Chef von über 12.000 Pfeifen

NÜRNBERG (3. Oktober 2017). Auch wenn die Überschrift dies nahe legt: Die Rede ist nicht von einem Konzernlenker mit einem Heer unbegabter Mitarbeiter. Der Arbeitsplatz desjenigen, um den es hier geht, ist die größte Orgelanlage, die in Deutschland in einer evangelischen Kirche steht: Von einem Zentralspieltisch aus sind drei Orgeln mit insgesamt 165 Registern, mehr als 12.000 Pfeifen und fünf Zimbelsterne anzuspielen. Hierauf musiziert Matthias Ank, liturgisch und konzertant. Zu den gottesdienstlichen Terminen gehören dabei auch die Lorenzer Motetten, die der Organist und Kantor der Nürnberger Innenstadtkirche regelmäßig mit den Windsbachern gestaltet.

Seit 1996 hat Ank das Amt des Kantors von St. Lorenz inne. Dabei war der Beruf des Organisten ursprünglich nicht seine erste Wahl: Als Jugendlicher lag ihm eher die Rockmusik, das Musizieren auf der elektronischen Orgel; eines seiner Idole war Keith Emerson, der legendäre Keyboarder der Band Emerson, Lake & Palmer. Irgendwann kam das „richtige“ Klavierspiel dazu – und hier ein Lehrer, der eben auch Kirchenmusiker war und im damals 16-Jährigen das Interesse für diese Profession weckte. Ank kam mit der Kirchenorgel und mit Kantorei-Arbeit in Berührung, sang Bachs Weihnachtsoratorium, Mendelssohns „Elias“ und diverse Motetten. Anders als andere Kollegen, die bereits im Elternhaus kirchlich und musikalisch geprägt wurden, entdeckte Ank diese Welt selbst – und entschloss sich zum Studium der Kirchenmusik.
 
Sozusagen studienbegleitend wirkte er dann bald schon als Kirchenmusiker im Nebenamt leitete eine Kantorei und gründete einen Kinderchor sowie einen Flötenkreis. Erste hauptberufliche Anstellungen führten ihn nach dem Studium in Heidelberg als Domorganist und Assistent des Domkantors an den Braunschweiger Dom und an die Johanniskirche Hagen.
 
Vor allem in Braunschweig faszinierte ihn eines: Der dortige Dom war und ist als Citykirche eine echte Anlaufstelle. „Die hat ihren Platz mitten in der Stadt. Das wird aktiv praktiziert, die Menschen können ihre Fragen stellen und bekommen eben auch Antworten.“ Hier sei man auch als Musiker gefragt und eingebunden: „Es ist wichtig, die Menschen einzuladen und willkommen zu heißen.“ Später dann, an anderer Stelle, fehlte ihm diese Offenheit.
 
Erstmals in Nürnberg
Und dann lockte die Stellenausschreibung nach Nürnberg – eine Stadt, die Ank nicht kannte und zuvor erst einmal besucht hatte: einen halben Tag lang, nachdem er in Erlangen musiziert hatte. In St. Lorenz selbst war er dann erstmals tatsächlich zu seinem Bewerbungsvorspiel und -gespräch, denn bei seinem ersten Nürnberg-Aufenthalt war die Kathedrale wegen Vorbereitungen der Osternacht geschlossen. Doch so, wie sie ihre Besucher in ihren Bann schlägt und beeindruckt, wirkte sie auch auf Ank, der die Stelle dann bekam und neugierig antrat. 
 
Hier wirkt er mittlerweile in seinem 22. Jahr: „Es ist eine tolle Kirche, hier passiert unheimlich viel.“ Die hiesige Orgel – ihre „Maße“ wurden bereits genannt – ist übrigens „Nr. 11 auf der Weltrangliste“. Als einziges wirkliches „Manko“ seines Arbeitsplatzes nennt Ank allenfalls die kalten Temperaturen im Winter. Ansonsten schätzt er St. Lorenz als offenes und einladendes Gotteshaus, woran auch die Kirchenmusik einen nicht gerade kleinen Anteil hat.
 
