Neue Töne aus dem Direktorat

WINDSBACH (20. März 2018). Ein Termin mit der Schulleitung ist zuweilen eine unangenehme Sache – vor allem, wenn man etwas ausgefressen hat. Da der eigene Besuch des Johann-Sebastian-Bach-Gymnasiums aber schon bald 25 Jahre her ist, kann man dieses Treffen eher unverkrampft angehen. Und nach dem Gespräch mit Barbara Veeh-Drexler ist man sogar noch entspannter, lernt man mit der Direktorin doch einen erklärten Fan des Knabenchores kennen.

Seit nunmehr zwei Jahren steht die Lehrerin für Sport und Wirtschaft an der Spitze des Windsbacher Gymnasiums. Ganz so neu sind die in der Überschrift erwähnten Töne also nicht. Und doch klingt es ganz anders, denn in früheren Zeiten herrschte zwischen Schul- und Chorleitung eigentlich ein stets eher angespanntes Verhältnis: Auf der einen Seite forderte der Knabenchor möglichst großen Freiraum für seine Sänger, auf der anderen stand die Lehranstalt mit ihren berechtigten Ansprüchen, der auch in Bayern herrschenden Schulpflicht nachzukommen. Oft wurde um Kompromisse gerungen, zuweilen krachte es aber auch gehörig.
 
Mehr Kommunikation
In den vergangenen Jahren hat sich das Klima zwischen Chor und Schule allerdings enorm gebessert: Neue, andere Töne wurden nicht nur von Chorleiter Martin Lehmann angeschlagen, sondern auch von Barbara Veeh-Drexler, die gemeinsam mit ihrem Stellvertreter Alexander Höhn und ihrem Mitarbeiter Oliver Oppitz sowie weiteren drei Kollegen dem Gymnasium vorsteht. Hier ist Matthias Früh verantwortlich für die Koordination der Zusammenarbeit zwischen Chor, Internat und Schule. Regelmäßige Gespräche gab es natürlich schon früher – doch dass die Schule nun selbst das Heft in die Hand nimmt, ist ein Novum: „Wir müssen viel mehr miteinander kommunizieren, damit alles reibungslos läuft“, weiß Veeh-Drexler und bezeichnet die Zuarbeit ihres Kollegen als „sehr hilfreich“.
 
Doch was genau sind nun diese „neuen Töne“, die man aus dem Direktorat hören kann? Es sind Sätze wie „Ich habe immer schon K-Klassen [Anmerkung der Redaktion: eigene Chorklassen K steht für Knabenchor] unterrichtet und es hat mir immer einen Riesenspaß gemacht.“ Auch wenn die schulischen Leistungen wie bei anderen auch bei diesen Schülern zuweilen schwankten, betont Veeh-Drexler: „Die haben auf jeden Fall was drauf. Und eins können sie eben besonders gut: Singen!“ Als Sportlehrerin hat sie vollstes Verständnis für den auf Chorseite gerne gezogenen Vergleich zwischen der Arbeit im Ensemble und dem Spitzensport: „Da sind doch ganz deutliche Parallelen und die Jungs trainieren genauso hart, nur eben in einem anderen Bereich. Das sehe ich vollkommen ein“, sagt die Direktorin und setzt hinzu: „Natürlich muss auch Verständnis für unsere Belange aufgebracht werden.“
 
„Die Choristen sind ein wertvoller Teil der Schulgemeinschaft.“
Doch heute klingt diese Forderung längst nicht mehr so trotzig wie noch vor Jahren, sondern erinnert eher an eine ausgestreckte Hand: „Wir ziehen doch an einem Strang!“ Denn Veeh-Drexler weiß und betont auch: „Wir sind auf die Choristen angewiesen. Sie sind ein wichtiger Bestandteil, nicht nur, was die Schülerzahlen betrifft.“ Dass die Lehrerin, die wie andere ihrer Kollegen ganz plakativ und gerne die Tasche mit dem Logo des Knabenchores nutzt, die Choristen als „wertvollen Teil der Schulgemeinschaft“ bezeichnet, lässt genauso aufhorchen wie folgendes Statement: „Ich bin absolut stolz darauf, dass wir diese Jungs unterrichten dürfen!“ Die Teilnahme des Chores an den (stets ausverkauften) Festkonzerten der Schule sieht sie ebenfalls als großen Gewinn: „Bei uns treten wie in anderen Schulen natürlich die eigenen Ensembles auf – aber wir haben zusätzlich den Windsbacher Knabenchor!“
 
