Musik-Denkmal christlicher Kultur

WINDSBACH (3. Dezember 2018) Es ist über 20 Jahre her, dass der Windsbacher Knabenchor den „Messiah“ von Georg Friedrich Händel in englischer Originalsprache musiziert hat. In diesem Jahr führen die Sänger das Werk vier Mal auf: im Muziekgebouw Eindhoven (Niederlande), in der Nürnberger Friedenskirche, in St. Gumbertus in Ansbach und im Herkulessaal München. Man kennt natürlich das berühmte „Halleluja“. Doch das im Spätsommer 1741 komponierte und ein Jahr später in Dublin uraufgeführte Oratorium ist natürlich ungleich reicher an wunderbarer Musik und hat eine spannende Geschichte.

Georg Friedrich Händel benötigt keinen Monat: In nur 24 Tagen schreibt er sein neues Werk. Will er sich und der Welt etwas beweisen? Seine letzte Oper „Deidamia“ ist in London durchgefallen, er selbst leidet an der Gicht, ist von mehreren Misserfolgen demotiviert. Aber im Juli des Jahres 1741 versucht ihn sein Freund und Librettist Charles Jennens zu einem neuen Oratorienprojekt zu animieren. Er schreibt: „Ich hoffe, Händel wird sich überreden lassen und sein ganzes Genie und seinen ganzen Eifer daransetzen, dass dieses Werk größer wird als alle anderen, die er bisher geschaffen hat.“ Schließlich ist das Thema, um das es gehen soll, ebenfalls größer als alle anderen: der Messias. Jennens ist allerdings enttäuscht, als das fertige Werk nicht in London, sondern in Dublin uraufgeführt wird; und auch das Tempo, das Händel hier an den Tag legt, verstimmt den Librettisten; später betont er, ihm nie wieder geistliche Worte in die Hand zu geben, „damit er sie so missbraucht“. Glücklicherweise bleibt Jennens verborgen, dass sich der Komponist in manchen Chören des „Messiah“ einiger seiner früheren italienischen Kammerduette bediente, deren weltliche Texte er durch die Bibelzitate ersetzt hat.
 
Uraufführung als Benefizveranstaltung
Ursprünglich will Händel ohnehin ablehnen, doch eine Einladung nach Dublin verbunden mit dem Auftrag, ein großes Werk zu schreiben, lässt ihn umdenken. Der Komponist macht sich in London an die Arbeit und keine vier Wochen später ist er fertig: der „Messiah“, ein Oratorium in englischer Sprache. Ihre Uraufführung erlebt die Musik am 13. April 1742 in der Dubliner Music Hall in der Fishamble Street als Benefizkonzert unter anderem für das Mercer’s Hospital und das Armenkrankenhaus am Inn’s Quay. Darüber hinaus sollen aus den Erlösen Gläubiger bezahlt und so inhaftierte Schuldner ausgelöst werden. Das Werk ist als karitativ und nicht kommerziell gedacht, was so weit geht, dass Händel seinen „Messiah“ später jährlich in der Kapelle des Founding Hospital, einem Heim für Findel- und Waisenkinder in London, musiziert und der Einrichtung in seinem Testament das Autograph des „Messiah“ vermacht. Zwischen 1742 und 1759 führt Händel sein Oratorium 36 Mal auf.
 
