Schall und Raum

WINDSBACH (17. Februar 2020). Mit großem Erfolg haben die Windsbacher jüngst ihr erstes Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie gegeben – jenem faszinierenden Konzertsaal, der auch wegen seiner Raumakustik heiß diskutiert wurde. Grund genug, einmal nachzufragen: Was hat es eigentlich mit diesem Raumklang auf sich? Und warum ist er so wichtig für die Musik?


Als Akustik bezeichnet man die Lehre vom Schall und seiner Ausbreitung: Wie entsteht ein Laut und wie wird er vom menschlichen Gehör wahrgenommen? Wichtig für die Musik ist der Bereich der Raumakustik, der schwerpunktmäßig die Qualität der Wahrnehmung von Schallereignissen durch den Hörer thematisiert.
 
Verschiedene akustische Gegebenheiten

Verschiedene Räume haben differente akustische Gegebenheiten: In großen Kirchen braucht der Schall zuweilen einige Sekunden um anzukommen; anderswo herrscht eine Akustik wie – ältere Windsbacher werden sich an den bildhaften Vergleich des damaligen Chorleiters erinnern – „in einer mit Samt ausgeschlagenen Telefonzelle“. Akustische Umgebungen fordern von Sängern, Chören und Chorleitern also Entscheidungen über Tempo, Artikulation und Dynamik: Ein Raum mit trockener Akustik verlangt schnellere Tempi, bei größerem Nachhall sind eher langsame angesagt, damit der Gesamtklang nicht zerläuft; das gilt besonders für polyphone Chorwerke und Kompositionen, die aus schnellen Achtel- und Sechzehntelnoten bestehen.
 
Eine schlechte Akustik kann dem Zuhörer das Konzerterlebnis durchaus genauso verleiden wie eine unzureichende Leistung der Künstler – vielleicht noch mehr, wenn er merkt, was ihm dadurch vorenthalten bleibt. So schrieb ein Kritiker über ein Konzert des eigentlich herausragenden Blockflötisten Maurice Steger mit The English Concert in der für ihre Kirchenfenster von Marc Chagall berühmten Mainzer Stephanskirche im Rahmen des Rheingau Musik Festivals einmal: „Als Zuhörer kam man sich vor wie der Betrachter eines äußerst filigran gezeichneten Gemäldes von Albrecht Dürer – nur, dass dieses hinter einer dicken Milchglasscheibe hing und man selbst eine stark getönte Sonnenbrille trug.“
 
343 Meter pro Sekunde
Der Direktschall, dessen Geschwindigkeit 343 Meter pro Sekunde beträgt, sollte gegenüber dem Nachhall also ausgewogen sein – groß genug, um die Musik klar und transparent wahrzunehmen, aber eben nicht so groß, dass der räumliche Eindruck gemindert wird. Frühe Reflexionen bilden dann einen besonders guten akustischen Rahmen, wenn sie einen hohen Anteil am Gesamtschall haben und richtungsmäßig so verteilt sind, dass der Hörer möglichst gut mit der Musik umhüllt wird. Ideal hierfür ist eine Nachhallzeit von anderthalb bis zwei Sekunden.
 
Eine Akustik mit gutem Widerhall erlaubt einem Sänger außerdem, seine Stimme für eine gesunde Vokalbildung mit einem besseren Sinn für das Verhältnis von Atem und Ton klüger einzusetzen, schreibt Duane R. Karna, Chordirigent und Musikprofessor an der Ball State University Muncie im US-amerikanischen Bundesstaat Indiana. Die Stimme könne sich somit besser in der akustischen Umgebung bewegen.
 
