Bach im Kontext – und pur

WINDSBACH (24. Januar 2018). In Windsbach schreitet die Sanierung des Chorzentrums voran, wo mittlerweile wieder die Chorproben stattfinden. Hier arbeiten die jungen Sänger aktuell an spannenden Konzertprogrammen, worüber wir mit dem Dirigenten Martin Lehmann sprachen.
 
 
 
Der Jahresbeginn bildet ja immer eine Schnittstelle zwischen der für Sie und den Chor sehr arbeitsintensiven Advents- und Weihnachtszeit und der zweiten Saisonhälfte. Wie verlief denn die erste? Gab es da besondere Erlebnisse?  

 
Die erste Saisonhälfte war zunächst zu Schuljahresbeginn durch einen größeren Chorumbau insbesondere in der Stimmgruppe Alt geprägt. Ältere Knabensänger hatten noch die letzten vier tollen Aufführungen der h-Moll-Messe im August des ausgehenden Schuljahres – von insgesamt zwölf Aufführungen! – mitgesungen. Nun wurde eine Umstrukturierung notwendig, die in drei bis vier Wochen soweit gedeihen musste, dass die ersten Konzerte des Schuljahres gelingen konnten. Außerdem hatten wir in den ersten Wochen des neuen Schuljahres nach all den Highlights und einer echten Konzertdichte der letzten Saison Mühe, sofort in einen neuen Spannungsmodus zu kommen. Dazu hatten wir uns vorgenommen, dass endlich wieder eine Bach-Motette ins Repertoire Eingang finden sollte. Nach den Herbstferien hatten wir dann drei Wochen Zeit für die Einstudierung des weihnachtlichen A-cappella-Programms und des Weihnachtsoratoriums bei möglichst wenig Schulausfall. Das ist nicht viel Zeit! Ab Ende November zeichnete sich aber ab, dass alles gut gelingen würde. Zum Glück sind wir von großen Krankheitswellen verschont geblieben und die Sänger haben diese Weihnachtssaison mit großer innerer Freude und Leidenschaft zum Erfolg gemacht.  
 
Die kommenden Monate sind geprägt von A-cappella-Auftritten und vor allem einem interessanten Bach-Programm mit einem spannenden Werkekanon. Erzählen Sie doch mal... 
 
Zunächst arbeiten wir an der Vervollkommnung eines geistlichen Programms, das auf die Bachmotette „Der Geist hilft“ Bezug nehmen wird. Nach und nach kommen Werke wie beispielsweise Johannes Brahms‘ „Schaffe in mir Gott“, Ernst Peppings „Jesus und Nikodemus“,  Francis Poulencs „Tenebrae factae sunt“ oder Johann Walters „Nun bitten wir den heiligen Geist“ dazu. Ferner erschließen wir uns für die China-Tournee ein romantisch-weltliches Programm mit für uns neuen Kompositionen unter anderem von Johannes Brahms, Robert Schumann, Josef Gabriel Rheinberger und Felix Mendelssohn Bartholdy. Im Hinblick auf die Aufführungen des Oratoriums „Messiah“ von Georg Friedrich Händel in der neuen Konzertsaison 2018/2019  werden wir schon jetzt einzelne Stücke daraus in den kirchenjahreszeitlichen Kontext von Passion, Ostern oder Auferstehung setzen und in liturgischen Diensten zur Aufführung bringen.   
 
Die Bach-Motette im Kontext, im thematischen Spiegel anderer Kompositionen und Komponisten – das klingt in der Tat interessant. Welche weiteren Werke des Thomaskantors kommen denn noch zur Aufführung?
 
Am Ende des Schuljahres freuen wir uns auf die Deutschen Kammer-Virtuosen Berlin; zusammen bringen wir ein großartiges Bachprogramm, das neben der erwähnten, instrumental colla parte begleiteten Motette das „Himmelfahrts-Oratorium“ (BWV 11), und die sehr selten aufgeführte Himmelfahrtskantate „Gott fähret auf mit Jauchzen“ (BWV 43) in den Fokus rückt. Außerdem erklingt in diesem Rahmen die wunderbare Orchester-Suite BWV 1067 mit Flötensolo – ein tolles Geschenk für mich, mit diesen hervorragenden Musikern auch mal ein Werk ohne Choranteil musizieren zu können.      
 
Mit dem „Geist“ singt der Windsbacher Knabenchor seit vielen Jahren endlich wieder mal eine Bach-Motette. Warum stellen gerade diese Werke eine so große Herausforderung an die Aufführenden dar?
 