Als Kantor von St. Lorenz hat er vielfältige Aufgaben: Neben dem Orgelspiel in den verschiedenen Gottesdienstformen und Konzertauftritten sowie dem Angebot von Führungen mit dem Namen „Orgelpunkt“ leitet er den Bachchor St. Lorenz mit rund hundert Sängerinnen und Sängern sowie ein klein besetztes Vokalensemble mit 35 Stimmen. Außerdem ist er verantwortlich für die projektbezogenen Konzerte von „Lorenz Brass“, einem Blechbläser-Ensemble aus professionellen Musikern. Hinzu kommt jährlich ein Wochenende, an dem die „Bachkantate zum Mitsingen“ einstudiert und aufgeführt wird. Die Musik macht rund die Hälfte seiner Arbeitszeit aus.
 
Musik und Verwaltung
Die andere gehört tatsächlich der Verwaltung und Organisation: Da ist die Arbeit in verschiedenen Gremien, da müssen jährlich 80 bis 90 kirchenmusikalische Veranstaltungen organisiert werden – Künstler kontaktieren und einladen, Konzerte organisieren, Übernachtungen buchen, Plakate drucken lassen, abholen und aufhängen. Auch für Sommer- und Weihnachtskonzerte sowie für die Aufführungen großer Oratorien wie 2015 Mendelssohns „Paulus“, 2016 Bachs Weihnachtsoratorium oder 2017 Ernest Blochs „Avodath Hakodesh“ muss geworben werden.
 
Ein ständig wiederkehrender Termin macht ihm hierbei besondere Freude: die Lorenzer Motette mit den Windsbachern. Seit 1946 findet diese musikalische Andacht statt – im Jahr 2018 zum 500. Mal! „Das ist für uns ein ganz großer Schatz“, betont Ank: „Dass sich ein Chor von solchem Niveau an St. Lorenz bindet und hier sechs bis acht Mal im Jahr singt, ist ein großes Glück.“ Der Kirchenmusiker hat zum Chor und seinen Dirigenten in den Jahren eine feste Beziehung aufgebaut und genießt diese musikalische Freundschaft bei jedem Mal. Zum Beispiel, als Chorleiter Martin Lehmann im Kielwasser der Proben für Bachs h-moll-Messe Teile daraus ins Motetten-Programm aufnahm und Ank die Windsbacher beispielsweise beim „Kyrie“ oder „Qui tollis“ an der Orgel begleitete.
 
Eigene musikalische Vorlieben mag der Kantor übrigens gar nicht benennen: „Das wechselt und geht von Alter Musik bis zu Uraufführungen, vom großen Oratorium bis zum schlichten Orgelchoral.“ Diese Bandbreite empfindet er einerseits als große Freiheit, andererseits aber auch als Verpflichtung, sowohl selbst als auch mit dem Publikum kirchenmusikalische Schätze zu entdecken und zu heben. Das geschieht seit 2002 unter anderem mit jährlich wechselnden Themenschwerpunkten, die von verschiedenen Seiten aus musikalisch beleuchtet werden. 
 
Spannende Themenreihe
2011 drehte sich beispielsweise alles um das Bibelwort „So ein herrlich Volk“, was Ank jedoch bewusst mit einem Fragezeichen versah, um den zwei Seiten einer Medaille –  nationale Eigenständigkeit und global verstandene Brüderlichkeit – nachzuspüren; so kamen vor sechs Jahren unter anderem die Fest- und Gedenksprüche von Johannes Brahms und die durchaus politisch konnotierte „Glagolitische Messe" von Leoš Janáček zur Aufführung. In diesem Jahr geht es um den thematischen Dreiklang „Weg.Wahrheit.Leben“, um Luthers Reformation und die Gemeinsamkeiten der christlichen und jüdischen Religionen, wozu auch die Aufführung von Werken fränkischer Reformationskomponisten durch den Windsbacher Knabenchor, Solisten und das Ensemble Wunderkammer am 3. Juni gehörte.
 
Matthias Ank bekennt: Er dirigiert seine Chöre genauso gern wie er die Orgel spielt. An ihr schätzt er die Möglichkeiten, als Solist fast grenzenlos Klänge erzeugen und mischen zu können. Dem Chorleiter und Dirigenten stellt sich die wunderbare Aufgabe, in der Gemeinschaft Musik zu entdecken, zu entwickeln, um sie zu ringen und sie zum Leben zu erwecken. Der Besucher der Lorenzer Motette bekommt übrigens beides geschenkt: Matthias Ank an der Orgel und die Stimmen des Windsbacher Knabenchores.