Für zwölf Monate die Seiten gewechselt

WINDSBACH (20. Februar 2017). Eine wichtige Stütze für die pädagogische Arbeit in Windsbach sind junge Menschen, die in diesem Bereich ihr freiwilliges soziales Jahr, kurz FSJ leisten. Und da sich viele Chorsänger vor Ort hier einfach pudelwohl fühlen, finden sich aus ihren Reihen auch immer wieder welche, die diese Aufgabe für zwölf Monate übernehmen wollen: wie Carl Boxberger (18).

Carl erinnert sich noch genau daran, wie er nach Windsbach gekommen ist: Zuhause in Bayreuth sang er mit seinen Geschwistern im Kinderchor der Gemeinde, der ein Musical aufführte. Dabei fiel der Chorleiterin die Stimme des Knaben auf. Und da diese die damalige Organistin in Windsbach und damit natürlich auch den Knabenchor hier kannte, machte sie den Vorschlag, sich das doch mal anzuschauen. Der Besuch einer Lorenzer Motette, eine Stippvisite im Internat auf der Durchreise in den Ferien, das Vorsingen und Probewohnen – alles begeisterte Carl, der seinem Nachnamen alle Ehre machen musste: Dass er bereits in der vierten Klasse nach Windsbach durfte, musste daheim erst mal durchgeboxt werden. Mit Erfolg: Im Jahr 2007 begann Carls Karriere im Sängerinternat, die er direkt nach seinem Abitur 2016 in anderer Funktion fortsetzte: als FSJler in der fünften Klasse.
 
Arbeiten auf Augenhöhe
Hier arbeitet er mit Erzieher Rainer Ohms zusammen – und das, so empfindet es Carl, direkt auf Augenhöhe. Dass er in der fünften Jahrgangsstufe eingesetzt ist, empfindet der als FSJler sehr hilfreich: „Hier sind die meisten neu und kennen mich nicht aus meiner Chorzeit.“ Anders als mancher Vorgänger im FSJ singt Carl auch nicht mehr im Knabenchor mit, denn auch das empfindet er als eher schwierig: im Internatsalltag als pädagogische Autoritätsperson und im Chor dann als Kumpel? Das geht in Carls Augen nicht zusammen. Wobei es den jungen Ehemaligen natürlich schon schmerzt, wenn der Chor demnächst wieder nach Spanien reist – ohne ihn. Hier überrascht Carl allerdings mit einer sympathischen Einsicht: Hätte er als „ältere“ Männerstimme natürlich einen festen Platz im Kader, gönnt er dies eher den Jüngeren: „Die Jahrgänge, die nach einem kommen, haben sich das verdient und wollen nun auch selbst „die Großen“ sein.“
 
An seine Zeit als aktive Sänger hat Carl die besten Erinnerungen: natürlich an die Musik, an die Konzerte, das anstrengende, aber eben auch erfüllende Proben, die Reisen – drei Mal war Carl in China und Spanien, er sang in Oslo und im vergangenen Jahr dann im Petersdom in Rom; in seiner Zeit als Windsbacher brachte er es auf rund 500 Konzerte! „Wenn ich abends im Bett liege, dann denke ich manchmal, was ich schon alles erlebt habe“, sagt Carl. Mit Windsbach verbindet er aber eben nicht nur die Musik: Es sind vor allem feste Freundschaften entstanden. Und auch mit Kameraden, mit denen man sich nicht auf Anhieb oder eben auch eher nicht so gut verstand, lernte er umzugehen – für das spätere Leben und vor allem den Arbeitsalltag (Carl überlegt, eine Laufbahn bei der Polizei einzuschlagen) sind das natürlich beste Voraussetzungen.
 
