Singen wollen!

WINDSBACH. Castings und Jurys haben derzeit Konjunktur: Landauf landab werden Superstars und -talente, Popsternchen und vermeintliche Showgrößen gesucht. Gefunden freilich selten. Anders in Windsbach, wo sich zu den Eignungsprüfungen Knaben einfinden, um Chorleiter Karl-Friedrich Beringer und sein Team mit zwei Dingen zu überzeugen: einer guten Stimme und dem Willen, diese auch zu benutzen.
 
Der erste von zwei Durchläufen der alljährlich stattfindenden Eignungsprüfungen für den Windsbacher Knabenchor liegt hinter der Mannschaft um Chorleiter Karl-Friedrich Beringer. Zwar war die „Ausbeute“ diesmal nicht besonders ergiebig – von zehn Kandidaten waren nur zwei letztendlich „sehr gut geeignet“ –, doch erwies sich einzig ein Proband als tatsächlich ungeeignet. Vielen wurde hingegen ein Probejahr ans Herz gelegt oder empfohlen, einfach mal für ein paar Tage „reinzuschnuppern“.
 
„Wir hatten hier schon ganz tolle Sänger, die uns echt beeindruckt haben. Und als sie dann hier waren, ging’s irgendwie nicht weiter“, erinnert sich Beringer in der Bewertung der Ergebnisse dieser Eignungsprüfung. Mit zwei Dingen hat der Chorleiter zu kämpfen: Verglichen mit früheren Jahren ist das musikalische Niveau allgemein spürbar gesunken und die Kinder zeigen immer gravierendere Konzentrationsschwächen.
 
Das merkt der Dirigent auch am Tag der Eignungsprüfung: Nachdem die Jungen zwei Lieder ihrer Wahl vorgesungen haben, wird das Gehör getestet. Beringer spielt eine kurze Tonfolge – ein Dreiklang, mal in Dur, mal in Moll, eine Melodie en miniature, mal leicht, mal anspruchsvoll – vor, die der Knabe nachsingen soll. Karl-Friedrich Beringer erkennt schnell, welchen Maßstab er anlegen kann. Manchmal klappt es ausgesprochen gut, manchmal wundert man sich, warum partout andere Töne als die Vorgespielten nachgesungen werden....
 
An diesem Sonntag, dem letzten der bayerischen Faschingsferien, kommen Knaben aus Abenberg, Ansbach, Wolframs-Eschenbach, Leutershausen, Weißenstadt, Schwaig sowie Neumarkt. Und Adrian aus München. Er ist der erste und setzt gleich Maßstäbe: Adrian spielt Klavier und Schlagzeug. Er singt gerne und will unbedingt Windsbacher werden. Der Tipp kam übrigens von Sänger Christian Gerhaher, einem Bekannten der Familie – und gelegentlichem Solist bei Konzerten der Windsbacher.
 
Adrian tritt ohne Scheu ans Klavier, wo ihn Chorleiter Beringer grinsend empfängt – als würde er ahnen, welches Talent er gleich zu hören bekommt: „Sing einfach mal so“, lädt er ein und Adrian stimmt sicher und begeistert an: „Freu Dich doch“ heißt ein Lied, das andere „Schau Dir den Himmel an“. Mit einem beeindruckenden Selbstbewusstsein singt der Neunjährige. Die anderen Anwesenden stören ihn nicht. Aufgeregt sind hier höchstens die Eltern: „Ich bin ein bisschen beklommen“, gibt die Mutter zu und der kleine Bruder weiß noch nicht so richtig, ob er Adrian wirklich die Daumen drücken soll, Windsbacher zu werden.
 
Adrian singt. Und er singt gut: Mit dem Fuß wippt er im Takt, trifft Oktaven punktgenau und scheint eine Liedzeile richtig wörtlich zu nehmen: „Gib‘ Dir einen Ruck und dann geht’s ruck-zuck.“ Karl-Friedrich Beringer ist äußerst angetan von Adrians Stimme: „Zuerst will ich immer schauen, ob die Stimme gesund ist, ob sie kräftig oder eher zart ist. Und Du hast eine sehr gute Stimme. Jetzt teste ich mal Dein Gehör.“ Und zwar gleich richtig: Anstatt eine einfachen Tonfolge vorzuspielen, geht der Chorleiter aufs Ganze und gibt recht komplizierte Melodien zum Nachsingen – für Adrian allerdings kein Problem. Auch beim Ausloten von Höhe und Tiefe beeindruckt der kleine Münchner den „Chef“ – vielleicht ja in spe: „Ich denke Du bist ein toller Alt, denn Du kommst ja richtig tief – es gibt Tenöre, die schaffen das nicht.“
 