Akustik beginnt schon beim Singen
Doch die Akustik beginnt nicht erst mit den Mauern, die den Sänger umgeben, mit Säulen oder Einrichtungsgegenständen, an denen sich der Schall bricht: „Vereinfacht kann man sich die Akustik der Klangerzeugung von Gesang folgendermaßen veranschaulichen“, formuliert Harald Jers, Professor für Chorleitung an der Musikhochschule Mannheim: „Die Lunge stellt die Energie zur Verfügung, so dass am Kehlkopf als Quelle der Primärklang erzeugt wird. Der darüber liegende Vokaltrakt dient als Filter und lässt je nach Formung […] die Naturtöne mit unterschiedlichen Lautstärken durch dieses System [fließen]. An den Lippen kommt es noch zu einer weiteren Filterung im Rahmen der Schallabstrahlung, die den Klang ein weiteres Mal verändert. Durch akustische Eigenschaften der Schallausbreitung sowie der Raumakustik wird an jedem Ort im Raum der Schall mehr oder weniger stark verändert ankommen. Die letzte Variation erfolgt durch das Ohr und die neuronale Umsetzung an das Gehirn als wahrgenommener Schall beim Zuhörer.“
 
Wie die Sprechstimme, so besteht auch die Gesangstimme phonetisch und akustisch hauptsächlich aus Vokalen und Konsonanten, wobei die Vokale beim Singen natürlich die Hauptklangträger und damit im Wesentlichen für einen schönen Stimmklang und die Laustärke verantwortlich sind. Neben der Qualität und dem Klang der Gesangstimme ist aber auch die Schallübertragung vom Chorsänger zum Zuhörer im Konzertsaal wichtig. Hauptverantwortlich dafür ist die Art und Weise, wie der Schall den Sänger verlässt und in welche Richtungen die Abstrahlung mit welcher Intensität erfolgt. Kommt der Schall von oben, erreicht er beide Ohren gleich – kommt er von unterschiedlichen Seiten, entsteht ein Raumklang. Das ist auch für die Platzierung der Mikrophone bei Aufnahmen evident.
 
Ein spannendes Experiment im Umgang mit der Akustik kann auch die Choraufstellung sein. Hier sind manche Dirigenten der Ansicht, dass Chorsänger dann am besten singen, wenn sie in Quartetten aus Sopran-, Alt-, Tenor- und Bassstimmen platziert werden, so dass niemals zwei gleiche Stimmen direkt nebeneinanderstehen. Dadurch hören sich die einzelnen Sänger nicht nur selbst besser, sondern auch die anderen, was nachweislich zu unabhängigerem Singen, besserer Tongebung, größerer Hörfähigkeit und optimalerem Intonationsvermögen führt.
 
Zusammenspiel von Musik und Architektur
In der Akustik treffen letztendlich Musik und Architektur aufeinander: Die Architektur suche nach musikalischen Inspirationen in der Schwesterdisziplin, schreibt der Hamburger Musikprofessor Frank Böhme: Sei die eine für die Gestaltung der Zeit verantwortlich, so bemühe sich die andere um die Gestaltung des dreidimensionalen Raums. Wenn beides ideal zusammenwirkt, kann man also durchaus den Eindruck bekommen, vier Dimensionen gleichzeitig zu durchschreiten.
 
Zum Schluss sei noch ein kurzer Exkurs in ein Gebiet unternommen, das gänzlich abseits der Musik liegt, aber die Wichtigkeit der Akustik unterstreicht. Die Automobilindustrie beschäftigt Toningenieure und Audiodesigner, um Geräusche gestalten zu lassen: vom Öffnen und Zuschlagen einer Autotür über das Klicken des Blinkers bis zum Betätigen von Knöpfen beispielsweise bei der Verstellung der Außenspiegel und das dabei entstehenden Surren. Je besser und ansprechender solche akustischen Eindrücke ausfielen, umso wertiger und zuverlässiger erscheine das Automobil, erklärt Dr. Robert Liebing, der bei BMW für diesen Bereich zuständig ist. Im gleichen Konzern arbeitet auch der Komponist Renzo Vitale: Er entwickelt den Sound von E-Autos, die sich ja sehr viel leiser nähern als ein benzinbetriebenes Vehikel. Man sieht: Nicht nur für ein gutes Konzert kann die Akustik durchaus überlebenswichtig sein.
 
Bis zum 1. Februar 2021 ist in der Mediathek von 3sat die Reportage „Architekten des Klangs“ zu sehen.