Klassische „Win-Win-Situation“

UNTERSCHWANINGEN (9. Juli 2017). Ein Open-air-Festkonzert anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Fördergesellschaft des Windsbacher Knabenchors im lauschigen Ambiente des Parks von Schloss Dennenlohe – und wenn ein Rezensent daran etwas hätte kritisieren wollen, dann wären das höchstens ein paar Regentropfen kurz vor der Pause gewesen.
 
 
Vor zehn Jahren standen die Jungs des Knabenchors schon mal auf der Bühne unter freiem Himmel – damals sangen sie und musikalische Gäste im Rahmen eines Benefiz-Konzerts für die Windsbacher. Gestern wie heute trat man vor ausverkauftem „Haus“ respektive Garten auf; und auch 2017 begrüßte die Fördergesellschaft den Chor und Ehemalige: den Sänger und Trompeter Yosemeh Adjei, das Ensemble Mixtur, die Puppenspieler Markus Dorner und Bernd Lang, das Carus-Quintett und Harmonia Vocalis. Mit einer Pause, in der man durch den Schlosspark spazieren konnte, erlebte das Publikum rund vier Stunden Konzert.
 
Moderiert wurde das Konzert ebenfalls von einem Ehemaligen: Clemens Nicoll ist seit 2007 Sprecher beim Bayerischen Rundfunk und daher prädestiniert für die Rolle des charmanten Conférenciers. Schon einige Male habe er im Radio den Windsbacher Knabenchor an- oder absagen dürfen: „Das ist immer ein tolles Gefühl, wenn man sich daran erinnert, hier mal selbst mitgesungen zu haben“, schwärmte Nicoll – und stimmte sozusagen ein Da-capo des Beruflichen an, indem er den Chor auf die Bühne bat.
 












Unter der Leitung von Martin Lehmann gratulierte der mit einem geistlichen Programm aus dem 100. Psalm sowie der Motette „Richte mich Gott“ von Felix Mendelssohn, Anton Bruckners „Os justi“, dem „Pater noster“ von Javier Busto, Alessandro Scarlattis „Exsultate Deo“ und Johann Pachelbels Motette „Gott ist unsere Zuversicht“, in der passend zum Reformationsjubiläum auch der Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ von Martin Luther erklang. Martin Lehmann hatte bereits im Grußwort des Programmhefts den Dank für die „großartige Unterstützung“ als Zeichen von Vertrauen, Verbundenheit und Freude an der Musik des Chores betont: „Aus der tiefen Dankbarkeit dafür wächst die Kraft und die Freude, diese Arbeit, dieses kostbare ‚musikalische Werk‘ Windsbacher Knabenchor fortzusetzen.“
 
Prominente Gäste
So stilistisch vielseitig das Programm der jungen Sänger, so bunt waren auch die Beiträge ihrer „Vorgänger im Amt“. Apropos: Unter den geladenen Ehrengästen fanden sich nicht nur Würdenträger aus Politik, Kirche und Gesellschaft, sondern auch Lehmanns Vorgänger Karl-Friedrich Beringer, der den Chor von 1978 bis 2011 leitete, sowie die Tochter des Gründers Hans Thamm, Maria Thamm-Kaufmann in Vertretung ihrer Mutter Adelheid.
 
Solistisch (und am Klavier von Stefan Hofmann begleitet) trat Yosemeh Adjei auf und musizierte auf der Trompete festliche Klänge von Georg Friedrich Händel sowie als Altus die Arie „Mio cor“ und das berühmte „Lascia ch’io pianga“ aus dem „Rinaldo“. Der Musiker überraschte dabei mit seinem Dankeschön an die Fördergesellschaft: „Sie haben mir das erste Jahr meines Trompetenunterrichts bezahlt.“ Und das war, wie man hören durfte, alles andere als eine Fehlinvestition.
 