Die einzige, die sich nicht so ganz über das glänzende Abschneiden von Adrian freuen mag, ist seine Mutter. 180 Kilometer bis nach Hause sind natürlich auch kein Pappenspiel. Aber auch Adrians Bruder freut sich jetzt über das tolle Ergebnis, das der Chorleiter mit den Eltern jetzt in Ruhe bespricht. Denn was ist mit dem Instrumentalunterricht? Werden die Jungen auch zum Üben angehalten? Beringer kann hier beruhigende Antworten geben und es scheint fast, als könnten die Windsbacher ab September einen neuen Alt in ihren Reihen begrüßen.
 
Als kleine Belohnung für die Teilnahme an der Eignungsprüfung hat die Küche in Windsbach leckere Notenschlüssel gebacken, die Chormutter Ulrike Sauerbier, die an diesem Tag im Foyer des Chorzentrums als Empfangsdame wirkt, augenzwinkernd als „Nervennahrung“ überreicht. Im Anschluss trifft sich Adrians Familie mit Internatsdirektor Thomas Miederer, der ihnen vom Leben eines Sängerknaben im Internat erzählt und alles, was damit zusammenhängt, bespricht. Erziehungsleiter Alfred Frosch führt die Gäste anschließend durchs Internat und zeigt, wie es sich als Windsbacher so lebt.

In der Zwischenzeit sind anderen Jungs an der Reihe – mal mehr, mal weniger aufgeregt. Alle bekommen von Karl-Friedrich Beringer die gleiche Frage gestellt – und zwar bevor sie den ersten Ton gesungen haben: „Singst Du gerne?“ Berücksichtigt man die Nervosität der Kinder an diesem Tag, kann auch ihre Antwort auf diese Frage bereits ein Indiz dafür sein, ob sie sich als späterer Windsbacher eignen.
 

Der letzte, der sich an diesem Tag vorstellt, ist der zehnjährige Moritz, der trotz einer starken Erkältung angetreten ist. Er singt gerne und Beringer hört hinter dem schnupfenbedingten Kratzen „eine sehr schöne Stimme“. Auch er bekommt Töne vorgespielt, die er nachsingen soll: „Ich versuche damit, Dein Gehör durcheinander zu bringen und Du musst aufpassen, dass ich das nicht schaffe.“
 
Beim einen lässt hier die Konzentration rasend schnell nach, ein anderer tastet sich eher mühsam an die Töne heran, beim Dritten merkt man, dass der Stimmbruch zu nahe ist, ein Vierter hat Defizite beim Gehör, die sich jedoch mit viel Arbeiten ausgleichen lassen. Moritz aber hat es ebenfalls geschafft – er ist „geeignet“ und geht daher vielleicht demnächst in Windsbach zur Schule.
 
Nach dem Vorsingen heißt es für alle Teilnehmer, einen Familienrat abzuhalten – je nachdem, wie die Eignungsprüfung bestanden wurde. Von denen, die „sehr gut“ oder „gut geeignet“ sind, hoffen die Windsbacher natürlich, dass sie sich gemeinsam mit ihren Eltern und Geschwistern für den Knabenchor entscheiden.
 
Aber auch diejenigen, denen ein Probejahr vorgeschlagen wurde, sind natürlich ebenso herzlich willkommen. Denn genauso, wie sich ein scheinbarer Star im Nachhinein als Durchschnitt entpuppen kann, konnten auch Sänger, die anfangs ein „bedingt geeignet“ im Bogen der Eignungsprüfung stehen hatten, zu stimmlichen Höhenflügen ansetzen: „Das hat es alles schon gegeben“, blickt Karl-Friedrich Beringer auf über 30 Jahre Erfahrung als Dirigent der Windsbacher zurück.
 
Begabte Knaben, die sich für den Windsbacher Knabenchor interessieren, sind auch außerhalb der offiziellen Eignungsprüfen herzlich eingeladen, sich in Windsbach vorzustellen. Weitere Informationen erteilt gerne das Chorbüro telefonisch unter 09871 708200 oder per Mail (chorbuero@windsbacher-knabenchor.de).
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