Kühler Grund und Lindenbaum

WINDSBACH (27. Juni 2015). Nein, die Musikwelt feiert keinen runden Geburtstag des Komponisten und Musikpädagogen Friedrich Silcher, aber heute vor 226 wurde er geboren – und starb am 26. August 1860; man würde heuer also seines 155. Todestags gedenken. Aber Silcher spielt im Volkslied-Repertoire der Windsbacher eine wichtige Rolle, weswegen er hier anlässlich seines Geburtstags mit einem kleinen Portrait näher vorgestellt wird.

Geboren wurde Friedrich Silcher 1789 als Sohn des Lehrers Karl Johann Silcher in Schnait im schwäbischen Remstal. Im Alter von 14 Jahren trat er bei Ferdinand Auberlen in Fellbach eine Lehrstelle als Schulknecht an. Auberlen war selbst ein guter Musiker und wurde als Arrangeur von Männerchören geschätzt. Nach dem Ende seiner dreijährigen Ausbildung fand Silcher in Schorndorf eine Anstellung als Hauslehrer der Familie des Freiherrn Joseph von Berlichingen und wechselte 1809 als Pädagoge an die Ludwigsburger Mädchenschule.

 
Unterricht bei Mozart-Schüler Hummel
Ludwigsburg, heute für seine ausladende Schlossanlage berühmt, war seinerzeit Fürstenresidenz. Hier lernte Silcher die pädagogischen Ideen Johann Heinrich Pestalozzis kennen und traf auf die Komponisten Carl Maria von Weber und Conradin Kreutzer, die von seinem Talent beeindruckt waren und ihm empfahlen, die Musik zu seiner Lebensaufgabe zu machen. Nachdem Kreutzer, bei dem Silcher wie bei Johann Nepomuk Hummel Unterricht in Komposition und Klavierspiel hatte, nach Stuttgart gezogen war, folgte ihm der Schüler und verdingte sich fortan als Musiklehrer. Während seines zweijährigen Aufenthalts in Stuttgart wohnte er beim Klavierfabrikanten Johann Lorenz Schiedmayer und wandte sich vor allem der Musik Wolfgang Amadeus Mozarts zu.
 
Mittlerweile schreiben wir das Jahr 1817, in dem Silcher zum Musikdirektor der Eberhard-Karls-Universität Tübingen berufen wurde. Hier machte er sich rasch einen Namen als ausgezeichneter Musikpädagoge. 1821 begann Silcher öffentlich mit Tübinger Studenten zu konzertieren, ein Jahr später heiratete er die Kaufmannstochter Luise Enslin, die ihm zwei Töchter und einen Sohn schenkte.
 
Förderer der Kirchen- und Schulmusik
Inspiriert durch die Bekanntschaft mit dem Schweizer Komponisten und Musikpädagogen Hans Georg Nägeli setzte sich Silcher für die Förderung der Kirchen- und Schulmusik sowie die musikalische Volksbildung in Württemberg ein, was 1829 in die Gründung der Tübinger Akademischen Liedertafel und 1839 des Oratorienvereins Tübingen mündete. Beide Bünde leitete Silcher bis zu seinem Tod im Jahr 1860. Acht Jahre zuvor hatte ihm die Universität den Doktortitel verliehen und am 8. Juni 1857 ernannte ihn der Schwäbische Sängerbund anlässlich des Tübinger Liederfests zum Ehrenmitglied.
 
Keine Frage: Silcher, der zwölf Hefte mit 144 Volksliedern für Männerchor und acht Volksliederhefte für ein und zwei Singstimmen veröffentlichte, prägte die Chormusik im 19. Jahrhundert weit über seine baden-württembergische Heimat hinaus. Der Historiker Rudolf Veit, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Silcher-Museums in Schnait, weiß zu berichten, „dass die Silcherschen Lieder, angefangen von den untersten sozialen Schichten, den Handwerkern und den Gassenjungen bis hin in die Adelshäuser, die Königshäuser hinein gesungen wurden. Es ist bekannt, dass zum Beispiel Königin Victoria von England Silcher sehr geschätzt hat.“ Vor allem sein Lied ‚Jetzt gang I ans Brünnele‘ habe ihr ein Chor im Buckingham Palast mehrfach vorsingen müssen.
 
Musiktheoretische Schriften
Auch der frühere Künstlerische Leiter des damaligen Südfunk-Chors (heute SWR-Vokalensemble), Hermann-Josef Dahmen, erforschte Silchers Werk und betonte dessen musikpädagogisches Wirken, denn der Komponist von „Ännchen von Tharau“, „Die Lorelei“, oder „Muß i denn zum Städtele hinaus“ war auch Verfasser theoretischer und erzieherischer Schriften wie Gesangslehren für Volksschulen und Chöre. In einem Interview unterstrich Dahmen, aus dessen Feder die Biografie „Friedrich Silcher – Komponist und Demokrat“ stammt: „[Zu seiner Leistung] gehören auch Theoretika, seine Harmonielehre, seine Kompositionslehre, seine Geschichte der Kirchenmusik, seine Gesangslehre.“ Dies dokumentiere Silcher „als einen musikwissenschaftlich ernstzunehmenden Mann“ und nicht als „Liedermacher, wie er immer so gerne dargestellt wird“.
 
Beeinflusst vom A-cappella-Ideal der altklassischen Vokalpolyphonie und orientiert an Komponisten wie Mozart, Beethoven, Schubert und Mendelssohns hat Silcher hunderte Werke geschaffen. Er war Mitherausgeber des „Allgemeinen Deutschen Commersbuches“, einer Sammlung studentischer Gesänge, und veröffentlichte Anthologien deutscher Lieder. Bekannt ist Silcher heute in der Hauptsache für seinen weltlichen Chorgesang der Romantik. Diese Werke gehören heute zum festen Repertoire von Gesangvereinen und Chören. Auch seine geistlichen Vokalsätze sind bei vielen Ensembles aufgrund ihrer wirkungsvollen Klangfarben beliebt. Denn wie bei einem Choral Johann Sebastian Bachs besticht auch bei den Silchersätzen die Schönheit des Einfachen und Schlichten.
 
Das merkt man, wenn die Männerstimmen der Windsbacher im weltlichen Teil des aktuellen A-cappella-Programms den vierstimmigen Chor „Wohin mit der Freud“, den von Silcher auf eine Melodie von Franz Schubert arrangierten „Lindenbaum“ und natürlich vor allem das vierstimmige „In einem kühlen Grunde“ intonieren. Wer die jungen Männer in einem der Konzerte hört, vergisst schnell, dass der Komponist vor bereits mehr als 150 Jahren das Zeitliche gesegnet hat: Den Windsbacher Männerstimmen gelingt eine derart einfühlsame Wiedergabe, dass sämtlicher „Staub“, der sich in den Dekaden auf den Partituren angesammelt haben mag, sanft weggeblasen wird.