Pommes gegen Pilze 1:0

WINDSBACH (26. Oktber 2015). Eigentlich unterscheidet sich das, was Karin Bischoff als Hauswirtschaftsleiterin des Windsbacher Sängerinternates macht, nicht von den Aufgaben einer Mutter: Auch diese sorgt dafür, dass zuhause alles möglichst reibungslos funktioniert, das Essen auf dem Tisch steht und die Kinder in sauberen Klamotten rumlaufen. Der Unterschied: Karin Bischoff ist nicht „alleinerziehend“ – und sie hat immer über hundert „Söhne“ um sich.

Aber das ist es auch, was sie an ihrer Tätigkeit so liebt: „Das Familiäre hier im Internat“, sagt sie und fügt hinzu: „Das ist nicht nur eine Arbeit, mit der man sein Geld verdient, das ist eine tolle Aufgabe.“ Jeden der Internatsschüler kennt sie mit Namen und weiß, welche Geschichte sich dahinter verbirgt. Mit vielen Eltern ist sie bekannt, die meisten Tagesschüler kennt sie ebenfalls persönlich, auch wenn sie hier zuweilen ein paar Sekunden länger nachdenken muss.
 
Karin Bischoff packt natürlich mit an, wenn Not am Mann und die Personaldecke wegen eines unerwarteten Krankheitsfalls etwas dünn ist; ansonsten arbeitet die Hauswirtschaftsleiterin qua Amt eher im Hintergrund. In ihrem Büro laufen alle Fäden zusammen – nicht nur die aus der Kleiderkammer und der Wäscherei. Ihr unterstehen auch die Küche und die Raumpflege. Hier arbeiten aktuell zwei Dutzend Menschen, Ganztagskräfte schwingen die Suppenkelle, Halbtagskräfte den Besen, eine Praktikantin lernt an einem festen Tag in der Woche und ein Auszubildender derzeit die Tätigkeit eines Hauswirtschafters.
 
Seit 18 Jahre in Windsbach
Auch wenn Karin Bischoff eine Vorgesetzte ist, als Chefin erlebt man sie nicht. Seit 18 Jahren arbeitet die 44-jährige nun schon in Windsbach, davor wirkte sie im Klinikum in Neuendettelsau sowie in einer Einrichtung für Hör- und Sprachgeschädigte in Nürnberg-Eibach. Während ihrer Tätigkeit als Hauswirtschafterin im Sängerinternat absolvierte sie auch eine Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin, doch merkte sie bald, wo ihr Platz ist: in Windsbach. Heute untersteht ihr der Bereich, in dem sie früher selbst arbeitete.
 
Aber was heißt schon „untersteht“: Karin Bischoff setzt auf Teamarbeit und weiß, wie sehr sie sich auf ihre Kolleginnen verlassen kann – nicht nur dann, wenn sich ein Knabe beim Skateboarden den Fuß verknackst und zum Röntgen gefahren werden muss. Dann fehlt jemand in der Küche. Es sind diese Unwägbarkeiten, die den eigentlich strukturierten Arbeitsalltag der Hauswirtschaft so spannend machen. Für Karin Bischoff und die anderen beginnt die Frühsicht um 6.30 Uhr
 
Eine Viertelstunde vorher trifft sich das Team, die Frühstückstische wurden wie in einem Hotel bereits von der Spätschicht eingedeckt. Bis die hungrigen Sänger kommen, wird das Frühstück zubereitet und, wenn die Schule gerufen hat, abgedeckt. Der Vormittag dient der Nahrungszubereitung, denn Lernen macht hungrig. Andere kümmern sich darum, dass die Zimmer und sanitären Anlagen gesäubert werden – eine Arbeit, bei der für die Jungs später nur das Ergebnis zu sehen ist, nicht aber die, die es schaffen.
 
In der Küche geht es derweil hoch her, denn es wird – natürlich – frisch gekocht. Convenience, also vorbereitete Fertigprodukte, ist hier ein Fremdwort – saisonal und regional sind es nicht, sondern gehören zum Vokabular der emsigen Küchendamen, was diese fließend beherrschen. Beim Kochen wird selbstverständlich auf etwaige Einschränkungen geachtet, so dass auch der Sänger mit Lactose-, Fructose- oder Gluten-Unverträglichkeit nicht hungern muss. Gleiches gilt für die Vegetarier: Jeden Tag gibt es ein fleischloses Gericht. Doch dazu später.
 
Frisch auf den Tisch!
Erst muss das Essen gekocht werden. Hierfür hat man seine festen Lieferanten vom Gemüse-, Obst- und Milchbauern bis zum Metzger und Bäcker. Die frische Milch gibt es in großen Flaschen – so wird Abfall vermieden. Heute gibt es übrigens Spargel, bereits geschält. Dafür sind die Kartoffeln selbst gepellt – Vorgekochtes aus der Konserve ist verpönt und das Argument einleuchtend: „Das würde ich ja selbst auch nicht essen wollen“, sagt Karin Bischoff. Das Verwalten und richtige Verwenden des zur Verfügung stehenden Etats ist auch eine ihrer Aufgaben. Und der Spruch, dass, wer billig kauft, oft mehr bezahlt, gilt auch in der Windsbacher Küche: Versuche mit preiswerteren Zutaten scheiterten, weil Preis und Leistung nicht entsprachen. Also lieber frisch auf den Tisch, als fantasielos aus der Dose.
 