In Dublin ist das Interesse riesig und in der Zeitung werden die Damen sogar dazu aufgefordert, keine Reifröcke zu tragen (und die Herren keine Degen) damit mehr Publikum im Saal Platz findet. 700 Zuhörer erleben schließlich die Uraufführung. Und sind begeistert: „Das Oratorium übertrifft bei weitem alles, was je in dieser Art in diesem oder einem anderen Königreich aufgeführt worden ist. Worte vermögen die Ergriffenheit des Publikums nicht auszudrücken“, ist im „Dublin News-Letter“ zu lesen. Angesichts dieses Jubels verwundert es, dass die Reaktionen nach der Londoner Erstaufführung eher frostig ausfallen. Um strenggläubige Gemüter vor Ort nicht zu reizen, hat Händel seinen „Messiah“ nur als „A new sacred oratorio“ angekündigt. Doch wie groß ist der Proteststurm orthodoxer Christen, die es als blasphemisch empfinden, Bibelworte in einem Theater und noch dazu mit Opernsängerinnen aufzuführen! Der Protest vor allem seitens des Adels richtet sich auch gegen eine vermutete Gesellschaftskritik des „Messiah“, der auf den ersten Blick doch völlig unpolitisch daherkommt.
 
Libretto vereint Texte aus dem Neuen und Alten Testament
Ein Blick auf den Inhalt bestärkt diesen Eindruck: Der Librettist Charles Jennens wählte ausschließlich Bibelzitate, vor allem aus dem Buch Jesaja, den Psalmen, dem Evangelium nach Matthäus, den Paulus-Briefen sowie der Offenbarung des Johannes. Das Libretto unterteilt den Ablauf der Ereignisse, die in den Worten der Bibel eher angedeutet als berichtet werden, in drei Teile: „Die Prophezeiung des Messias und ihre Erfüllung“, „Von der Passion zum Triumph“ sowie „Die Rolle des Messias im Leben nach dem Tode“. Jeder Part ist noch einmal in mehrere Kapitel untergliedert, die Jennens mit belehrenden Überschriften versehen und dabei die allgemeinen Aussagen und Weissagungen aus dem Alten Testament jeweils mit einem Kapitel aus dem Neuen verbunden hat.
 
Der erste Teil schildert die Prophezeiung des Messias und ihre Erfüllung. Auf die drei Vorhersagen der messianischen Sendung, der Erlösung der Welt und des Jüngsten Gerichts folgt die Darstellung des Weihnachtsgeschehens. Die beschauliche Stimmung der Pifa als einzig rein instrumentelles Stück erinnert an die Sinfonia, die Johann Sebastian Bach der zweiten Kantate seines Weihnachtsoratoriums vorangestellt hat. Wurden im ersten Teil des „Messiah“ vor allem Texte des Alten Testaments vertont, setzt der zweite bei den Ereignissen des Neuen an und erzählt von Jesu Passion, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt. Man hört von der Ausbreitung der christlichen Lehre, vom Pfingstgeschehen, der Ablehnung durch die Heiden und schließlich vom Sieg und ewigen Triumph des Christentums, was sich im bekannten „Halleluja“-Chor manifestiert. Der dritte Teil wiederum thematisiert die Überzeugung, dass Christus lebt und die Menschen durch ihn zur Auferstehung von den Toten gelangen. Der dadurch vorbereitete Schluss schildert die Anbetung des Lammes durch die Erlösten im Himmel.
 
Ungewöhnliche Erzählweise der christlichen Heilsgeschichte
Dabei ist die Art und Weise, wie die christliche Heilsgeschichte erzählt wird, eher ungewöhnlich: Abgesehen vom Weihnachtsgeschehen existiert keine stringente Handlung, bestimmte Charaktere fehlen. Auch spricht der „Messiah“ in erster Linie nicht vom leidenden Gottessohn und vermeidet so den Ton jener protestantischen Frömmigkeit, wie man sie aus der Kirchenmusik Bachs kennt: Die Rede ist vielmehr vom Messias, der als siegreicher Herrscher seinem Volk die Erlösung bringt. Auch in folgenden Oratorien wird Händel Gestalten darstellen, die als Befreier des Volkes auftreten. Und gerade im „Messiah“, in dem sich die „nations“ erheben, kann man durchaus Bezüge zur englischen Vergangenheit mit ihren Bürgerkriegen und Religionsstreitigkeiten heraushören. Die Heiden jener Zeit sind für den protestantischen Engländer die katholischen Papisten, wobei der Adel ja für die Ansprüche der katholischen Stuarts gegenüber dem Haus Hannover eintritt; die Tories als politischer Arm der Aristokratie protestieren damals besonders laut gegen den „Messiah“. Wollte Händel hier bewusst provozieren und dem christlichen Bekenntnis ein politisches hinzufügen?
 
