich schon des Öfteren fassungslos gesehen: Bei überraschenden Intonationsschwankungen, falschen Absprachen, verpatzter Dynamik – als hätte man das nicht vorher tagelang geprobt. So fassungslos wie am Abend seines 64. Geburtstags dürfte Karl-Friedrich Beringer aber selten gewesen sein: Ungläubig und kopfschüttelnd schreitet er mit seiner Gattin Heidi zu seinem Ehrenplatz in der Mitte der Heilsbronner Hohenzollernhalle – mitten durch Reihen von rund 700 Gästen. Angekündigt worden war ihm ein kleines Essen im noch kleineren Kreise: Die Überraschung ist gelungen!
 
Lange im Vorfeld hatte „man“ – im Gegensatz zu Bundespräsident Wulff werden Namen genannt: Heidi Beringer, Elmar Stollberger für Monte Soprano e.V. und Jochen Heinzelmann für die Fördergesellschaft des Windsbacher Knabenchores sowie die Organisatoren Benjamin „Beppo“ Myrus und Alexander „Lampe“ Eichmüller und unzählige Helfer, darunter Felicitas Häßlein, Prof. Dr. Margareta Klinger, Peter Heckel und David Lugert – an der Feier gefeilt: Schnell erwies sich die Ansbacher Orangerie als zu klein und man wich nach Heilsbronn aus, wo die Grafen Castell-Castell den Sekt spendierten und das Wohnzentrum Schüller die Dekoration stellte.
 
Hier also warten nun 700 Gäste auf „KFB“ unter Bannern mit der Aufschrift „KFB – alles Gute und ade!“, auf den Kanon „Viel Glück und viel Segen“ eingeschworen von der „Windsbacher Frieda“ (Bernd Lang). „Er ist da“, vermeldet Myrus aus dem Regieraum und die Tür öffnet sich: Aus voller Kehle schallt dem gewesenen Chorleiter ein Ständchen entgegen und man fürchtet fast um sein Bewusstsein: „Starr vor Freude“ – das trifft es wohl am besten. Der Scheinwerfer hat ihn und Eichmüller eingefangen und die Kamera begleitet ihn zum von Kerzen erhellten Tisch, an dem engste Freunde und seine Familie Platz gefunden haben.
 
Vor den Gästen liegt ein langer Abend: In gut sechs Stunden erlebt man, was aus Windsbachern werden kann, wie die Zeit im Chor prägt. Es wird gelauscht, gelacht, gegessen und getrunken. Die Mischung macht’s eben: eine Geburtstagsfeier, ein bunter Abend, ein bisschen Konzert, ein bisschen Faschingschorandacht und viel Erinnerung an gemeinsam Erlebtes, Staunen aus der Distanz, ein unerwartetes und gleichsam erhofftes Wiedersehen mit alten Chor- und Schulkameraden. Und in der Mitte Karl-Friedrich Beringer, der an diesem Abend vielleicht ein wenig hungern muss, denn zum Essen kommt er kaum; allerdings ist er auch nicht in Gefahr, eine Thrombose zu erleiden, denn immer wieder steht er auf, umarmt junge und alte Sänger,  Freunde, Gäste, Eltern, Fans: „Danke, dass Ihr gekommen seid.“
 
Alexander Eichmüller und Frieda leiten galant durch den Abend, der vor allem von ehemaligen Windsbachern kurzweilig gestaltet wird: das Carus Quintett (Robert Eller, Reiner Geißendörfer, Michael Albert und Maximilian Benker leider ohne den erkrankten Harald Stark), das eigens für diesen Abend gegründete „KFB-Quartett“ aus Sibylla Rubens (Sopran), Rebecca Martin (Alt), Markus Schäfer (Tenor) und Delf Lammers (Bass) am Klavier begleitet von Paul Sturm und Stefan „Wotan“ Hofmann, der im Anschluss auch die Solonummern von Robert Eller („Bel ami“) und Yosemeh Adjei mit gestaltet. Der Altus begeistert mit einer zarten Interpretation von Händels Arie „Lascia ch’io pianga“ und auf der Trompete gemeinsam mit Sibylla Rubens, die „Let the bright Seraphim“ intoniert.
 
