Landesbischof versachlicht Diskussion um Hans Thamm

Datum:
28.02.2013
In seiner Ansprache beim Festakt zum 175jährigen Bestehen des Evangelisch-Lutherischen Studienheims Windsbach am 26. Februar forderte der evangelische Landesbischof, Dr. Heinrich Bedford-Strohm, eine differenzierte Sichtweise auf Erziehungsmethoden der Nachkriegszeit und Chorgründer Hans Thamm.

Mit Blick auf die Diskussion um den Chorgründer, Hans Thamm, sagte Bedford-Strohm (Foto links): "Die bayerische Landeskirche ehrt Hans Thamm als Gründer und langjährigen Leiter des Windsbacher Knabenchores und als prägende Persönlichkeit und dankt ihm, ohne zu verschweigen, dass auch er nicht frei von Erziehungs­methoden war, unter denen junge Menschen auch gelitten haben und die wir heute kritisch sehen." Mit wichtigen Beteiligten habe er einen Vier-Punkte-Plan vereinbart, dem beide Seiten zugestimmt hätten: Der Hans-Thamm-Saal heiße nun wieder Chorsaal. Die Chorleiter werden mit Portraitfotos im Foyer des Chorsaals gewürdigt. An die Erziehungsarbeit in Windsbach mit ihren positiven und problematischen Seiten werde in einer Tafel am Betsaal erinnert. Eine möglichst sachgemäße Darstellung der verschiedenen Sichtweisen solle erarbeitet und in einem Folder allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden.

Der Landesbischof würdigte darüber hinaus den Beitrag des Studienheims zu einer umfassenden Bildung, wie sie schon von den Reformatoren angestrebt worden sei. Dass aus dem Haus einmal ein „in der bayerischen Landeskirche nicht mehr wegzudenkendes Internat mit Chor und Schule“ würde, daran habe der Gründer, Dekan Heinrich Brandt, sicherlich nicht gedacht. Er selbst sei von dem Gesang der Windsbacher nicht nur jedes Mal beeindruckt, sondern persönlich berührt.



Zu dem Festakt in der Stadthalle Windsbach konnte der Kuratoriumsvorsitzende, Dr. Peter Barrenstein, zahlreiche Ehrengäste begrüßen, darunter Ministerpräsident a.D. Dr. Günter Beckstein (Foto rechts), Regierungspräsident Dr. Thomas Bauer und Regionalbischof Christian Schmidt sowie viele ehemalige Internatsschüler und Mitarbeitende. Der Windsbacher Knabenchor gestaltete unter der Leitung von Martin Lehmann das musikalische Rahmenprogramm mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy, Willy Richter und Johann Christian Bach.



Der Historiker Dr. Hans Rößler (Foto links) beleuchtete in seinem Festvortrag die Veränderung des Pfarrwaisenhauses durch die Gründung des Chores, die durchaus nicht von Direktorium und Landeskirche geplant gewesen sei. Diese Genese habe in der Folgezeit zu Spannungen zwischen den Zielen des Internats und des Chorleiters geführt. Mit „Leidenschaft ohnegleichen“ habe Thamm die jungen Menschen für die geistliche Musik begeistert, so Rößler. Sein Führungsstil sei allerdings nicht unumstritten gewesen und habe 1968 zu einem heftigen Konflikt mit dem neuen Internatsleiter, Dr. Heribert Gürth geführt, der schließlich an den "patriarchalisch-autoritären Strukturen" des Hauses scheiterte. Gürths Forderungen nach mehr Selbstverwaltung der Oberstufenschüler, Arbeitsteilung, Teamwork und qualifizierteres Personal seien im Internat in der Folgezeit dennoch Schritt für Schritt umgesetzt worden. (Gürth selbst war bei dem Festakt zugegen - im Foto 2. v. li)


Als "Pfarrwaisenhaus" wurde das Internat 1837 eingeweiht. Es sollte verwaisten Söhnen evangelischer Pfarrer eine gute Erziehung und solide Schulbildung ermöglichen, nahm aber von Anfang an nicht nur Waisen, sondern überhaupt Pfarrerssöhne auf. Diese ergriffen durch die Prägung in Windsbach in vielen Fällen selbst den Pfarrberuf und machten das Internat so zur "Pfarrerschmiede". Nach der Gründung des Knabenchores entwickelte sich ein deutlicher musikalischer Schwerpunkt. Heute versteht sich das Evangelisch-Lutherische Studienheim Windsbach als Chorinternat. Die kirchliche Prägung der Einrichtung spiegelt sich im Repertoire des weltbekannten Ensembles, zu dem 120 Sänger im Alter von 9 bis 19 Jahren gehören.