Weihnachtslieder im Sommer
Das Ensemble Mixtur – Matthias Franz, Martin Hartnagel und Friedrich Custodio Spieser (Tenor), Clemens Nicolo und Michael Rapke und Tobias Wäschenfelder (Bariton) sowie David Reimann (Bass) – hatte sich nach dem Abitur am Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium Windsbach anfangs unter dem etwas sperrigen Namen „Gesangsensemble ehemaliger Sänger des Windsbacher Knabenchors“ für Weihnachtskonzerte zusammengefunden. Mittlerweile tritt man als Ensemble Mixtur auf und beweist, wie sehr die Musik das Leben der Choristen auch nach ihrer Zeit in Windsbach prägt. Im Gepäck hatte das Septett ulkigerweise Weihnachtslieder – allerdings fremdsprachige, so dass die Diskrepanz zu den hochsommerlichen Temperaturen nicht weiter auffiel.
 
Ein gut vorbereiteter Gag sorgte kurz für Unruhe: Eigentlich hatten die Sänger von Viva Voce, mittlerweile eines der führenden deutschen A-cappella-Pop-Ensembles, aufgrund anderweitiger Verpflichtungen als Gastgeber von „Lieder auf Banz“ und Auftritten im Rahmen des Schleswig-Holstein-Musik-Festivals absagen müssen. Von Clemens Nicoll dann aber dennoch angekündigt waren sie bereits zu hören – allerdings doch nur vom Band, wo sie der Fördergesellschaft sozusagen von unterwegs via Einspieler zum Jubiläum gratulierten.
 
Wiedersehen mit Freunden
Während der Pause, in der man sich stärken und die Füße vertreten konnte, gab es so manches Wiedersehen – nicht nur zwischen den Ehemaligen: Chorleiter, Chormütter, Eltern, Freunde – die Fördergesellschaft führte an diesem Abend alle zusammen. Und die Stimmung war, wie man von vielen Seiten zu hören bekam, noch mal intensiver und herzlicher als vor zehn Jahren.
 
Nach der Pause gab es dann Nostalgie pur. Markus Dorner und Bernd Lang, die einst als Windsbacher Puppentheater Kaspari für Furore sorgten, haben mittlerweile ihre eigenen Bühnen: Dorner (der auch das Museum für PuppentheaterKultur in Bad Kreuznach leitet) die „Dornerei“ in Neustadt an der Weinstraße und Lang (der für den Chor aktuell auch als Talent-Scout und Klangfänger unterwegs ist) das Fantasie-Theater in Kalchreuth. Gemeinsam traten sie unter anderem als Trio aus den Tenören Carreras, Domingo und Pavarotti auf, bezauberten mit einer Szene aus der fränkischen Version von Mozarts „Zauberflöte“ oder einem (wortwörtlichen) Katzengesang von Rossini.
 
Nostalgie pur
Das Carus-Quintett, gefeiert für seine Pflege des romantischen Männerchor-Gesangs, interpretierte bekannte Weisen wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder „In einem kühlen Grunde“; Reiner Geißendörfer und Robert Eller (Tenor), Harald Stark (Bariton) sowie Maximilian Benker und Michael Albert (Bass) begeisterten das Publikum wie vor zehn Jahren. Gleiches galt für die Sänger von Harmonia Vocalis – übrigens 1983 auf einer Brasilienreise der Windsbacher gegründet: Mit ihrem Klassiker „Kleiner Teddybär“ und mit einem Schlagermedley bewiesen sie, wie sehr sie von ihren großen Vorbildern, den legendären Comedian Harmonists, zu eigenen kreativen Songs inspiriert wurden. Das Publikum wollte die fünf befrackten Herren gar nicht mehr von der Bühne lassen.
 

 








Die betraten sie zum Finale dann noch einmal, nachdem der Windsbacher Knabenchor den Abend mit einem Volksliedprogramm beschloss. Gemeinsam mit allen Gästen intonierte man Silchers „Loreley“, ein besonderes Geburtstags-Ständchen und dann im großen Chorverband mit dem Publikum Mendelssohns „O Täler weit, o Höhen“, das man im Programmheft abgedruckt hatte.
 
