Wo (auch echte) Superstars singen

KIEDRICH (27. Juli 2017). Gerne vergisst man, dass Kloster Eberbach im Rheingau tatsächlich mal eines war. Heute dient das beeindruckende Bauwerk vor allem als touristische Attraktion und im Sommer als Spielstätte des Rheingau Musik Festivals, wo auch die Windsbacher regelmäßig (und in diesem Jahr mit Bachs h-moll-Messe!) zu hören sind. Die Redaktion hat sich vor Ort mal umgeschaut.

Ältere Cineasten kennen das einstige Gotteshaus als Drehort von Jean-Jacques Annaud „Der Name der Rose“ mit Sean Connery aus dem Jahr 1986, jüngere aus dem Trailer für die fünfte Staffel von „Game of Thrones“: Zum Start hatte SKY Deutschland eine aufwendige Produktion von Werbetrailern vor Ort durchgeführt. Die Sequenz lebt von den Drohnenaufnahmen im fast 80 Meter langen Hauptschiff der Basilika – die Zerstörung der wundervollen Fensterrosette der Westfassade durch den Drachen entstand natürlich in der digitalen Nachbearbeitung.
 
Nicht unumstritten war im vergangenen Jahr die Produktion einer „DSDS“-Show mit Dieter Bohlen & Co. Doch auch das hat das altehrwürdige Gemäuer überstanden: „Die Basilika ist unbeschädigt, ihre Würde nicht angetastet, und keiner der früheren 58 Äbte hat sich hörbar im Grab umgedreht“, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung danach süffisant und konnte dem Spektakel immerhin auch etwas Gutes abgewinnen: „Im Kloster klingelt die Kasse für die Sanierung des vom Schwamm befallenen Dachstuhls der Basilika und ein Orientierungssystem für Blinde.“
 
Geschichtliche Aussagekraft
Wenn die Windsbacher sich hier in Schale schmeißen und dann gemeinsam mit dem Freiburger Barockorchester Bach musizieren, werden sie vielleicht auch etwas vom Hauch der Geschichte spüren, der hier aus jeder Ritze pfeift: Die ehemalige Zisterzienserabtei Eberbach im Rheingau gehört zu den großartigsten Denkmälern der Klosterbaukunst des europäischen Mittelalters, informiert das Rheingau Musik Festival auf seiner Homepage: Die stilbildende Formensprache der Romanik, Früh-, Hoch- und Spätgotik, der Renaissance und des Barock haben seit der Gründung des Klosters im 12. Jahrhundert bewirkt, dass Eberbach im Laufe der Jahrhunderte zu einem so besonderen Architekturkunstwerk mit herausragender geschichtlicher Aussagekraft werden konnte.
 
Ihre Größe und Bedeutung verdankte die einstige Abtei im Mittelalter durch den Weinbau und vielfältige Zustiftungen. Noch heute ist die Weinbautradition durch das Weingut Kloster Eberbach – übrigens Deutschlands größtes! – lebendig. Seit jeher dokumentiert dies die Traube im Maul des Eberbacher Wappentiers. 1136 gründete Bernhard von Clairvaux hier eine Zisterzienserabtei, inmitten von Weinbergen und Wäldern sowie in der Nähe zum Ort Kiedrich, wo 200 Jahre später die bis heute bestehenden Kiedricher Chorbuben gegründet wurden.
 
Faszinierende Baustile
Kloster Eberbach kann auf eine bewegte (Bau-) Geschichte zurückblicken: Die Gründung stand unter dem Vorzeichen der Reform des Klosterwesens, die ihren Ausdruck in der eindrucksvollen Schlichtheit romanischer Architektur und im Verzicht auf alle Formen ornamentaler und schmückender Zutaten fand. Zentrale Gebäude wie die Basilika oder das Laiendormitorium haben bis heute diesen Raumeindruck bewahrt. Im Hoch- und Spätmittelalter wurden zudem Möglichkeiten der gotischen Architektur entwickelt und zur Umgestaltung von Räumen wie dem Mönchsdormitorium oder dem Kapitelsaal sowie zur Ergänzung von Grabkapellen längs des Südschiffes der Basilika genutzt.
 
Bauernkriege als Folge der Reformation führten zur Besetzung der Abtei (und zur Leerung des damals größten Weinfasses der Welt). Der Dreißigjährige Krieg brachte eine erneute Besetzung und den Verlust eines großen Teils seiner Ausstattung sowie der Bibliothek mit sich. In der Epoche des Absolutismus konnten sich auch die Eberbacher Mönche der zeittypischen barocken Prachtentfaltung nicht entziehen, was zur Umgestaltung historischer Bauten wie beispielsweise dem Mönchsrefektorium und Pfortenhaus sowie zu neuen Raumschöpfungen wie der Orangerie und dem Abtshäuschen führte. Die französische Revolution hatte die Säkularisierung des Kirchenbesitzes zur Folge: Unter Napoleon mustte das Kloster den Abbruch von Kreuzgangflügeln für profane Verwendungen und den Verlust fast seiner gesamten Ausstattung hinnehmen.
 
Frauengefängnis und Viehstallung
Der bald vorherrschende Zeitgeist von Liberalismus und Zweckrationalismus führten im 19. Jahrhundert zu weiteren Eingriffen in den Baubestand. Vor allem die Klausurgebäude wurden weltlicher Nutzung zugeführt: als Frauengefängnis, „Irrenanstalt“, Viehstallung oder landwirtschaftlicher Pachtbetrieb. Kriegseinflüsse prägten die Bau- und Nutzungsgeschichte des 20. Jahrhunderts bis weit in die Nachkriegszeit hinein, in der große Teile der Abteianlage als Wohnstätte für Flüchtlingsfamilien dienten. Seit 1986 wurde die Anlage einer Generalsanierung unterzogen, die das Ziel der Substanzerhaltung sowie Wiederherstellung historischer Raumsituationen und Entwicklung verträglicher Gebäudenutzungen verfolgt.
 
Eigentümerin der Klosteranlage und damit verantwortlich für die Bauunterhaltung und den Betrieb der Anlage als kulturtouristische und attraktive Veranstaltungsstätte ist seit 1998 die Stiftung Kloster Eberbach, die sich seit ihrer Gründung über Eintrittsentgelte, Gastronomieverpachtung, Raumvermietungen und Veranstaltungseinnahmen selbst finanziert. Täglich sind für den Erhalt übrigens mehr als 7.000 Euro nötig. Zur Erfüllung der Stifungsaufgaben trägt als wichtiger Partner das Rheingau Musik Festival bei – und damit indirekt auch die von ihm engagierten Künstler wie der Windsbacher Knabenchor, denn seit dem ersten Konzert vor Ort schätzt der Veranstalter den eindrucksvollen Rahmen von Kloster Eberbach für große Chorwerke sowie instrumentale und vokale Meisterwerke verschiedener Epochen.

In der Meditahek des ZDF findet sich eine sehenswerte Reportage über das Kloster.
 
[Foto: Ansgar Klostermann]