„Ich will jetzt was Sinnvolles tun!“
Einer seiner besten Freunde ist Jörg Scholkowski, ein älterer Sänger, der ebenfalls sein FSJ in Windsbach verbracht und hier zum Beispiel mit seinen Jungs einen Film gedreht hatte – daran erinnert sich Carl noch sehr gut und gerne. Nicht nur in seiner jetzigen Position ist er in die Fußstapfen seines Freundes Jörg getreten: Er wohnt während der Dienstzeit sogar im gleichen Zimmer wie der Vorgänger, der ebenfalls in der fünften Jahrgangsstufe gewirkt hat. Mit ihm unterhielt er sich auch über das FSJ, das für den 18-jährigen anfangs übrigens keine Option war: Nach dem Abitur wollte er seinen Lebensabschnitt in Windsbach eigentlich bewusst abschließen; aber studieren und vielleicht auf einen Bürojob hinarbeiten, war seine Sache nicht: „Ich will jetzt was Sinnvolles tun“, sagte er sich.
 
Jörg Scholkowski ist für Carl in vielem ein Vorbild, auch in der „Amtsführung“: Die Aufgaben des FsJlers in der fünften Klasse bestehen vor allem darin, für die Jungs da zu sein, mit ihnen zu spielen, sie zu einer sinnvollen Freizeitgestaltung zu animieren und natürlich darauf zu achten, dass in den Studierzeiten die Hausaufgaben gemacht werden. „Ich habe dafür zu sorgen, dass es den Jungs gut geht und ihnen nichts passiert“, bringt es Carl auf den Punkt. Und meint damit auch, dass er jetzt viel von dem, was er damals bekommen hat, aktiv zurück- und weitergeben kann.
 
Auf dem Tisch im Dienstzimmer stapeln sich die Spiele, „Wer wird Millionär“ oder „Café International“, spannende Sachbücher über das alte Rom, die Wüsten oder Entdecker. Kommen sie gerade nicht zum Einsatz, ist anderes zu tun: Hier will einer sein Taschengeld ausbezahlt bekommen, da hat einer einen Kummer oder Heimweh, es ist ein Streit zu schlichten, es wird draußen gespielt oder man geht nach dem Abendessen noch mal gemeinsam in die Turnhalle, um sich so richtig auszupowern: „Da sind alle danach richtig geschafft und fertig für das Bett“, lacht Carl: „Ich auch.“ Um 20 Uhr ist in der Fünften Bettgang, um 20.30 Uhr heißt es „Lichtschluss!“ Mal endet der Dienst eines FSJlers am Nachmittag, mal hat er Nacht- oder Wochenenddienst – je nach Plan.
 
Akzeptiert und voll eingebunden
Dass Carl in seiner Position akzeptiert und vollkommen eingebunden ist, empfindet er als großes Privileg: So viel Verantwortung zugetraut zu bekommen wäre nicht überall Usus, weiß er aus Gesprächen mit FSJlern aus anderen Einrichtungen, mit denen er sich regelmäßig auf Seminaren austauscht. Als Ausgleich genießt der 18-jährige die Tatsache, dass das Sängerinternat während der Schulferien geschlossen ist; dann lohnt es sich, die Eltern und Geschwister mittlerweile im fernen Neumünster in Schleswig-Holstein zu besuchen – ein „langes Heimfahrwochenende“ reicht hierfür kaum aus.
 
Hat Carl frei, spielt neben dem Sport auch die Musik die erste Geige – oder besser Posaune: Erst jüngst hat er mit zwei Trio-Partnern im Regionalwettbewerb von „Jugend musiziert“ den ersten Platz belegt – mal sehen, wie es dann auf Landes- und vielleicht ja auch auf Bundesebene weitergeht. Gesungen wird natürlich auch – unter anderem im Kammerchor, den sein Freund Jörg in Wolframs-Eschenbach leitet.
 
Carl Boxberger fühlt sich also rundum wohl bei dem, was er gerade macht. Dass er das Sängerinternat, in dem die jungen Choristen leben und arbeiten, selbst durchlaufen hat, ist für ihn ein großer Vorteil: „Ich kenne unser System hier“, beschreibt er das Verhältnis zu seinem aktuellen Arbeitgeber, den Kontakt mit den Kollegen, das Arbeiten mit den Jungs. „An einem guten Tag merke ich, dass ich was rübergebracht habe“, sagt Carl zum Schluss: Vielleicht hat er zwei Jungs überzeugt, dass es besser ist miteinander zu reden als aufeinander loszugehen. Oder er konnte wie jüngst seine Schüler mit einer schwierigen Mathe-Aufgabe versöhnen, die dann auch alle kapiert hatten.