Musiker mit Taktgefühl

WINDSBACH (2. April 2019). Cool ist das Wort, das einem zum Künstler einfällt, mit dem der Windsbacher Knabenchor für seine neue CD und Konzertauftritte (unter anderem 2020 in der Hamburger Elbphilharmonie oder um die diesjährige ION zu eröffnen) zusammenarbeitet: Simone Rubino. Dabei ist das Spiel des Perkussionisten alles andere: nämlich eher hot.

 
Schon als man im November 2018 das Magazin der Süddeutschen Zeitung durchblätterte, für das die Fotografin Ulrike Myrzik und ihr Kollege Manfred Jarisch den Perkussionisten Simone Rubino seine Kunst auf diversen Küchengeräten vorführen ließen, ahnte man es – spätestens seitdem man im Internet das bislang vielfach angeklickten Video gesehen hat, in dem der Schlagwerker zusammen mit den Jungs vom Knabenchor in der Küche des Sängerinternats Dasselbe machte, weiß man es: Bearbeitet man zuhause mit dem Rührlöffel den Topfboden oder schabt mit dem Schneebesen über den Schüsselrand, hat das sicherlich einen gewissen Rhythmus – doch es klingt einfach nicht so gut wie bei Simone Rubino.
 
Es geht um den Geist
Es hat also seinen guten Grund, weswegen man selbst nicht von Martin Lehmann für die jüngste CD-Produktion des Windsbacher Knabenchors angefragt wurde, sondern eben der gefeierte Perkussionist. Erneut lernen die jungen Sänger mit dem gebürtigen Italiener einen besonderen Solokünstler kennen. Und dass hier die Chemie stimmt, zeigt nicht nur das erwähnte Video, sondern auch die Stimmung während der Aufnahmen für die neue CD der Windsbacher. Auf ihr geht es um den Geist, um den mit der Motette von Johann Walter gebeten wird, von dem Johann Sebastian Bach überzeugt ist, er helfe unsrer Schwachheit auf oder in dessen Hände Emmanuel Vogt die Sänger von Psalm 31 befiehlt. Fünf Solostücke singt der Chor, Simone Rubino steuert Werke des chinesischen Komponisten Tan Dun bei und musiziert auch gemeinsam mit dem Chor.
 
Ein spannendes Programm also – mit einem ebensolchen Künstler, der von Publikum und Presse gleichsam gefeiert wird. „Wie er die verschiedenen Schlagwerke überblickt, bearbeitet, bespielt und liebkost, könnte man den Eindruck gewinnen, Rubino entlocke einem Orchester alle nur möglichen Klangfarben“, schreibt die Neue Zürcher Zeitung und der Tagesspiegel aus Berlin fragt: „Was soll man mehr bewundern: die unglaubliche Beweglichkeit, mit der er rasende Wirbel auf Trommeln, Tomtoms und Bongos entfacht, Klanghölzer klirren lässt oder am Xylophon entlangtanzt?“ Die Süddeutsche Zeitung resümiert, Rubino habe in einem Konzert „nicht nur seine enorme technische Präzision bewiesen, sondern auch die Fähigkeit, musikalische Erlebnisse zu schaffen.“
 
Schlagzeug statt Klarinette
Oft ist es gut, wenn Kinder nicht ihren Willen bekommen – zuweilen auch, wenn es Eltern so geht: Die Mutter von Simone Rubino wünschte sich eigentlich, dass ihr Filius wie sie einmal Klarinette spielen sollte, doch schon nach zwei Wochen wurde das Instrument gewechselt, ab da Schlagzeug gelernt. Eine gute Wahl, wie sich schon bald zeigte. Bis heute hat sich der 25-jährige Künstler offenbar eine kindliche Neugier bewahrt und ist immer auf der Suche nach neuen Klängen. Was durchaus zu kuriosen Erlebnissen führt: In einer Filiale einer großen schwedischen Möbelhaus-Kette beispielsweise zog er seine Schlägel aus der Tasche und testete den Klang von Salatschüsseln. Auf kritische Nachfragen von Kunden outete sich Rubino freimütig als „verrückter Schlagzeuger“, erzählt er.
 