Chor „schenkt“ 68 neue Mitglieder
Damit war zwar der stimmungsvoll-musikalische Teil des Abends zu Ende, doch als besondere Überraschung gab es zuvor noch ein Geschenk des Chores an die Fördergesellschaft. Statt ein „Fresskorb“ für den Vorstand oder ein schnell welkender Blumenstrauß sollte es etwas Nachhaltiges sein: 68 neue Mitglieder, die die Windsbacher Sänger im Familien- und Freundeskreis in den vergangenen Wochen und Monaten gewonnen hatten! Anvisiert waren dem Jubiläum entsprechend 50, doch man hatte sich selbst übertroffen: eine klassische „Win-Win-Situation“ also, denn auch die Einnahmen des Konzerts kommen ja den jungen Sängern zugute.
 
Applaus gab es an diesem Abend oft – vor allem auch für Gaby Haupt, die als Sekretärin der Fördergesellschaft gemeinsam mit Stefan „Wotan“ Hoffmann das Festkonzert mit organisiert hatte: eine Mammuttaufgabe, für die Jochen Heinzelmann als Vorsitzender herzlich dankte. Haupt hatte dem Vorstand übrigens im Vorfeld absichtlich eine niedrigere aktuelle Mitgliederzahl genannt, um die Überraschung nicht zu verraten – mit der Folge, dass man in der Mitgliederversammlung am Vormittag noch eine sinkende Zahl an Mitstreitern beklagt hatte. Zum Zeitpunkt der Übergabe des Geschenks zählte die Fördergesellschaft übrigens 860 Mitglieder.
 
Lobende Worte beim Festempfang
Dem Festkonzert vorangegangen war ein Empfang, bei dem Chorleiter Martin Lehmann und dessen Vorgänger Karl-Friedrich Beringer die Bedeutung der Unterstützung durch die Fördergesellschaft betont hatten. Lehmann sprach von einem „emotionalen Tag“, an dem er den Dank nicht nur qua Amt, sondern auch persönlich empfinde: „Ihre Unterstützung ist ein unermesslich großes Geschenk – nicht nur materiell, sondern als Bekenntnis.“ Die Gewährung von Stipendien, die Finanzierung von pädagogischen Kräften oder die vielfältige Unterstützung unter anderem der Chorreisen, die dafür sorgten, dass man auch international strahlen könne: „Das ist keine Selbstverständlichkeit“, unterstrich der Chorleiter.
 
Beringer gratulierte nicht nur der Fördergesellschaft, sondern vor allem dem Chor selbst, der sich glücklich schätzen könne, solche Freunde zu haben. Er erinnerte an frühere Vorsitzende, darunter an den ebenfalls anwesenden Dr. Wolfram Schneider, der sein Amt mit „sehr angenehmer Penetranz“ ausgeführt und dafür gesorgt habe, dass die Mitgliederzahl seinerzeit die Tausendermarke überschritten hatte. Eine Chorsekretärin, die Infrastruktur eines Büros, die anfängliche Finanzierung eines Chormanagers – das alles habe die Fördergesellschaft geleistet.
 
In seinem kurzweiligen Festvortrag berichtete Prof. Maximilian Liedtke, in früheren Jahren Lehrstuhlinhaber für Pädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg, dann über die Historie der Gesellschaft, die 1967 übrigens durchaus gegen die Widerstände von Kirche und Pfarrwaisenhaus ins Leben gerufen wurde. Köstlich war hier die Anekdote der Gründung im Nürnberger Gasthaus Fleischmann: Weil eine Person zu wenig anwesend waren, verpflichtete der Wirt, Vater eines Sängerknaben, kurzerhand einen Stammgast. Das Ergebnis feierte man im Folgenden dann ausgiebig und klangvoll nebenan im Park von Schloss Dennenlohe.