„Hier wird Verkündigung lebendig“

NÜRNBERG (12. Oktober 2018). Der Crêpes-Stand vor der Lorenzkirche dürfte an diesem frühen Abend das Geschäft der Woche machen: Lange bevor sich um 18.15 Uhr die Kirchenpforten für die Besucher der Lorenzer Motette öffnen, zieht sich eine Schlange bis etwa 50 Meter nach dem Tugendbrunnen. Es wird voll werden. Denn es ist mit der 500. eine besondere Motette.

Die Neugier der Wartenden ist groß. Die Zeit vertreiben sich viele, indem sie das schön gestaltete Programmheft studieren. „500 Motetten, 63 Jahre, drei Chorleiter“ – unter dieser Überschrift erfährt der Leser einiges über diese besondere Form des Gottesdienstes: Am 18. Juni 1955 fand die erste statt; Chorleiter Hans Thamm kam als früherer Kruzianer aus der Tradition der wöchentlichen Vespern und begründete auf Anregung von Pfarrer Gerhard Kübel die „Lorenzer Motette“, die damals noch monatlich, samstags und mit Übernachtung der Choristen bei Gasteltern stattfand.
 
Arbeitsrhythmus und Freizeitgestaltung der Bevölkerung änderten sich, man wechselte auf den Freitag, die Akzeptanz blieb. Heute gehört die Lorenzer Motette für unzählige Menschen in und um Nürnberg zum festen Termin. Und um ein Grußwort von Claudia Voigt-Grabenstein während des Empfangs, der sich an die Motette anschloss, zu zitieren: Es kommt zuweilen zu emotionalen Auseinandersetzungen um die Sitzplätze der stets bis auf den letzten Platz besuchten Kirche.
 
Um 18.15 Uhr öffnen sich endlich die Tore, der Mann am Crêpes-Stand packt zusammen. In einer Dreiviertelstunde füllt sich St. Lorenz erneut – zahlreiche Gäste sitzen auf Stufen oder stehen. Und alle applaudieren, als die Windsbacher mit Chorleiter Martin Lehmann einziehen. Die Knaben singen von vorne, nicht von der Orgelempore in schwindelnder Höhe. Dort hatte Martin Lehmann übrigens seinen allerersten Auftritt als damals neuer Dirigent der Windsbacher absolviert – am 9. März 2012. Damals wie heute ist Matthias Ank an der Orgel zu hören.
 
Vielfältiges Programm
Den Anfang macht Johann Sebastian Bach mit der Phantasie G-Dur (BW 572). Dann erklingen zwei orgelbegleitete Stücke aus dem „Messiah“ von Georg Friedrich Händel, den die Windsbacher zu Weihnachten mehrmals (in Nürnberg am 17. Dezember in der Friedenskirche) aufführen werden. Noch steht der Chor am Anfang des Schuljahres: die Plätze der abgegangenen Abiturienten mussten neu besetzt werden, Knabenstimmen haben sich in den Stimmbruch verabschiedet – doch von alldem ist nichts zu hören.
 
Das Programm der Motette ist vielfältig: „Also hat Gott die Welt geliebt“ von Heinrich Schütz, „Schaffe in mir Gott ein reines Herz“ von Johannes Brahms, „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, „Exsultate Deo“ von Alessandro Scarlatti, „Os justi“ von Anton Bruckner, „Jesus und Nikodemus“ von Ernst Pepping und das „Abendlied“ von Josef Rheinberger, dazu der „Windsbacher Psalm“ 149 („Ein neues Lied singt dem Herrn“) von Emmanuel Vogt für Männerchor und im Wechsel mit der Gemeinde das Wochenlied: „Herr Christ der einig Gott’s Sohn“. Kein Orchester, keine großartige Feierstunde: Bewusst ist die 500. eine Motette wie jede andere auch. Denn hier steht die Verkündigung in Wort und Musik im Vordergrund, man wohnt einem musikalischen Gottesdient bei, keinem Konzert. In den Redebeiträgen wird das später mehrfach unterstrichen.
 
Von Routine keine Spur
Vor allem in den A-cappella-Stücken begeistert der Chor mit seiner faszinierenden Piano-Kultur: Während Bruckners „Os justi“ ist tatsächlich kein Hüsteln, kein Rascheln zu vernehmen. Martin Lehmann spielt elegant mit der Dynamik und überrascht mit immer wieder neuen Deutungen altbekannter Werke. Wie oft wohl wurde „Jauchzet dem Herrn“ hier schon gesungen? Doch von Routine keine Spur.
 
„Der Windsbacher Knabenchor ist für mich ein Botschafter des Evangeliums, ein Öffner der Herzen, der Menschen tief berührt und sie mehr anspricht als manche Worte es vermögen“, schreibt Heinrich Bedford-Strohm als Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, dem Träger des Windsbacher Knabenchores im Programmheft. Gleiches empfindet seine ständige Vertreterin, die Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler. Ihr bewegtes und bewegendes Grußwort ist in einem eigenen Beitrag im Wortlaut nachzulesen.