Meisterin der Barockvioline

WINDSBACH (4. Juli 2016). Wer im Windsbacher Knabenchor singt, lernt nicht nur die Chorliteratur von Bach, Schütz, Mendelssohn und vielen anderen kennen, sondern taucht auch immer in andere musikalische Welten ein: Meist hören die Choristen während ihrer Auftritte in Kirchen als Instrumentalpart Orgelwerke, dargeboten von den örtlichen Kantoren. Zuweilen gewinnt der Chor für seine Konzerte aber auch andere musikalische Partner.

Nach Joachaim Pliquett (Trompete), Denis Patkoviĉ (Akkordeon) oder Xavier de Maistre (Harfe) flankieren jetzt Gastspiele der Geigerin Leila Schayegh die kommenden Auftritte des Chores. Sie wird die Windsbacher in den Konzerten in Königsberg (9. Juli), Pappenheim (10. Juli), Bergen (13. Juli), Teterow (14. Juli), Merseburg (15. Juli) und Wunsiedel (16. Juli) begleiten. Beim Auftritt am 29. Juli in der Muttergotteskirche Aschaffenburg wird neben der Violinistin dann auch Jörg Habulek (Cembalo) zu hören sein.
 
„Hinreißende Musikalität“
Zwei Konzertkritiken aus jüngster Zeit – die eine erschien am 20. März in der BZ Basel, die andere am 4. Juli in der Badischen Zeitung – beschreiben Aufführungen von Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, bei denen Leila Schayegh die Solovioline spielte:  Diese würden, so die Rezensenten „aufregend erzählt“, man höre eine „virtuose Reanimation“. Offenbar interpretiert Schayegh unerhört frisch: „Wenn man das […] gehört hat, möchte man alle seine Vivaldi- oder Corelli-CDs mit Aufnahmen moderner Orchester zum Flohmarkt geben.“ Der Solistin bescheinigt man „hinreißende Musikalität und Virtuosität“; sie habe ihre Partien „als Kette von funkelnden Glanzlichtern […] mit feinem Ton, klaren Konturen und raffinierten Pianissimo-Aktionen“ herausgearbeitet.  Von „wunderbaren Verzierungen“ ist weiterhin die Rede, die bei Schayegh „konstitutiver Teil ihrer musikalischen Erzählung“ seien“.
 
Auch die CD-Besprechungen sind voll des Lobes. Erst jüngst veröffentlichte die Geigerin gemeinsam mit Jörg Habulek bei Glossa die sechs Violinsonaten BWV 1014 bis 1019 und landete damit sofort auf der Bestenliste der Deutschen Schallplattenkritik. Und Matthias Lange schreibt in der Klassik-Ausgabe vom März 2016, den Künstlern sei „eine frische und luzide Deutung […] gelungen. Nobel im Klang und bezwingend in der Geste“ setzten sie die lange Reihe der hochklassigen Interpretationen fort. Einzelne Sätze der Sonaten wird das Duo auch während des Konzerts in Aschaffenburg spielen.
 
Facettenreiches Spiel

In den anderen Gastspielen wird Leila Schayegh solistisch agieren. So stehen auf dem Programm, das die Windsbacher im Rahmen des Mecklenburg-Vorpommern-Festivals sowie des MDR-Musiksommers musizieren, als Violinstücke Werke von Nicola Matteis (1670-1737) und Guiseppe Colombi (1635-1694) sowie Johann Paul Westhoff (1656-1705) auf dem Programm. An der Wahl der Stücke lässt sich bereits ablesen, dass das Herz der 1975 geborenen Solistin besonders für die Barockmusik schlägt. Nicht umsonst gehört sie zur jungen Generation vielversprechender Barockviolinisten, die heute durch ihr facettenreiches Spiel mit Forschungsanspruch auf sich aufmerksam macht. Was Schayegh überhaupt nicht mag, sagte sie in einem Interview mit der Neuen Musikzeitung: Schlager und Techno.
 
Die Solistin mit Schweizer Pass absolvierte 1999 an der Musikakademie  der Stadt Basel bei Raphaël Oleg ihr Solistendiplom mit Auszeichnung. 2002 beschloss sie, zukünftig auf der „Violine in alter Mensur“, sprich Barockvioline zu konzentrieren. Hierbei handelt es sich um Geigen, die in Bau und Klang der Ästhetik der Zeit zwischen 1500 und 1800 entsprechen. Diese Instrumente kommen im Rahmen der historischen Aufführungspraxis zum Einsatz. Der Schweizer Geigenbaumeister Rudolf Isler beschreibt den Klang einer Barockvioline als obertöniger, transparenter und farbenreicher. Der Ton brauche kein Vibrato um zu faszinieren: „Als Spieler geht es mir mit dem reichen Nachhall so, als würde mir eine gute Fee zu jedem Ton, den ich anstreiche, noch eine kleine klangliche Zugabe gratis mitliefern. Oder technischer ausgedrückt: Das System spricht sehr leicht an und der Klang lässt sich mit minimaler Energie weiterspinnen.“
 
Leila Schayegh begann also ein zweites Studium bei Chiara Banchini an der Schola Cantorum Basiliensis, der Kaderschmiede für Spezialisten der Alten Musik. 2005 schloss sie diese Ausbildung mit summa cum laude ab. In der Zwischenzeit war das Spiel der Musikerin auch schon internationalen Juroren aufgefallen: Schayegh ist Preisträgerin des Premio Bonporti in Rovereto, des Großen Förderpreiswettbewerbs der Konzertgesellschaft München sowie des Alten Musiktreff Berlin.
 
Namhafte Partner
Lange Zeit wirkte die Geigerin im Ensemble 415 ihrer Lehrerein Chiara Banchini und als Konzertmeisterin in Fabio Bonizzonis „La Risonanza“. Aufnahmen und Konzerte brachten sie mit weiteren Größen der Alten Musik zusammen, darunter René Jacobs, Andrea Marcon, Andreas Scholl und Maria Kristina Kiehr. Solistisch trat Leila Schayegh in der Vergangenheit im Rahmen zahlreicher namhafter Festivals auf, darunter das Festival Alte Musik Zürich, das Festival Internacional de Organo in Leon, das Festival Bach de Lausanne, die Reihen „Musica e Poesia a San Maurizio“ in Mailand, „Le Nuove Musiche“ in München und das „Centre de Musique Baroque de Versailles“. Weitere Einladungen folgten zu Konzerten und Festivals nach Europa, das Baltikum und Israel.
 
Neben ihrer Konzerttätigkeit beschäftigt sich die Künstlerin auch mit Themen der Forschung, die direkten Bezug zu ihrer künstlerischen Praxis aufweisen. Einen Schwerpunkt legt Schayegh dabei vorrangig auf die Verzierungsstile und -techniken des empfindsamen Stils. Von 2006 bis 2009 war sie Dozentin für Barockvioline an der Hochschule für Musik in Karlsruhe und unterrichtet seit September 2010 in der Nachfolge von Chiara Banchini an der Schola Cantorum Basiliensis.
 
[Foto: ml-monalisa]
 
Einen Eindruck von Leila Schayeghs Kunst vermittelt dieses Video.