Zuvor hatten Elmar Stollberger und Jochen Heinzelmann, die gemeinsam mit Heidi Beringer Gastgeber dieser „kleinen Feier“ waren, in kurzen Ansprachen die Glückwünsche von Monte Soprano e.V. und Fördergesellschaft überbracht. „Vor allem erfolgreiche Männer haben ja ein Problem, wenn sie in den Ruhestand gehen“, unkt Heinzelmann augenzwinkernd: „Der Chefposten zuhause ist nämlich schon besetzt.“ Daher wünscht er Beringer einen besonders guten Start ins Pensionärsdasein, denn: „Du hast Phantastisches geleistet und den Chor weltweit bekannt gemacht. Heute gibt es für die Windsbacher keine Grenzen mehr.“
 
Stollberger betont, dass man bei aller Geburtstagsfreude auch den Schmerz des Abschieds spüre: „Danke, dass Du unserer Einladung zu dieser kleinen Trauerfeier im stillen Rahmen gefolgt bist.“ Zum offiziellen Empfang im Ansbacher Theater am Abend des 21. Dezembers seien die Leute gekommen, weil sie wissen wollten, „wie und wer Du bist: Heute sind sie gekommen, weil sie es wissen.“
 
Lange hatte man gegrübelt, was man „dem Chef“ zu diesem speziellen Geburtstag schenken könne. Die Wahl fiel nach einem Tipp von Heidi Beringer auf einen Ofen. Da die ganze Feier jedoch hinter Beringers Rücken geplant wurde, musste selbst der Kamin-Verkäufer mitspielen und einen Liefertermin für April veranschlagen – sehr zum Ärger des Dirigenten, der sich nun umso mehr über das Geschenk freut. Da sich jedoch „zu viele“ am Geschenk beteiligten, um den Ofen zu finanzieren, dürfen sich Beringes an diesem Abend auch noch über ein Holz-Abonnement freuen, das bis zum 100. Geburtstag des „Chefs“ reichen dürfte.
 
Heiß geht es an diesem Abend auch in einem Sketch „live aus dem Chorbüro“ her, den Maximilian Rüb in der ausstaffierten Rolle der Ulrike Sauerbier („I mog nimmer!“) und Jörg Scholkowski als Karl-Friedrich Beringer („Hier ist die Reisechorliste: Den habe ich heute rausgeschmissen und den da schmeiße ich morgen raus…“) täuschend echt und – gemessen an der Publikumsreaktion vor allem der jüngeren Ehemaligen und Aktiven – nur geringfügig überzeichnet spielen: ein Höhepunkt der besonderen Art und eine liebevolle Karikatur, die zeigt, dass, wer sich liebt, auch necken darf.
 
In kurzen Gesprächspausen und während des Essens flimmern immer wieder Bilderserien von Beringes Anfängen in Windsbach bis zum heutigen Tag über drei große Leinwände.  In Einspielern grüßen Verhinderte: die Kammer-Virtuosen Berlin, Ehemalige wie die Gruppe Harmonia Vocalis und Eurotoques-Sterneköchin Elisabeth Wiesinger aus Bertholdsdorf. Unterhaltsam ist da auch ein O-Ton des Vorgängers Hans Thamm, der seiner Zeit zu den Choristen sagte: „Ihr braucht ihn, den Dompteur – jetzt habt Ihr ihn.“ Sequenzen mit dem juvenilen Beringer, Generationen von Chorsängern, Reisen in alle Herren Länder, die die Sitznachbarin zum bewundernden Satz „Mein Gott, die waren ja in der gesamten Welt…“ anregt. Auch eigene Erinnerungen werden natürlich geweckt: Brasilien, Chile, Israel – keine Frage, der Abend ist nicht nur für Karl-Friedrich Beringer ein emotionaler.
 
