Kunstvolles Glaubensbekenntnis
MÜNCHEN. Seit einigen Wochen ist sie „am Markt“, die „aktuelle Scheibe“ der Windsbacher mit der Messe As-Dur von Franz Schubert. Erschienen ist der Silberling wie zuvor auch Mendelssohn-Bartholdys „Elias“ und das Mozart-Requiem bei Sony Classical.Die Live-Aufnahme des Konzerts in der Nürnberger Meistersingerhalle im November 2008 überzeugt einmal mehr durch Transparenz und Klangschönheit. Das Urteil in FonoForum (Ausgabe 6/2010) lässt keinen Zweifel: „Es ist eine große, aber so angenehme Kunst: wie die dissonanten Reibeklänge im Kyrie ganz organisch abphrasiert werden, ohne akademisch zu klingen. Die musikalischen Bögen haben immer Zeit zum Atmen, stehen aber niemals auf der Stelle. Und Schuberts himmlische Harmoniewechsel kommen sehr schön zum Tragen, indem einzelne Chorstimmen geschmackvoll in den Vordergrund treten, um sogleich wieder mit dem Tuttiklang zu verschmelzen."
Beringer spürt Schuberts Genie aufmerksam nach. Mit dieser Messe hatte sich der Komponist seinerzeit am Kaiserhof beworben, scheiterte jedoch, da das Werk zwar als „gut, aber nicht in dem Styl componiert, den der Kaiser liebt“ erachtet wurde. Von beliebiger Eingängigkeit kann in der Tat nicht die Rede sein. Die As-Dur-Messe ist ein eigenwilliges Werk, das den Rahmen der Liturgie sprengt.
Auch wenn Schubert seine geistliche Musik wohl nicht primär als Ausdruck seines persönlichen Glaubens schuf, rührt die vorliegende Einspielung seiner As-Dur-Messe doch wie ein tiefes Bekenntnis an. Einen ausgesprochenen Auftrag für dieses Werk hatte der Komponist nämlich nicht. Stattdessen lernt der Hörer hier einen privaten Schubert kennen, der seine religiösen Gedanken musikalisch formuliert.
Die Interpretation durch den Windsbacher Knabenchor, das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und die Solisten entspricht dabei der Komposition: Kunstvoll spannt Beringer den romantischen Bogen vom fast schon kammermusikalischen Beginn mit einem schlank geführten „Kyrie“ bis hin zum sinfonischen Duktus, der im Gloria, wenn Chor und Orchester in plötzlichen Jubel ausbrechen, gleich einer aufplatzenden Knospe erblüht. Feinfühlig nutzt Beringer hier die Dynamik vom mächtigen Forte bis zum noblen Piano und klar rezitierend stimmen die Solisten in einzelne Sentenzen des Lobgesangs ein.
Die Besetzung ist dabei die Gleiche wie im Mozart-Requiem: Ruth Ziesak (Sopran), Monica Groop (Alt), Thomas Cooley (Tenor) und Thomas Laske (Bass) bilden ein homogenes Quartett, das sich konturenreich im Klang des Knabenchores spiegelt.
Das Credo scheint der Chor fast schon zu sprechen, so klangintensiv orientiert sich Beringer am lateinischen Text, der durch das bewusste Fehlen der Worte „in unam Sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam“ eine allumfassende, einigende Note bekommt, die Chor- und Orchesterklang mit weiten Bögen einfassen. Effektvoll kosten die Sänger Harmonien wie Reibungen aus. Die einzelnen Aussagen des Glaubensbekenntnisses werden dabei eindringlich angestimmt und gemeinsam mit dem DSO und seinen exzellenten Bläsern pusten die Sänger gleichsam den Staub von der Kirchenbank.
Folgerichtig ertönt das Sanctus befreit und leuchtend, ohne Drängen. Mit ätherischem Klang leihen die Windsbacher den himmlischen Heerscharen ihre Stimme und wie von ferne, aber mit kerniger Präsenz ertönt das „Hosanna“. Die gleiche Transparenz atmet auch das Benedictus von Chor und Solisten, bevor die Messe in ein zart fließendes Agnus Dei mit einem selbstbewussten „Dona nobis pacem“ mündet.
Franz Schubert: Messe As-Dur, D.678; Sony Classical, Bestellnummer 88697613402; Windsbacher Knabenchor, DSO Berlin; Ruth Ziesak, Monica Groop, Thomas Cooley, Thomas Laske; Karl-Friedrich Beringer (erhältlich im Fachhandel oder im Internet, z.B. www.jpc.de)
Ticker