Ein außergewöhnliches Konzert

HEIDELBERG (17. MÄRZ 2017). Der 18. Februar 2017 war für Veronika und Jürgen Miethke ein besonderes Datum – und das nicht nur, weil sie an diesem Tag in der Wieblinger Kreuzkirche ein Konzert der Windsbacher hören konnten: Vor genau 50 Jahren, am 18. Februar 1967, hatten sie geheiratet und der von ihnen finanzierte Auftritt des Chores war der Auftakt zur Feier ihrer Goldenen Hochzeit.

Ehemalige Windsbacher werden beim Namen Miethke natürlich hellhörig, hatten die Eltern in früheren Tagen doch selbst zwei Söhne in Windsbach. Wolf Eckhard ist der ältere Sohn der Miethkes, Berthold der jüngere. Beide verlebten ihre Knabenstimmenzeit in Windsbach – der eine von 1977 bis 1980, der andere von 1983 bis 1987. Wie es dazu kam, ist eine kuriose Geschichte. Doch die fängt viel früher an, und zwar schon im Jahr 1949: Erst drei Jahre zuvor hatte Hans Thamm den Windsbacher Knabenchor im dortigen Pfarrwaisenhaus, dem heutigen Sängerinternat, gegründet. Und für zwei Jahre lebte und sang dort: der Vater von Wolf Eckhard und Berthold, Jürgen Miethke!
 
Anlässlich eines Empfangs nach dem Konzert in Heidelberg verlas er zwei Briefe, die er als Elfjähriger an seine Mutter geschrieben hatte: „Vorigen Sonntag waren wir in Bruckberg. Wir fuhren mit dem Zug, stiegen aus und liefen den nähesten Weg durch den Wald. Es waren ungefähr sieben Kilometer. Am Nachmittag gab es Kuchen mit Kaffee, zum Abendessen Kartoffelsalat mit Brot. Wir marschierten wieder zurück und kamen endlich um 22 Uhr abends in Windsbach an.“
 
Rohkartoffelklöße mit Fleisch und Selleriesalat
Drei Wochen später hieß es dann: „Gestern war ich zum ersten Mal auf der Konzertreise mit. Wir wurden um 6.45 Uhr geweckt. Um 7.45 Uhr fuhren wir mit dem Omnibus ab. Um fünf Minuten vor 9 Uhr kamen wir an, 9.30 Uhr war Frühgottesdienst. Wir sangen auch da einige Choräle und andere Sachen. Danach wurden die Quartiere verteilt. Bei mir gab es Rohkartoffelklöße mit Fleisch und Selleriesalat und als Nachtisch eingemachte Kirschen und Plätzchen. Um zwei Uhr ging ich zur Kirche und bekam als Vesperbrot zwei Stück Kuchen mit. Das Konzert war von 3 bis 4.15 Uhr.“ Offenbar war die Verpflegung seinerzeit weitaus wichtiger als die kompositorische Struktur einer Schütz-Motette.
 
Auch wenn es nur zwei Jahre waren, die Jürgen Miethke in Windsbach sang: „Diese Zeit war für meinen Geschmack und das Erleben von Musik durchaus prägend“, sagt er heute, ist er doch fast ein Chorist der ersten Stunde. Und auch wenn in den Briefen nur von „Chorälen und anderen Sachen“ die Rede ist, hat er damals mitgeholfen, Thamms Idee von einem Knabenchor zu realisieren und voranzutreiben.
 
Bevor Miethkes aber davon erzählen, wie ihre Söhne nach Windsbach kamen, sei kurz noch von deren Mutter berichtet, denn auch sie kannte den Knabenchor schon lange: Aus einem musikalischen Haushalt kommend war sie nach den Kriegswirren in Recklinghausen gelandet, wo sie ein reines Mädchengymnasium besuchte. Dort gründete ein engagierter Musiklehrer einen gemischten Chor, wo er Schallplattenaufnahmen der gesungenen Werke vorspielte: „So sollte das klingen“, erinnert sich Veronika Miethke. Und wer waren die Interpreten? Hans Thamm und seine Windsbacher! Als sie dann ihren späteren Mann kennenlernte und erfuhr, dass er ebenfalls dort gesungen hatte, war die Überraschung groß – und Jürgen machte bei seiner Veronika natürlich mächtig Eindruck…
 
Ein Zwischenstopp mit Folgen
Beruflich hatte es die Lehrerin und den Geschichtsprofessor ins eingemauerte Berlin verschlagen. Von der Stadt im damals noch geteilten Deutschland aus fuhr man mit dem Auto in den Ferien gen Süden – auch im Sommer 1976, wo man im mittelfränkischen Fürth Rast machte. Und weil es von dort vergleichsweise nah nach Windsbach ist, schlug Vater Miethke seinen Kindern vor, ihnen mal zu zeigen, wo er früher gelebt hatte. Die waren sofort Feuer und Flamme, schließlich waren auch sie schon damals begeisterte Sänger.
 
Also fuhr man nach Windsbach und traf dort – es waren ja Ferien – nur einen einzigen Mitarbeiter: Hans Thamm (und dessen zwei Katzen). Der erkundigte sich sogleich nach dem Alter des kleinen Wolf Eckhard und meinte: „Wollen wir was singen?“ Offenbar beeindruckt von seiner Stimme fragte er ihn auch gleich: „Willst Du zu uns kommen?“ Man bedenke: Die Entfernung von Berlin nach Windsbach, die politische Situation der zwei deutschen Staaten, das Leben in einem Internat fernab des Elternhauses! Gleichviel: Wolf Eckhard wollte und kam schließlich nach Windsbach.
 