Dass neben dem Faible für Musik auch die Begeisterung für Technik von Beringer auf seine Sänger überspringen kann, beweist ein Film, den Benjamin Myrus für diesen Abend gedreht hat und der Windsbacher verschiedener Generationen zu Wort kommen lässt: den Sprecher und Sprecherzieher Clemens Nicoll, den Kunsterzieher Philipp Findeisen, den Gymnasiallehrer und Musiker Stefan Hofbauer, die erfolgreichen Opern-Sänger Uwe Schenker-Primus und Philipp Meierhöfer, den Klavierbaumeister Andreas Groß, den Theologiestudenten Maximilian Rüb und den Film- und Veranstaltungstechniker Alexander Eichmüller. Die Quintessenz aller Aussagen ist ein dankbares „Man nimmt aus Windsbach so unheimlich viel mit.“ Und es ist klar, dass „KFB“ hieran großen Anteil hat. Jeder der anwesenden Ehemaligen könnte diesem Film wohl (s)eine eigene Sequenz hinzufügen.
 
Doch schon räumen die flinken Helfer, denen man für ihren Einsatz an diesem Fest kaum genug danken kann, wieder Flügel und Notenständer beiseite; weiterer Ohrenschmaus sind die Beiträge von Julian Orlishausen, der von seiner Frau Sophia an der Harfe begleitet wird sowie der generationsübergreifende Auftritt der Ex-Windsbacher Wolfgang Hofbauer mit Sohn Nikolas und die Songs von „Viva Voce“.
 
Besonders geistvoll gerät natürlich der „hohe Besuch aus Rom“: Sekundiert von Pater Stefan Lehner aus Wernfels ist Elmar Stollberger in die weiße Kutte geschlüpft, um Beringer und den Windsbachern als Papst Zuflucht unter dem Mantel der katholischen Kirche anzubieten, denn hier seien die von der evangelischen Landeskirche gekürzten Mittel in Hülle und Fülle vorhanden, auf dass die Sixtinische Kapelle „endlich einmal“ mit Wohlgesang erfüllt würde. Satirische Seitenhiebe in geschliffenem Vers – Windsbacher können eben nicht nur singen.
 
Nachdem Prof. Max Liedtke seine jüngst publizierte Forschungsarbeit „Knabenchor –
Last, Glück, Lebenschance?“, eine Abhandlung über die Windsbacher, die auf umfassender empirischer Datenerhebung basiert, vorgestellt und ein Exemplar an Beringer überreicht hat, wird es wieder musikalisch: Das Ansbacher Kammerorchester gratuliert „ihrem K(C)arl-Friedrich“ mit einer in C und F geschriebenen Eigenkomposition. Und schon wirft ein großer Männerchor auf der Empore seine akustischen Schatten voraus: Dirigiert von Klaus Bucka ertönt sonor nach dem „Einzug der Gäste“ der „Pilgerchor“ aus Richard Wagners „Tannhäuser“.
 
Im Interview hatte Beringer die Ehemaligenkonzerte als Höhepunkte seiner Windsbacher Zeit bezeichnet, so dass auch die Feier mit einem solchen endet, denn natürlich erwartet jeder, dass der „Chef“ selbst nochmals ans Pult tritt: „Nachtigall“, „Lindenbaum“ und „Schneegans“ genießen alle noch ein letztes Mal gemeinsam als einstige und derzeitige Windsbacher unter ihrem Chorleiter Karl-Friedrich Beringer: „KFB – alles Gute und ade!“ Und, das vergisst das Geburtstagskind nicht: Seinem Nachfolger Martin Lehmann wünscht er einen guten Start in der Windsbacher Familie…
 
 
Die Redaktion dankt Thomas Miederer und Maximilian Bieberbach für die freundliche Bereitstellung des Bildmaterials!