Musikalische Reformation in Franken

WINDSBACH (16. Mai 2017). Was war noch mal 1517? Ach ja: Der katholische Geistliche Martin Luther schlägt am 31. Oktober seine 95 Thesen an das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg und löst damit das aus, was wir heute, 500 Jahre später, als Reformation bezeichnen. Dabei ging es dem streitbaren Theologen anfangs eigentlich „nur“ darum, eine Diskussion um den Ablasshandel zu entfachen – alles andere ist Geschichte.
 
Was geschieht 1517 noch? Die islamischen Pilgerstätten Medina und Mekka gelangen unter osmanische Herrschaft. Erasmus von Rotterdam verfasst seine vielfach gelesene und gelobte pazifistische Hauptschrift „Die Klage des Friedens“. In München endet die Pest und der Zürichsee friert komplett zu. Erzbischof Albrecht von Brandenburg hat das Bistum Mainz gemeinsam mit dem Bischofssprengel Magdeburg auf Pump erworben und braucht Geld zur Rückzahlung des Darlehens; dafür zieht der Dominikaner Johann Tetzel als Ablassprediger durch die Bistümer Magdeburg und Halberstadt. Auch Gemeindeglieder aus Wittenberg, wo Martin Luther als Prediger und Seelsorger wirkt, bleiben der Beichte dort fern und erwerben in den benachbarten Städten lieber Ablassbriefe. Womit man wieder bei der Reformation angelangt wäre – 2017 kommt man an ihr eben nicht vorbei, wenn man an 1517 erinnert.
 
Fruchtbarer Boden
Auch musikalisch hat die Reformation merkliche Spuren hinterlassen. Unter anderem in Franken: Anfang des 16. Jahrhunderts steht die Reichsstadt Nürnberg im Zenit ihrer kulturellen Bedeutung. Namhafte Persönlichkeiten wie der Maler, Grafiker, Mathematiker und Kunsttheoretiker Albrecht Dürer setzen als Künstler, Gelehrte, Kaufleute und Drucker europaweit Maßstäbe. Die Nähe zum thüringisch-sächsischen Raum ermöglicht einen fruchtbaren Austausch von Ideen, schließlich bestehen zwischen den Augustinerklöstern vor Ort und in Erfurt schon seit langem enge Kontakte: Zusammen diskutiert man Luthers Idee einer Kirchenreform.
 
Schon früh hatte sich ein großer Teil der gebildeten Bürgerschaft Frankens zu diesem Gedankengut bekannt, während die politisch Verantwortlichen in den großen Städten und Fürstentümern eher zögerten und dem Kaiser folgten. Dennoch war die Reformation in weiten Teilen Frankens nicht mehr aufzuhalten: Nürnberg und die brandenburgischen Fürstentümer Ansbach und Kulmbach wechselten die „Fronten“.
 
In den Jahren nach der Reformation ging es darum, die neue Glaubenslehre in der liturgischen Form zu verankern, wobei man in Franken allzu große Neuerungen scheute. Statt Bildersturm einigte man sich in der Markgrafenschaft Brandenburg und der Reichsstadt Nürnberg 1533 auf eine gemeinsame Kirchenordnung, was bei den Reformatoren in Wittenberg auf Zustimmung stieß. Das gottesdienstliche Leben blieb dabei weitestgehend unangetastet und auch für die Kirchenmusik erst mal alles beim Alten. Man gab sich konservativ, doch tolerant: Das Lateinische war (noch) nicht verpönt, die Konfession des Komponisten spielte bei der Werkauswahl keine große Rolle.
 
Martin Luthers Reformationsideen hatten allerdings auch zum Ziel, dem niedrigen Bildungsstand in breiten Teilen der Bevölkerung zu begegnen: Hierzu wurde für den Schulunterreicht der „Kleine Katechismus“ verfasst; darüber hinaus sollten Lieder und Gedichte die Inhalte des Glaubens buchstäblich unters Volk bringen. Eine entscheidende Neuerung war daher die Entstehung deutschsprachiger Kirchenlieder, der Choräle; in der Folgezeit entstanden mehrere Gesangsbücher. Franken bot für diese Ideen einen besonders fruchtbaren Boden, wo sie weiterentwickelt wurden und den evangelischen Teil der Region bald zu einem Zentrum der lutherischen Lehre machten.
 
Festkonzert in Nürnberg
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war dies vor allem auch im Bereich der Kirchenmusik zu spüren. In Ansbach, Bayreuth, Coburg, Heilsbronn, Kulmbach oder Nürnberg wirkten zahlreiche Tonsetzer, die derzeit im Zentrum der Konzerte des Windsbacher Knabenchors stehen. Vor allem am 3. Juni, wenn die jungen Sänger gemeinsam mit dem Ensemble Wunderkammer und Gesangssolisten in St. Lorenz auftreten, kann das Publikum ein Stelldichein fränkischer Komponisten erleben, in dessen Zentrum Vertonungen der deutschsprachigen Luther-Choräle in verschiedenen Satzformen stehen: Johann Eccard, Melchior Frank, Hans-Leo Haßler, Erasmus Kindermann, Leonhard Lechner, Caspar Othmayr, Johann Pachelbel und Johann Staden, dessen Werk sich die erste CD der Windsbacher unter der Leitung ihres Dirigenten Martin Lehmann bereits 2015 widmete, werden hier zu hören sein.
 
„Für die Windsbacher ist die intensive Beschäftigung mit Werken fränkischer Komponisten des Reformationsjahrhunderts und somit ein musikalischer Ausflug in die Endphase der Renaissance und den Beginn des Frühbarock eine großartige Herausforderung“, verspricht der Chorleiter einen musikalischen Hochgenuss abseits ausgetretener Repertoire-Pfade: „Ein Solistenensemble sowie historische Instrumente wie Gambe, Theorbe und Altposaune harmonieren hier mit hellen Knaben- und jungen Männerstimmen.“ Ob doppelchörig oder aufgefächert in Haupt-, Fern- und Echo-Chor – die Spanne reiche von kammermusikalischer Besetzung bis zu groß besetzten, prachtvollen Vertonungen: „Klagende Melismen wechseln mit üppigem Vollklang und polyphoner Motetten-Stil des 16. Jahrhunderts trifft auf venezianische Mehrchörigkeit.“
 
Seinen klangvollen Beitrag zu den Jubiläumsfeierlichkeiten „500 Jahre Reformation“ leistet der Windsbacher Knabenchor mit einem Festkonzert am 3. Juni um 20 Uhr in St. Lorenz. Neben dem Ensemble Wunderkammer sind dann auch Isabel Jantschek (Sopran), Yosemeh Adjei (Altus), Tobias Mäthger (Tenor) und Felix Schwandtke (Bass) zu hören. Karten und Reservierungen hier.