Rom? Lieber Windsbach!
Dort fühlte er sich so wohl, dass er ein Jahr später das Angebot, mit der Familie nach Rom zu gehen, wo sein Vater eine Forschungsarbeit angenommen hatte, glatt ausschlug. In Windsbach bekam er dann den Chorleiterwechsel von Thamm zu Karl-Friedrich Beringer hautnah mit. Und der war natürlich nicht begeistert, als die Eltern beschlossen, den talentierten Sänger mit Einsetzen des Stimmbruchs wieder nach Hause zu holen, wo er später im Berliner Staats- und Domchor sang.
 
Als die berufliche Situation die Familie Miethke dann für ein ganzes Jahr nach Amerika führte, wirkten beide Söhne im Madison Boys Choir in der Hauptstadt des Bundesstaates Wisconsin mit. Und dann, zurück in Berlin, äußerte Berthold, der nicht nur Cello spielte, sondern ebenfalls im Staats- und Domchor sang, von sich aus plötzlich den Wunsch, nach Windsbach zu gehen. „Geplant war das überhaupt nicht“, erinnern sich die Eltern. Bereut hat diesen Schritt jedoch keiner in der Familie.
 
Und weil die Musik hier also schon immer eine große Rolle spielte, ist man ihr auch heute noch zutiefst verbunden, singt selbst seit Jahrzehnten im Chor und genießt gute Konzerte – wie das der Windsbacher in der Kreuzkirche am 18. Februar, punktgenau am Hochzeitstag von Veronika und Jürgen Miethke, weswegen sie von langer Hand planten, dass der Knabenchor auch an diesem Tag singen sollte: für sie, ihre Familie, Freunde und alle Gäste der Feier ihrer Goldenen Hochzeit. Zwei Jahre zuvor hatten sie daher Kontakt mit Martin Lehmann und Delf Lammers aufgenommen, um die Konditionen abzustimmen. Mit Unterstützung durch die Kirchengemeinde wurde das Konzert dann organisiert.
 
Benefizkonzert in der Kreuzkirche
Der Auftritt fand im Rahmen der „Wieblinger Konzerte“ als Benefizkonzert zugunsten der V. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel statt – ein paar Bänke in der Kreuzkirche waren für die Gäste der Familie vorgesehen, alle anderen Plätze im restlos ausverkauften Gotteshaus von interessierten Zuhörern besetzt. Sogar die eigentlich für die Sänger reservierten Plätze waren belegt, so dass die Windsbacher während der Orgelstücke, die von Johannes Balbach gespielt wurden, auf den Altarstufen Platz nehmen mussten. „Wie das dann alles geklappt hat, auch die Choreographie während des Konzerts, das war mal wieder beeindruckend“, sagt Veronika Miethke. Und für den Gatten und die Söhne wird das Konzert sicherlich ein kleines Déjà-vu gewesen sein, wenn auch unter anderer Leitung.
 
Noch ist die Erinnerung an das Gehörte frisch; und so, wie davon geschwärmt wurde, wird sie wohl noch lange anhalten: „Die bekannten Werke wie den hundertsten Psalm von Mendelssohn hätte man am liebsten mitgesungen“, sagt Veronika Miethke – und zitiert damit zahlreiche ihrer Feiergäste, die ebenfalls über Chorerfahrung verfügen. Auch wenn es die „Veranstalter“ etwas schade fanden, dass „gar kein Bach“ dabei war, stieß die Auswahl von Werken fränkischer Komponisten der Reformationszeit durchaus auf Interesse.
 
Was sich im Vergleich zu früher überhaupt nicht geändert habe, sagt das Ehepaar unisono, sei die konstante Klangqualität: „Diese Perfektion und Wahnsinnskonzentration, die man da vorgeführt bekommt – das ist auch für das eigene Singen durchaus eine Motivation.“ Aus diesem Erlebnis habe man „unheimlich viel mitgenommen“. Als neue Facette im klanglichen Konterfei des Chores benennt Veronika Miethke allenfalls „etwas mehr protestantische Nüchternheit“.
 
„Ergriffen bis zum Ende“
Das Konzert selbst war für alle, besonders aber für die Gastgeber, ein besonderes Erlebnis: „Wir wollten uns erheben lassen“, erzählt Veronika Miethke. Und das ist dem Knabenchor offenbar gut gelungen: Als man später zuhause mit Familie und Freunden feierte, sei das Gespräch immer wieder auf das musikalische Erlebnis gekommen. Und ausnahmslos alle, selbst diejenigen, die sich als eher kirchenfern bezeichnen würden, seien von der Interpretation der geistlichen Texte und der chorischen Leistung der Windsbacher tief beeindruckt gewesen: „Ergriffen bis zum Ende“, wird die „gesammelte und gleichzeitig gelöste Atmosphäre“ beim anschließenden Zusammensein beschrieben. Auch Jürgen Miethke spürte bei vielen eine tiefe Dankbarkeit und Begeisterung, dass das Konzert in diesem Rahmen stattfinden konnte. „Ohne das wäre dieser Tag bestimmt nicht so schön gewesen“, sind sich die Jubilare sicher.