Den Knabenchor im Visier

WINDSBACH (15. November 2019). Lukas Baumann bringt eigentlich alle Voraussetzungen mit, um in Windsbach die Chorvorbereitung zu übernehmen: Er ist jung, musikalisch, hat Chorerfahrung und Chordirigieren studiert. Und vor allem: Sein erklärtes Berufsziel ist es, einen Knabenchor zu leiten. Wir haben den neuen Mitarbeiter im Team der Windsbacher getroffen.

Lukas Baumann kommt aus Wuppertal. Moment, Wuppertal? Da war doch was? Richtig: Dort singt mit der Wuppertaler Kurrende jener Knabenchor, den der heutige Chef der Windsbacher Martin Lehmann leitete, bevor er nach Mittelfranken wechselte. In der Schwebebahnstadt lernten sich die beiden auch kennen, denn Baumann sang von 2004 bis 2016 in der Kurrende, ist also „unter Lehmann musikalisch groß geworden“, wie er sagt. Nach seinem Abitur wirkte der 23-Jährige noch ein Jahr als Praktikant im Wuppertaler Chor, wo er als Krankheitsvertretung auch Proben leitete und erste Konzerte dirigieren. Manchmal braucht es eben ein bestimmtes Erlebnis – und Baumann merkte schnell: „Das ist es, das will ich machen.“
 
Also Knabenchor, wofür er sich an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar für das Chorleiterstudium einschrieb. Beste Anlagen brachte er auch aus dem musikalischen Elternhaus mit: Der Vater spielt Bratsche im Wuppertaler Sinfonieorchester, die Mutter unterrichtet an der Musikschule Cello, Sohn Lukas lernte Klavierspielen. Und natürlich singen. Wobei das Dirigieren offenbar einen noch größeren Reiz auf ihn hat: „Ich kann eigene Ideenentwickeln und sie mit einem großen, schön klingenden Klangkörper umsetzen.“ Im Studium erhielt er nach dem „Sprung ins kalte Wasser“ als Dirigentenvertreter in Wuppertal das praktische und theoretische Rüstzeug hierfür. Derzeit hat er für Windsbach ein Urlaubssemester eingelegt und will im nächsten Jahr abschließen. Zuweilen hat man den ersten Arbeitsvertrag schneller in der Hand als das Examen.
 
Zurück nach Weimar, wo Baumann bereits einen früheren Windsbacher hörte: An der dortigen Oper ist der Bass Uwe Schenker-Primus engagiert. Ansonsten lernte der Student im Hauptfach Chordirigieren die gesamte Bandbreite der klassischen Chorliteratur vom Barock bis zur Moderne kennen – „vermittelt auf der Grundlage solider Schlagtechnik“, wirbt die Hochschule auf ihrer Website: „Schwerpunkte sind a-cappella und chorsinfonische Werke sowie Werke der Opernchorliteratur. Großen Stellenwert haben die Aneignung individueller effektiver Probenmethodik sowie viele praktische Erfahrungen mit Chören unterschiedlicher Genres.“ Da zum Studium in Weimar auch „projektbezogene Praktika“ gehören, durchlief Lukas Baumann verschiedene Chorstationen, was ihm 2017 eine Assistentenstelle beim Jenaer Knabenchor einbrachte.
 
„Water & Spirit“ heißt die aktuelle CD der Windsbacher, womit wir den Brückenschlag nach Windsbach schaffen: Der Sprung ins „cold water“ in Wuppertal war die Initialzündung, der Erwerb des theoretischen und praktischen Wissens der „Spirit“. Und da Baumann die jungen Sänger aus Mittelfranken schon öfters gehört hatte, um die hohe Meinung von diesem Chor in der kundigen Szene wusste und auch der Kontakt zu Martin Lehmann nicht abgerissen war, kam der Chorleitungsstudent aus Weimar für eine einwöchige Hospitanz nach Windsbach.
 
Und dort hatte man kurz zuvor die Stelle von Alexander Rebetke neu ausgeschrieben: Der zuvor mit der Chorvorbereitung beauftragte Mitarbeiter sollte die Aufgaben von Edwin Sowisch übernehmen. Baumann bewarb sich. Aber eher als Testlauf, wie er heute zugibt: „Ich wollte mal sehen, wie so etwas abläuft – für später.“ Tatsächlich hatte er nicht daran gedacht, genommen zu werden. Doch warum auch nicht? Das zuvor beim Dirigieren in Wuppertal angewandte Prinzip „Learning by doing“ funktionierte und Baumann kam ins Team.
 
Dort fühlt er sich nach eigenen Worten pudelwohl, denn das Arbeiten mit den Jungs macht ihm einen Riesenspaß: „Das ist eine coole Truppe!“ In der Chorvorbereitung formt er die Grundlagen und entwickelt sie, damit die Sängereleven nach spätesten einem Jahr in den Probenchor aufrücken können. Dabei zieht der fußballbegeisterte Fan des SV Wuppertal durchaus Parallelen zum Sport: „Musik ist durchaus auch körperliche Arbeit und Singen ist Training.“ Für die meisten ist das konzentrierte und aufrechte Sitzen auf der Stuhlkante für 90 Minuten eine neue Erfahrung. Viele mitunter auch musikalisch schon „vorbelastete“ Jungs sind mit Begeisterung dabei, bei anderen beträgt die Aufmerksamkeitsspanne gerade mal 30 Minuten; das hat Baumann nun langsam, aber stetig zu steigern.
 
„Konzentration kann man antrainieren“, sagt er aber. Und auch für ihn kann man die Höchstleistungen, die die Windsbacher musikalisch vollbringen, durchaus mit dem Spitzensport vergleichen. Neben der Chorvorbereitung gibt Baumann Einzelstimmbildung und leitet Registerproben des Knabenchors. „Das ist schon ein ganz anderes Arbeiten hier. Man muss keine Töne einstudieren, das geht alles viel schneller und auf einem unglaublich hohen Niveau.“
 
Nächstes Jahr steht Bachs Matthäuspassion auf dem Programm – Baumanns erklärtes Lieblingsstück des Thomaskantors: „Er verpackt das Emotionale in genialer Stimmführung.“ Das erste Stück, das er von ihm sang, war die Johannespassion:  „Für mich kommt Bach an erster Stelle, dann ganz lange nichts. Und dann Mendelssohn“, beschreibt Baumann seine kompositorischen Vorlieben. Vielleicht probt der eine oder andere, der jetzt noch in der Chorvorbereitung sitzt, demnächst ja schon Bach? Und irgendwann wird dann Lukas Baumann selbst mal mit einem Knabenchor diese Musik aufführen. Besser als in Windsbach kann er sich kaum darauf vorbereiten.