Wann darf ich endlich „nach oben“?

WINDSBACH. Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Und vor das Singen im Windsbacher Knabenchor die Chorvorbereitung. Sie liegt in den Händen von Elke Zimmermann, die diese Aufgabe mit Leidenschaft und einer ansprechenden Mischung aus Disziplin und humorvoller Freundlichkeit erfüllt.
 
Pünktlich um 17 Uhr schließt sich die Tür des kleinsten der drei Probensäle im Windsbacher Chorzentrum: zur Chorvorbereitung. Der genaue Blick auf die Uhr hat zwar noch nichts mit dem Singen zu tun, aber auch der richtige Umgang mit der Zeit will geübt und gekonnt sein – das ist wichtig, denn auch im Chorgesang sollte man keine Achtel zu spät einsetzen. Zwischen 25 und 40 Jungen im Alter zwischen neun und zehn Jahren besuchen jede Woche vier Mal für zwei Stunden die Chorvorbereitung von Elke Zimmermann, bis sie „nach oben gelassen werden“.
 
Und während ein Stockwerk höher Bachs Passionen oder Mendelssohns Motetten geprobt werden, erlernen die „Neuen“ hier erst einmal die Grundbegriffe der Musik. Natürlich ebenfalls singend: Blanke Theorie ist den Kindern erfahrungsgemäß ein Gräuel – eine Einschätzung, die auch Elke Zimmermann teilt. Daher arbeitet die Musikpädagogin und Bildende Künstlerin auch stets praxisbezogen: Statt reiner Tonsilben werden schon mal Automarken oder Figuren aus „Harry Potter“ besungen – was den Chorknaben in spe eben gefällt.
 
Hier gibt es „Zeiten des Redens“ und solche des Schweigens. Hier wird geachtet auf die richtige Körperhaltung beim Singen, das entspannte Atmen, die „Stütze“ – sich selbst als Teil des Ganzen begreifen, obwohl man sich doch voneinander unterscheidet: Fast „nebenbei“ lernen die Schüler das richtige Verhalten im großen Ensemble.
 
Zwar kommt es durchaus mal vor, dass ein Sänger bereits über genügend  Chorerfahrung und Stimmbeherrschung verfügt und gleich im Probenchor die „richtige“ Literatur einstudieren darf. Aber oft begegnet Zimmermann bei den Knaben, die das Vorsingen mit den Prädikaten „sehr gut“ bis „geeignet“ absolviert haben, einem „Wust von kindlichen Eindrücken“, den sie binnen eines Jahres zu einem Chorklang formen soll.
 
Chorklang? Richtig gehört: Denn auch in der Chorvorbereitung wird natürlich gesungen. Und zwar nicht nur auf Tonsilbe und unisono. Schon recht bald konfrontiert Zimmermann ihre jungen Schüler mit zwei- oder sogar dreistimmigen Sätzen, die jedes Jahr zu Weihnachten dann auch in kleinen Konzerten zur Aufführung gelangen. Zwar weiß das Publikum dann um den Status des kleinen Chores, den sie dann erleben dürfen, doch muss das ganze laut Zimmermann „Hand und Fuß haben“ – schließlich tritt man auch als Chorvorbereitung bereits unter dem „Label Windsbach“ auf.
 
Ein Probenwochenende im November, zu dem die Eltern der Schüler eingeladen werden, rundet die Vorbereitung auf die Weihnachtskonzerte ab: „Hier erfahren die Väter und Mütter, was ihre Kinder bewältigen und wie gearbeitet wird – vom Einsingen bis zum Proben einfacher Vokalliteratur“, erklärt die Chorleiterin.
 
Im vergangenen Jahr umfasste des Repertoire der Chorvorbereitungs-Konzerte immerhin 17 Weihnachtslieder, die bei neun Auftritten im einfachen Rahmen präsentiert wurden: „Für die Kinder ist das eine enorm wichtige Erfahrung“, berichtet Zimmermann: „Die haben mit diesen Konzerten einen Punkt im Auge, auf den sie hinarbeiten.“ Außerdem sei es in der dunklen Jahreszeit mit ihrem Matschwetter auch eine zusätzliche Motivation: Wie halte ich die Mappe richtig? Was bedeutet die Zeichensprache der Dirigentin vor dem Konzert? Wie funktioniert das mit dem richtigen Auftreten? Und vor allem: Komme ich eventuell nach Weihnachten „hoch“? Obwohl doch die Regelzeit in der Vorbereitung ein Schuljahr beträgt.
 
Zwar sind sich die Schüler der Chorvorbereitung durchaus des Niveau-Unterschieds zum großen Chor bewusst, verstehen ihr Arbeiten hier jedoch als Ansporn und entwickeln rasch eine selbstkritische Einstellung zur eigenen Leistung. Interessanterweise wollen sich die Kinder vom reinen Schul- oder Kinderchor-Singen bereits in der Chorvorbereitung oft bewusst distanzieren: „Die merken, wie schnell sich der Klang unterscheidet“, registriert Zimmermann fasziniert.
 
Ständig tauschen sich Karl-Friedrich Beringer, Zimmermann und die Stimmbildnerinnen und Stimmbildner aus, diskutieren Stand und Fortschritt jedes einzelnen kleinen Sängers. Auch die Schüler der Chorvorbereitung haben übrigens ab dem ersten Moment Einzelstimmbildung – und das ergibt mit den Proben bei Elke Zimmermann ein strammes Wochenprogramm.
 
In der Zeit der Chorvorbereitung verschafft sich die Chorleiterin also einen ersten Eindruck – und vermittelt ihren Sängern wiederum ein Bild davon, was sie später als „richtige Windsbacher“ unter dem Dirigat des „Chefs“ erwartet…
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