Wie kommt es zu dieser sympathischen Modulation im Tonfall? Barbara Veeh-Drexler ist selbst musikalisch, begann bereits im Kindesalter, im Chor zu singen, und wirkt aktuell in zwei Ensembles in Nürnberg und Neumarkt mit. Ihre Tochter, die in Windsbach das Abitur machte, studiert derzeit Gesang. Im Zimmer der Direktorin hängen Bilder vom Namenspatron der Schule. Geboren in Roth, ging sie in Schwabach auf das Adam-Kraft-Gymnasium, studierte in Erlangen und trat ihre erste Planstelle in Rothenburg ob der Tauber an. Es folgte der Wechsel an die frühere, eigene Schule und dann ans Schwabacher Wolfram-von-Eschenbach-Gymnasium, wo sie als Seminarlehrerin für Sport wirkte.
 
„Toll, mit so musikalischen Menschen zusammenarbeiten zu dürfen“
Jahre später suchte sie eine neue Herausforderung, die sie 2009 als Mitarbeiterin der Schulleitung des Johann-Sebastian-Bach-Gymnasiums fand. Der Grund für das Interesse gerade an dieser Einrichtung war die Begeisterung für die Musik, schließlich existiert in Windsbach neben der neu- und altsprachlichen sowie der naturwissenschaftlich-technologischen Ausbildungsrichtung auch ein spezieller Zweig: Das Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium darf sich Musikgymnasium nennen. Und: „In Windsbach lässt es sich gut leben“, sagt Veeh-Drexler. Hier wohnt die Familie bereits seit 1995. Bereichernd ist für sie ebenfalls, was sie gerade hier erlebt: „Es ist eine ganz tolle Sache, mit Menschen zusammenarbeiten zu dürfen, die die Musik so sehr lieben.“
 
Natürlich weiß die Direktorin um ihre große Verantwortung, den eigenen schulischen Claim deutlich abzustecken. Doch in der konstruktiven Atmosphäre des verständnisvollen Miteinanders schaffte sie es nicht nur, den lange Zeit schwelenden Kleinkrieg zwischen Schule und Chor zu beenden, sondern sogar in eine Win-Win-Situation zu verwandeln: „Mir sind die schulischen Belange sehr wichtig, aber ich sehe eben auch die Herausforderung, den Chor auf diesem hohen Niveau zu halten. Nehmen können wir den Buben die reale Doppelbelastung nicht, aber wir können viel dafür tun, das Ganze etwas abzumildern“, sagt die Direktorin und benennt beispielsweise die separaten Chorklassen und den zusätzlichen Unterricht für Choristen, um die Belastungen in den Spitzenzeiten vor Weihnachten oder durch Konzertreisen zu verringern. Mit der Wiedereinführung von G9, die Veeh-Drexler ausdrücklich begrüßt, werde der Druck noch ein wenig kleiner, auch wenn erst im Jahr 2026 der erste entsprechende Jahrgang das Abitur ablegen wird.
 
Schule spricht aktiv potenzielle Choreltern an
Auch außerhalb des eigentlichen Stundenplans setzt sich Veeh-Drexler für Chorbelange ein: So sind sie oder ein Kollege aus der Schulleitung mittlerweile bei den Informationsabenden der Windsbacher präsent, um den anwesenden Eltern die Schule vorzustellen, auf die ihre Knaben hoffentlich bald gehen. Umgekehrt bekommt Internatsleiter Thomas Miederer Gelegenheit, beim Schul-Informationstag die Arbeit des Knabenchores und die besondere Verbindung zwischen Musikgymnasium und Chor darzustellen. Heuer zum zweiten Mal besuchen auch alle Fünftklässler, die nicht im Chor singen, eine Probe, wo ihnen von Martin Lehmann, Thomas Miederer und Erziehungsleiter Alfred Frosch zeigen, wie ihre Mitschüler singen, wohnen und zusammenleben.
 
Manche Dinge haben am Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium unveränderlich Bestand, wie das großflächige Wandgemälde im Kunstsaal, das bereits den Raum schmückte, als man selbst dort mit Pinsel und Farben hantierte. Anderes ändert sich – auch dank der Initiative von Lehrkräften wie Barbara Veeh-Drexler, für die das Verständnis für die Arbeit im Windsbacher Knabenchor weit mehr ist als ein Lippenbekenntnis.