Die Bach-Motetten sind fast alle doppelchörig, also achtstimmig angelegt. Zwei in Stimmumfang identische Chöre, also beispielsweise zwei gleichwertige hohe Soprane, und dazu sehr polyphone, virtuose sowie instrumentale Stimmführungen wollen bewältigt werden. Das allein sind schon hohe, aber sehr reizvolle Anforderungen. Eingedenk einer enormen Diskographie-Bandbreite ergibt sich daraus für „Live-Konzerte“ natürlich schon eine Hürde, will man dies auf einem interpretatorisch und künstlerisch hohen Niveau musizieren. Aber nachdem wir im vergangenen Schuljahr mit den Stücken „Pleni sunt coeli“ oder „Osanna“ aus Bachs h-Moll-Messe ein ideales Trainingsprogramm am Start hatten, wollte ich den Chor auch weiterhin unbedingt in Bachs doppelchöriger Musik positioniert wissen. Auch denke ich, dass nach sechs Jahren meiner Leitung der Zeitpunkt gekommen ist, an dem ich mich mit den Windsbachern an eine Bach-Motette trauen darf. In den A-cappella-Konzerten erklingt die Motette übrigens ohne Begleitung, wie dies seit Anfang des Schuljahres passiert.
 
Mitte Mai startet der Chor erneut zu einer Tournee nach China. Im gedruckten Konzertprogramm steht stattdessen ja eigentlich eine Reise in den Oman. Wieso kam es nicht dazu?
 
Leider mussten wir die Oman-Reise absagen, nachdem die Agentur im Oman für einen Reisezeitraum von ursprünglich elf Tagen nur anderthalb Konzerte zusichern konnte. Dem gegenüber schien der Geschäftsführung und dem Kuratorium der hohe Aufwand mit Schulausfall und Reisestrapazen für unsere Sänger sowie anteiligen Reisekosten und neuem musikalischen Programm nicht gerechtfertigt. Insbesondere bei der Belastungssteuerung der Chorsänger wollten wir nicht um jeden Preis diese Konzert-Reise durchführen. Gleichwohl bedauern wir es sehr, dass es zu dem sicherlich sehr spannenden kulturellen Austausch mit einem arabischen Land nicht gekommen ist.  
 
Die Renovierung des Chorzentrums schreitet voran. Können Sie uns kurz über den aktuellen Stand informieren?
 
Wir proben derzeit schon wieder im großen Chor-Saal, allerdings mit der Einschränkung, dass wir nicht durchlüften können, weil die neue Lüftungsanlage und Verschattungsanlage noch nicht funktionieren, Verkleidungen für Elektroleitungen- und Lüftungskanäle noch fehlen und kleinere Handwerkerarbeiten noch nicht erledigt sind. Es fehlt ferner noch das neue Chor- sowie Zuhörergestühl und auch die Foyers und WC's sind nicht zugänglich. Aktuell sind die Dämmungs-, Fenster-, Elektro-, Brandschutzarbeiten im Außenbereich weitestgehend abgeschlossen, der Ausbau im Inneren – Zwischendecken, Fußbodenlegearbeiten und Malerarbeiten – schreitet Schritt für Schritt voran. 
 
Da diese Maßnahmen ja eine große finanzielle Investition erfordern, haben Sie um Spenden gebeten. Mit welchem Erfolg?
 
Wir sind sehr dankbar, dass unsere Spendenaufrufe bisher so gut angenommen wurden. So gibt es aktuell nur noch vereinzelte Stuhlpatenschaften der 120 Zuhörerstühle zu erwerben. Und auch im Bereich der Unterrichts- und Probenraumförderung hat sich Erfreuliches getan. Jedoch sind wir noch immer in der Situation, dass wir bei einer sich abzeichnenden Einweihung des (eigentlich dann sanierten) Chorzentrums von sechs komplett unsanierten Räumlichkeiten ausgehen müssen, weil sich die Baupreise im Vergleich zur Kalkulation deutlich erhöht haben und weil wir noch immer auf der Suche nach weiteren Förderern sind. Wir planen im besten Fall mit der Einweihung zum Internatsfest zu Christi Himmelfahrt, also im Mai 2018.
 
Abgesehen von den technischen Neuerungen im Großen Chorsaal gibt es ja auch akustische Veränderungen. Wie sehen diese aus und vor allem: Wie wirken sie sich auf die tägliche Probenarbeit aus?
 
Wir wollen den akustischen Zustand des Saales vor der Sanierung unbedingt erhalten. Der Nachhall ist aufgrund der noch fehlenden Orgel, der fehlenden Zuschauerbestuhlung und der größer gewordenen Glasflächen allerdings deutlich länger geworden. Dies freut die Chorsänger beim Proben, den Chorleiter natürlich nicht – schließlich trainiert man einen Marathon auch eher im Hochland oder unter extremen Bedingungen. Da werden wir nach kompletter Fertigstellung, also mit Wandverkleidungen und gepolsterten Zuhörerstühlen, nachmessen und eventuell nachjustieren.