Rubino trägt übrigens bei jedem Konzert rote Schuhe – einen kleinen Spleen muss schließlich jeder haben, auch wenn sich der Italiener durch seine Kunst von anderen Exzentrikern wie beispielsweise dem orgelspielenden Amerikaner Cameron Carpenter dann doch wohltuend abhebt. Natürlich ist Musik bei ihm ebenfalls Show – wie auch nicht bei einem so faszinierenden Instrumentarium wie Schlagwerk. Doch wer in die von Rubino erzeugten Klangwelten eintaucht, erlebt Besonderes. Beispielsweise wenn er auf der CD „Immortal Bach“ das gleichnamige Werk (eigentlich ein Chorstück) von Knut Nystedt interpretiert oder auf dem Marimbaphon Bachs Cellosuite Nr. 3 spielt. Der Neue Merker findet dieses „mutige und spirituelle Musizieren schlichtweg phänomenal“.
 
„Man muss immer weiterdenken und Visionär sein“
Im Gespräch mit BR-Klassik sagt Rubino: „Man muss immer weiterdenken und Visionär sein. Natürlich ist es wunderschön, dass wir die Tradition behalten und sie weiterspielen. Das muss so sein. Aber gleichzeitig muss man die Neue Musik fördern, dass es weitergeht.“ Seine beim Label Genuin erschienene Debüt-CD – die Produktion mit den Windsbachern wird von Sony präsentiert werden – tut beides: „Wenn Komponisten wie Bach heute leben würden, dann würden sie mit Sicherheit das Marimbaphon wunderschön finden“, ist sich Rubino sicher. In der Tat kann man bei ihm (nicht nur) bei Bachs Cellosuite spannende, neue Seiten entdecken.
 
Lange Zeit hatte das Schlagzeug in der klassischen Musik eine eher untergeordnete Rolle – einzig in der Rockmusik oder natürlich im Jazz schenkte man ihm größere Solopartien, denke man nur an Künstler wie Phil Collins oder den großartigen Lionel Hampton. Simone Rubino schickt sich an, dies zu ändern, ist aus ihm doch selbst ein stilprägender Musiker geworden, wie Thomas Bärnthaler im Süddeutsche-Magazin schreibt. In diesem Beitrag vermutet der Perkussionist auch, dass es wohl noch 200 Jahre dauern werde, bis das Repertoire an Werken für Schlagzeug ähnlich groß sei wie das für Cellisten.
 
Mit den Windsbachern hat Rubino übrigens etwas gemeinsam: Auch er sang in jungen Jahren, damals im Kinderchor der Turiner Staatsoper; als Knabensolist stand er in der Mailänder Scala auf der Bühne. Am Konservatorium seiner Geburtsstadt hat er Schlagzeug studiert und wechselte von Turin dann nach München, um an der dortigen Musikhochschule bei Prof. Peter Sadlo, langjähriger Schlagzeuger unter Sergiu Celibidache, weiter zu lernen. Dem 2016 verstorbenen Mentor hat er auch seine Debüt-CD gewidmet.
 
Dem Schlagzeug „das Singen beibringen“
Erst als er mit elf Jahren am Konservatorium anfing (wo er mit 16 den Abschluss machte), bemerkte Rubino, dass zum Schlagzeug noch mehr Instrumente gehören als das Drumset. Vor allem schätzt er das Vibraphon und das Marimbaphon, die melodiösen Vertreter der Schlaginstrumente. Aber auch den anderen in dieser Gruppe wolle er mit seinem Spiel „das Singen beibringen“. Noch heute, erzählt er, singe er beim Üben oder Komponieren eine Melodie erst, bevor er sie versuche zu spielen: „Man spielt anders, vielleicht gefühlvoller, wenn man weiß, wie man sie singen würde.“ Außerdem sagt er: Schlagzeug ist nicht nur Sport, es kann auch Gesang und Tanz sein.“ Auf der CD mit dem Windsbacher Knabenchor wird man beides hören können.