Über die Musik des „Messiah“ schreibt der irische Bischof Edward Sygne im „Dublin Journal“: „Es scheint eine Art von Musik zu sein, die sich von jeder anderen unterscheidet. Denn obwohl die Komposition meisterhaft und überaus kunstvoll ist, ist die Harmonie doch so groß und offen, dass sie allen gefällt, die Ohren haben zu hören, ob sie nun Kenner sind oder keine. Es gibt keinen Dialog, keine schnelle Wechselrede, die doch oft so schwach daherkommt. Stattdessen wird in diesem Stück die Aufmerksamkeit vom Anfang bis zum Ende gefesselt, indem die Rezitative nur aus Sentenzen bestehen, was ihnen einen ungemeinen Nachdruck verleiht.“ In den großartigen Chören, die als direkte Fortsetzung solistischer Partien die dramatischen Höhepunkte des Werks ordnen und bilden, macht Händel weitaus mehr Gebrauch von kontrapunktischen Kunstgriffen und strengen Fugen als in anderen Oratorien. Opulente Bilder, wie man sie beispielsweise aus den 1738 entstandenen Werken „Saul“ oder „Israel in Egypt“ kennt, werden hingegen fast vollständig vermieden. Alles Gewicht liegt auf den unterschiedlichen Affekten: Häufig wechseln Kolorit und Rhythmus, auffällig viele tänzerische Gesten ziehen sich durch das Werk. Die betont schlicht gehaltenen Solopartien fallen in der Form knapp und geradezu liedhaft aus, es gibt nur drei große Da-capo-Arien: für den Alt im ersten Teil „But who may abide“ und im zweiten „He was despised“, für den Bass im dritten „The trumpet shall sound“.
 
Musik mit Anhängern und Kritikern
Die Großartigkeit der Musik und ihre umjubelte Uraufführung in Dublin verhindern nicht, dass es in London auch seitens der Kirche Einsprüche gibt und sich ein Streit über die Aufführung eines solchen Oratoriums in einem Theater entwickelt. Edmund Gibson schreibt als Bischof von London: „Die Annahme, dass viele Menschen, die nicht in die Kirche gehen, durch eine solche Aufführung zum Beten gebracht würden, ist falsch. Denn ich glaube einfach nicht, dass Menschen, die es nicht für nötig finden, in die Kirche zu gehen, beim Anhören einer religiösen Aufführung im Theater Demut empfinden können. Wie wird dies auf spätere Zeiten wirken, wenn sie in der Geschichte Englands lesen, dass wir auf einer solchen Höhe von Pietätlosigkeit angelangt waren, auf der selbst heiligste Dinge zu öffentlichen Vergnügungen missbraucht wurden?“ Wie sehr hat sich Gibson hier allerdings geirrt, denn Händels „Messiah“ gilt heute als Denkmal christlicher Kultur in einer weitgehend profanen Gegenwart und ist eben weit mehr als ein musikalisches Vergnügen: Er verkündigt die christliche Heilslehre mit den Mitteln der Musik auch und gerade in einem zunehmend säkularisierten Umfeld.
 
Der verwendete Bildausschnitt entstammt einem Händel-Porträt des britischen Malers Thomas Hudson (1701-1779). 1869 wurde das Gemälde vom Hamburger Händel-Forscher Friedrich Chrysander bei Nachkommen des Komponisten in Calbe (Saale) entdeckt und erworben. Er überließ es dem Hamburger Kaufmann Friedrich Gültzow mit der Bedingung, es nach seinem Tod der Hamburger Stadtbibliothek zu übereignen, was 1883 geschah und wo das Bild heute hängt.