Wenn die Jungs gegessen haben, wird aufgeräumt und die Kaffeepause mit Getränken, Obst und Marmeladebroten vorbereitet. Und dann ist es auch schon wieder Zeit für das Abendessen! Fast könnte man denken, in Windsbach werde nur gesungen und gegessen – aber da sind ja auch noch die anderen Aufgaben, für deren Erledigung Karin Bischoff die Verantwortung trägt: die Wäschekammer, die Kleiderkammer, in der die Konzertanzüge und Chormäntel in Schuss gehalten werden, die Nähstube. Der Arbeitstag der Hauswirtschaft endet um 20.30 Uhr.
 
Nicht zu vergessen die Krankenstation: Hier wird die Erstversorgung garantiert und die Weiterbehandlung beim Arzt oder schlimmstenfalls im Krankenhaus organisiert. Halsschmerz erfordert Lutschpastillen, Bauchweh Kamillentee. Seitdem hier allerdings ein Handyverbot herrscht, ist die Zahl der Langzeitkranken stark zurückgegangen. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein Smartphone heilende Kräfte hat?
 
Fleisch ist des Windsbachers Gemüse...
Aber dass es sich meistens ums Essen dreht, stimmt schon. Schließlich sind die Knaben und jungen Männer mitten im Wachstum. Und wollen vor allem eines: Fleisch! Und Pommes – mithin das einzige beliebte Gemüse. Wobei Obst und Salat wiederum fast Renner sind – verstehe einer diese Jungs! Fünf bis zehn Schüler bedienen sich auch am vegetarischen Angebot, doch der Rest steht auf Schnitzel & Co. „Eigentlich schade“, findet die Hauswirtschaftsleiterin: „Man kann so tolle Sachen kochen.“ Aber das wird zuweilen stur ignoriert und lieber auf eigene Kosten dem anatolischen Schnellimbiss im Ort ein Besuch abgestattet.
 
Doch anstatt den Kopf zu schütteln, zeigt Karin Bischoff für ihre Schützlinge erstaunlich großes Verständnis und bemüht sich nach Kräften, dass diese sich wohl fühlen: Was die hier im Chor und auch in der Schule leisten ist doch toll“, freut sie sich am steten Erfolg der Windsbacher und nimmt es geduldig in Kauf, wenn mal ein Stuhl nicht richtig hingestellt oder ein Besteck nicht abgeräumt wird: „Da würde zuhause doch auch keiner meckern.“ Und noch etwas erwähnt die Hauswirtschaftsleiterin: „Wenn mein Arbeitstag irgendwann zu Ende ist, kann ich heimgehen und machen, wonach ich Lust habe. In Windsbach heißt es dann: Ab in die Chorprobe.“
 
Während die Sänger das Repertoire einstudieren und singen, was Chorleiter Martin Lehmann zusammengestellt hat, haben sie bei der Erstellung des Speiseplans übrigens Mitspracherecht: Jede Gruppe entsendet einen Vertreter in ein Plenum, das gemeinsam mit der Hauswirtschaft die Essensauswahl bespricht: Was wird gewünscht (außer Schnitzel und Pommes)? Wovon kann es ruhig etwas weniger geben (Gemüse)? Und was bitte überhaupt nicht? „Derzeit sind es Frühlingsrollen“, weiß Karin Bischoff, die auch schon Zeiten erlebt hat, in der Pilze auf Ablehnung stießen – schließlich auch ein Gemüse…
 
Angenehmes Arbeitsklima
Bei allen Vorlieben und Abneigungen sorgt die Küche jedoch für einen ausgewogenen Speiseplan, der sich lecker liest: Pasta asciutta oder Frischkäsekartoffeltaschen, Seelachsfilet in Zitronenbuttersoße und Petersilienkartoffeln oder Spare Ribs mit Wedges, Spaghetti Bolognese oder Schaschliktopf, Gyros mit Tzatziki oder Linseneintopf. Man wird satt, es schmeckt – und wird freundlich serviert: Bei allem Lärm, den über hundert hungrige Jungs im großen Speisesaal machen, herrscht hier doch immer ein angenehmes Klima. Auch für diese Atmosphäre ist die funktionierende Arbeit der Hauswirtschaft eine wichtige Zutat.
 
Teambesprechung, Arbeitseinteilung in Schicht- und Wochenenddienste, Bewirtung von Gästen und Besprechungen, Organisieren der Einkäufe, Überwachen der Lieferungen, Delegieren, selbst mit Hand anlegen, für jeden ansprechbar sein (und auch ein offenes Ohr haben) – die Aufgaben der Hauswirtschaftsleiterin sind so vielschichtig (und anspruchsvoll) wie das Repertoire das Knabenchores An Karin Bischoffs Bürotür hängt eine Postkarte mit einem Spruch: „Nett kann ich auch – bringt aber nix.“ Wenn sie sagt, dass die Schüler an erster Stelle stehen, glaubt man ihr das gerne – aber dass nett sein „nix“ bringe, widerlegt sie jeden Tag aufs Neue.